_

Valley Talk: Microsoft: Riese ohne Plan

Kolumne von Matthias Hohensee

Microsoft bringt ein Mobiltelefon für die Generation Facebook auf den Markt. Experten reiben sich erstaunt die Augen: Was will der Softwarekonzern damit?

Matthias Hohensee: Wird das Geld für neue Ideen und Produkte knapp? Quelle: Gabor Ekecs für WirtschaftsWoche
Matthias Hohensee: Wird das Geld für neue Ideen und Produkte knapp? Quelle: Gabor Ekecs für WirtschaftsWoche

Wie kündigt man ein Produkt an, das es eigentlich nicht geben dürfte, weil es der öffentlich proklamierten Strategie widerspricht und langjährige Geschäftspartner verärgert?

Anzeige

Man erklärt es einfach zur exklusiven Ausnahme. So zumindest befreite sich Robbie Bach aus der Bredouille. Der Chef von Microsofts Unterhaltungssparte präsentierte in der vergangenen Woche in San Francisco die ersten eigenen Microsoft-Mobiltelefone namens Kin One und Kin Two. Zunächst nur in den USA erhältlich, sind die von dem japanischen Elektronikkonzern Sharp gefertigten Handys im Herbst über die Mobiltelefongesellschaft Vodafone auch für europäische Handykunden zu haben.

Die Kin-Telefone richten sich laut Bach vor allem an die Generation der 15- bis 30-Jährigen, die ihr Mitteilungsbedürfnis via Twitter, Facebook und Myspace befriedigen. Mit anderen Worten: Sie sind für eine begrenzte Zielgruppe gemacht. Keine Konkurrenz also für Toshiba, LG und HTC, die Mobiltelefone mit Microsofts Handysystem Windows Mobile ausstatten, versichert Microsoft. Doch das mag so recht keiner glauben.

Microsoft braucht Erfolge

Und die Fachwelt fragt sich erstaunt: Was will Microsoft mit den Geräten? Ihnen fehlen viele der Funktionen, die erfolgreiche Smartphones wie das iPhone groß gemacht haben: Weshalb ein Handy, auf dem sich keine externen Programme installieren lassen – keine Spiele, kein Kalender, keine Internet-Videos? Die vielen Programme, mit denen Nutzer die Telefone genau für ihre Bedürfnisse einrichten konnten?

Überzeugende Antworten darauf liefert Microsoft nicht. Nur, dass die Nutzer Programme über das Internet nutzen können. „Das Kin verwirrt mich“, textet deshalb einer der Autoren des Technik-Blogs Engadget. Es ist „zum Scheitern verurteilt“, schreibt ein Mitarbeiter des Social Media Blogs The Next Web.

Dabei ist die Technik der Telefone in Ordnung: Zu einem Preis von wahrscheinlich 100 Dollar bekommen Kunden eine Videokamera sowie einen starken Blitz für gute Innenaufnahmen. Die Oberfläche ist innovativ: Öffnet man den Startschirm des Kins, loggt sich das Gerät automatisch bei Twitter und Facebook ein und bringt die neuesten Updates von Freunden und Bekannten auf das kleine Display.

Die Pläne für das neue Telefon wurden stets heftig bestritten. Kein Wunder. Microsoft lizenziert die mobile Version seines Betriebssystems Windows an Handyhersteller und hielt sich bislang aus dem Hardwaregeschäft heraus. Trotz anders lautender Beteuerungen tritt der Konzern nun mit seinen bisherigen Partnern wie HTC in einen Wettbewerb auf dem Hardwaremarkt. Bemerkenswert ist dabei, dass für die Kin-Telefone eine neue Betriebssystemvariante von Windows Mobile entwickelt wurde. Das Chaos ist komplett.

Dabei bräuchte Microsoft dringend Erfolge im boomenden Geschäft mit Multifunktionshandys. Bislang führt dort Blackberry-Hersteller Research in Motion. Laut dem Marktforschungsunternehmen Comscore sind die Kanadier im wichtigen US-Markt mit einem Marktanteil von 43 Prozent die Nummer eins, gefolgt von Apple mit 25 Prozent. Der Ex-Smartphone-Pionier Microsoft ist auf 15,7 Prozent abgerutscht. Neuling Google schafft mit sieben Prozent den vierten Platz.

