Verkaufsstart iPhone 4s: Klebrige iCloud

Verkaufsstart iPhone 4s: Klebrige iCloud

Vor dem Verkaufsstart des iPhone 4s: Das Gerät bringt nicht nur eine ausgeklügelte Spracherkennung. In dessen Software steckt vor allem ein weiterer Versuch von Apple, Kunden langfristig an sich zu fesseln.

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Apple Chief Executive Officer Tim Cook speaks in front of an image of the iPhone 4S at Apple headquarters in Cupertino, California in this October 4, 2011 file photo. People who want the new $200 Apple iPhone 4S may have to get in line on October 14, 2011 when it appears on the shelves because U.S. wireless phone carriers appear to have sold out. Orders for the latest iPhone, the last product the company introduced before the death of its co-founder Steve Jobs, surpassed 1 million in the first 24 hours, beating Apple's previous one-day record of 600,000 sales for the iPhone 4, according to Apple. REUTERS/Robert Galbraith/Files (UNITED STATES - Tags: SCIENCE TECHNOLOGY BUSINESS)

Keine Frage: Das neue iPhone 4S, das am Freitag auch hierzulande auf den Markt kommt, wird besser sein als das bisherige. Am 4. Oktober auf dem Apple-Campus in Cupertino vorgestellt, hat es eine höher auflösende Kamera, lädt Web-Seiten doppelt so schnell herunter. Vor allem aber weist es mit seiner neuen intuitiven Spracherkennung die Konkurrenz in die Schranken. Mit ihr lassen sich Kurznachrichten diktieren, Termine verlegen, gar auf Zuruf Wechselkurse ausrechnen. So hofft der neue Apple-Chef Tim Cook, die Konkurrenz bis zum nun für nächstes Jahr erwarteten iPhone 5 auf Abstand zu halten.

Der eigentliche Coup aber, den der Computerbauer landet, wird nicht bloß der Marktstart des neues iPhones sein. Es ist die riesige Halle in Apple-typischem Weiß, in dem akkurat aufgereiht Hunderte, wenn nicht Tausende Serverschränke stehen – kurzum: das brandneue Rechenzentrum im US-Bundesstaat North Carolina. Von hier aus will Apple seine Strategie auf die Spitze treiben und Konkurrenten dauerhaft ausgrenzen.

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Das Mittel dazu heißt iCloud, auf Deutsch: iWolke. iPhone- und iPad-Besitzer sollen hier ihre Fotos, Kalender, Dokumente, Adressbücher und in Zukunft vor allem Musiktitel nicht mehr auf der eigenen Festplatte speichern, sondern sie via Internet jederzeit und überall von den Apple-Servern abrufen. „Wir verschieben das Zentrum deines digitalen Lebens in die Cloud“, hatte Apple-Gründer Steve Jobs schon im Juni angekündigt.

Gegen Google und Amazon

Und da das neue Angebot nur mit Apple-Geräten funktioniert, ist der Service die neueste Methode von Apple, die spektakulär gewonnenen Marktanteile im Smartphone- und Tablet-Geschäft zu zementieren. Denn haben Kunden erst einmal all ihre Daten Apple-Servern anvertraut, hängen sie im Fliegenfänger. Experten nennen das Phänomen „Klebrigkeit der Cloud“. Mit all den Daten zu einem konkurrierenden Cloud-Anbieter umzuziehen, werde für Nutzer ein Albtraum, prognostiziert etwa der Deutschlandchef des internationalen Technologie-Beraters IDC, Wafa Moussavi-Amin. Jeden Neukunden heute und künftig könne Apple so für lange Zeit an sich binden.

Damit heizt Apple den Wettbewerb vor allem mit Amazon und Google an. Beide Konzerne drängen ebenfalls ins Cloud-Geschäft. Selbst wenn die Motive der Giganten dafür sehr verschieden sind. Wolle Apple mit dem Cloud-Computing vor allem den Verkauf von iPhone & Co. fördern, ziele Google in erster Linie auf das Werbegeschäft, sagt Gartner-Analyst David Mitchell Smith. Und Amazon als Online-Händler verspreche sich von seinen Cloud-Kunden mehr Umsatz beim Verkauf elektronischer Bücher, Musik und Filme. Das mobile Web und das Cloud-Computing sind dabei die Schlachtfelder, wo die Interessen der Konzerne aufeinanderprallen.

So ist es kein Zufall, dass Amazon-Chef Jeff Bezos ausgerechnet wenige Tage vor dem Start von Apples iCloud seinen ersten eigenen Tablet-Rechner Kindle Fire ins Rennen schickt – in Amerika zum Kampfpreis von 199 Dollar, rund zwei Drittel billiger als das iPad. Damit will der Konzern Nutzer vor allem ins eigene Cloud-Angebot locken. „Auf Amazons Cloud-Dienste wird man sicher am elegantesten über Amazon-Geräte zugreifen können“, sagt IDC-Chef Moussavi-Amin.

Entscheidung in fünf Jahren

Vor diesem Hintergrund ist auch der erbitterte Rechtsstreit um Patente und Geschmacksmuster zwischen Apple und dem koreanischen Elektronikkonzern Samsung zu sehen. Die beiden Unternehmen streiten zurzeit weltweit in insgesamt 23 Gerichtsverfahren, Zahl weiter steigend. Samsung produziert nicht nur Prozessoren für iPhone und iPad, sondern inzwischen auch selbst Flachcomputer wie das Galaxy Tab 10.1 oder Smartphones wie das Galaxy S. Die Geräte arbeiten mit dem Google-Android-Betriebssystem – und sind somit eine potenzielle Einstiegsdroge für aktuelle und künftige Cloud-Dienste von Google. Mit den Prozessen gegen Samsung versucht Apple, Google so lange wie möglich auszubremsen.

Noch halten vor allem die zum Teil teuren Miniprogramme für iPhone und iPad Kunden vom Wechsel zu preiswerten Smartphones oder Tablets ab, die mit dem Google-Betriebssystem oder Microsofts Windows Phone 7 laufen. Doch immer mehr App-Hersteller wie das Berliner Unternehmen Yoc arbeiten an Programmen, die Nutzer zu anderen Geräten mitnehmen können. Dabei hilft ihnen der neue Internet-Standard HTML 5, mit dem sich plattformunabhängige Apps entwickeln lassen.

Google versucht indes mit einem eigenen Projekt namens Data Liberation Front zu kontern. Ziel ist es, den Nutzern des künftigen Google-Cloud-Angebots zu ermöglichen, ihre Daten einfach zu exportieren. Beobachter sehen darin vor allem den Versuch Googles, Nutzern die Sorge zu nehmen, man gehe dem Konzern in die Falle. Nach Meinung von Gartner-Analyst Smith werden aber „vor allem Geschäftskunden auf dieses Detail achten, weniger die privaten Nutzer“. IDC-Chef Moussavi-Amin rechnet damit, dass in spätestens fünf Jahren die Fronten zwischen den Anbietern geklärt sein werden. Dann wird sich zeigen, wer in dem Verteilungskampf die besseren Lockmittel für die Nutzer hatte.

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