Valley Talk: Von der Macht verwandter Geschmäcker

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Matthias Hohensee: Wird das Geld für neue Ideen und Produkte knapp?

Kolumne

Ein neues Meinungsportal soll Schummler besser entlarven. Internet-Pionier J. R. Johnson will mit seinem neuen Portal Lunch beweisen, dass es tatsächlich erfolgreich als Fake-Filter wirkt.

Virtual Tourist aus Los Angeles war Ende der Neunzigerjahre eines der ersten Online-Angebote, bei dem Reisende ihre Eindrücke über Hotels, Restaurants, Fluglinien oder Geschäfte im Internet verewigen konnten. Doch kaum hatten der US-Anwalt J. R. Johnson und sein deutscher Geschäftspartner Tilman Reissfelder die Bewertungs-Webseite etabliert, drohten das Platzen der Dotcom-Blase und die Terroranschläge in den USA sie zu vernichten.

Denn mit der Weltwirtschaft fiel auch die Reisebranche in die Krise. Die Werbeumsätze, einzige Einnahmequelle von Virtual Tourist, blieben aus. Johnson und Reissfelder hielten das Unternehmen mit ihren Ersparnissen über Wasser, bis sich die Lage 2003 normalisierte. Das hat sich gelohnt. Im Juli 2008 wurde der Dienst für mehrere Millionen Dollar vom Konkurrenten Tripadvisor übernommen, der zum Online-Reisebüro Expedia gehört.

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Neuer Fake-Filter soll Schummler aufspüren

Während Reissfelder seither die Welt bereist, hat Johnson das nächste Internet-Unternehmen gegründet. Es heißt Lunch und soll ein Problem aller Bewertungsportale lösen: Der Wust unterschiedlichster Meinungen der Internet-Nutzer erschwert die Entscheidung, wenn die Kommentare zu weit auseinanderklaffen. Zudem mischen die Hersteller bei den Bewertungen mittlerweile kräftig mit: Entweder wird die Konkurrenz madig gemacht oder das eigene Produkt in den Himmel gelobt. Schummeleien zu erkennen, ist aufwendig und kostet Zeit.

Hier setzt Lunch an – ein Mix aus dem Nachschlagewerk Wikipedia, einem sozialem Netzwerk wie Facebook oder StudiVZ und einem Meinungsportal, das eine Brücke zwischen von Nutzern generierten und professionellen Inhalten schlägt. Anonyme Beiträge sind nicht gestattet. Bewertet werden kann alles, von Produkten wie etwa Apples iMac bis hin zu Michelle Obamas aktuellster Garderobe. Lunch liefert die Grundinformationen, etwa Spezifikationen für den jüngsten Blackberry, professionelle Tests, Zeitungsartikeln und Einkaufsquellen. Darauf können Amateur-Schreiber aufsetzen.

Johnson baut darauf, dass Leute mit ähnlichen Interessen und Erfahrungshorizont auch ähnliche Geschmäcker haben. Statt also alle Meinungen zu bestimmten Produkten lesen zu müssen, werden voranging Kommentare von Nutzern mit ähnlichen Interessen präsentiert. Je mitteilungsbedürftiger ein Autor ist, desto leichter lässt sich erkennen, ob tatsächlich ein realer Konsument dahinter steckt oder eine PR-Agentur.

Johnson will beweisen, dass Lunch tatsächlich erfolgreich als Fake-Filter wirkt. Bis der Beweis allerdings erbracht ist, gilt auch für Onliner die alte Weisheit: Wenn ein Produkt im Web zu euphorisch bejubelt, um wahr zu sein, sollte man die Finger davon lassen.

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