Microsoft hätte mittlerweile ausreichend Know-how für eine erfolgreiche Handyreihe. Der Konzern unterhält ein Forschungslabor auf dem Campus in Redmond, in dem Ingenieure und Verhaltensforscher über neue Funktionen für Mobiltelefone sinnieren. Außerdem hat der Konzern vor ein paar Jahren das Unternehmen Danger gekauft, das mit seinem Telefon Sidekick einer der ersten Anbieter von Multimediahandys war.

Doch das Kin ist eine Enttäuschung. Es ist zu beschränkt in seinem Funktionsumfang. Und zugleich ist Microsoft mit seinem Fokus auf eine junge Zielgruppe nicht allein: Vor wenigen Tagen brachte Nokia – für viele überraschend – die Telefone C3, C6 und E5 heraus, die sich ebenfalls an die Generation Facebook richten. Menschen, denen es vor allem darum geht, mit Freunden in Kontakt zu bleiben, die E-Mail und Kalender als Belastung und nicht als Hilfe betrachten. Einige von denen werden sich wahrscheinlich auch für das Kin entscheiden. Doch letztlich ist es zu limitiert für einen Massenerfolg. Wer kann, wird sich ein iPhone oder Android-Handy von Google kaufen, schon wegen der größeren Auswahl an Spielen und Programmen.

Wieder einmal agiert der Softwareriese in einem neuen Geschäft völlig planlos. Wie einst im Online-Musikgeschäft. Dort setzte der Konzern zu lange auf externe Partner. Als Microsoft mit dem Zune einen passablen Konkurrenten hatte, war Apples iPod schon zu stark. Es sieht so aus, als ob sich die Geschichte gerade wiederholt.

Zu diesem Artikel
2 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 20.04.2010, 20:02 UhrAnonymer Benutzer: Hägar Schmidt

    Eigentlich hatten ursprünglich Microsoft und RiM Apple was vorgemacht, und Jobs wollte was vom Kuchen. Nun ist Steve's Produktreihe sehr erfolgreich, RiM hält die Stellung, und Microsoft rutscht ab. Warum? Weil Software alleine heutzutage umsonst sein muss (Opensource), doch Leute sind bereit, für Appliances zu zahlen (was man in der Hand halten kann, bezahlt man lieber als eine "abstrakte" Software oder Dienstleistungen). Microsoft war aber noch nie wirklich erfolgreich im Appliance-bereich (Xbox ist schon ganz nett, aber nicht wirklich ein Durchbruch). Microsoft hat eben nicht die Hardware-Designkompetenz und die charismatische Hardware-Figur wie Steve Jobs. Da jedoch Software alleine heutzutage kostenlose, homogene Massenware ist (nicht wirklich, aber so wird sie durch die Opensource-Fans stilisiert), kann Microsoft im Software-Kerngeschäft nicht weiterkommen. Dabei ist die Zeit für sinnvolle Produkte nicht schlecht: CloudComputing und Web 2.0 sind zunehmend unsexy, richtige Client-Software (Apps für verschiedene Computer) ist wieder im Kommen. Vielleicht sollte Microsoft Applikationen für iPads und gPhones entwickeln?

  • 20.04.2010, 13:56 UhrAnonymer Benutzer: HansiHansenHans

    Weils im Trend liegt ein Mobiltelefon herauszubringen. Apple machst vor und MS will was vom Kuchen. Nur blöd wenn man keine eigenen innovationen schafft sondern nur nachmacht. Apple bring den iPOD und MS unmittelbar den Zune...

Alle Kommentare lesen
weitere Fotostrecken

Blogs

Die Geldklammer - Gastbeitrag von Frank Dopheide zur Serie "Aussterbende Insignien der Macht"
Die Geldklammer - Gastbeitrag von Frank Dopheide zur Serie "Aussterbende Insignien der Macht"

Teil 8 – Die silberne Geldklammer. Geld regiert die Welt, das war so und das bleibt so. Nur das Geld verändert seine...

Wirtschaftswoche

Inhalt

Abo

eMagazin

iPad

Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.