Valley Talk: Gefahr aus dem Kopfhörer

Valley Talk: Gefahr aus dem Kopfhörer

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Matthias Hohensee: Wird das Geld für neue Ideen und Produkte knapp?

Können die Deutschen auf MP3 wirklich stolz sein oder hat der digitale Geniestreich womöglich das Gehör einer ganzen Generation desensibilisiert?

Als Angela Merkel jüngst bei ihrem Besuch der renommierten Stanford-Universität im Silicon Valley deutsche Technologie-Leistungen aufzählte, durfte das Datenkompressionsverfahren MP3 nicht fehlen. Die maßgeblich von Wissenschaftlern des Fraunhofer-Instituts entwickelte Technik hat die Musikindustrie verändert, auch wenn vorrangig US-Firmen an MP3-Abspielgeräten verdienen.

Doch können die Deutschen auf MP3 wirklich stolz sein? Oder hat der digitale Geniestreich womöglich das Gehör einer ganzen Generation desensibilisiert? Zumindest die Beobachtungen von Jonathan Berger legen dies nahe. Der Stanford-Professor für Musik befragt seit Jahren seine Studenten, ob die mit komprimierten Musikdateien zufrieden sind oder den vollen Hi-Fi-Sound bevorzugen.

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Überraschendes Ergebnis: Seit Jahren steigt die Zahl derer, die den Klang gepackter Musik dem unkomprimierten Audiospektrum vorziehen immer weiter an. Berger schließt daraus, dass sich der Klanggeschmack geändert habe.

Guter Sound ist messbar

Sean Olive dagegen hält Bergers Erkenntnis für Unsinn: „Guter, exakt reproduzierter Sound ist keine Geschmacksfrage, sondern wissenschaftlich messbar.“ Das muss er auch so sehen. Immerhin ist Olive Akustik-Forschungschef bei Harman International. Der US-Hersteller gilt als Top-Adresse für anspruchsvolle Soundsysteme.

Alarmiert von Bergers Beobachtungen lud Olive jüngst Schüler einer Highschool aus Los Angeles zu ausgiebigen Tests in die Harman-Studios ein. „Alle konnten den Unterschied zwischen unterschiedlich dicht gepackten Sounddateien erkennen – und bevorzugten weniger komprimierte Songs“, gibt sich der Wissenschaftler erleichtert.

Gefahr aus dem Kopfhörer

Nun ist Olive nicht ganz unbefangen, schließlich setzt Harman mit High-End-Audiotechnik knapp drei Milliarden Dollar jährlich um. Doch tatsächlich macht der technische Fortschritt Olives Sorgen ohnehin obsolet. In Zeiten des Highspeed-Internets spielt Datenkompression nicht mehr die Rolle wie in den Neunzigerjahren als die Musik-Pirateriebörse Napster MP3 populär machte.

Die dort getauschten Songs waren extrem komprimiert, um sie über die damals noch langsamen Internet-Verbindungen verteilen zu können – und zugleich die knappen Speicher von Computern und MP3-Abspielgeräten zu schonen. Heute sind die über Anbieter wie Apple oder Amazon verkauften Songs so aufbereitet, dass nur wirklich Audiophile noch Unterschiede zu Musik-CDs erkennen.

Und so droht die wirkliche Gefahr für das Hörvermögen der Generation iPod wohl weniger von allzu stark komprimierten Musikdateien, sondern schlicht von deren zu laut gestellten Kopfhörern.

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