Ideenklau in der Industrie 4.0: "Viele verkennen die Gefahren"

InterviewIdeenklau in der Industrie 4.0: "Viele verkennen die Gefahren"

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Oliver Winzenried ist Vorstand von Wibu-Systems, einem der größten Anbieter für Software- und Dokumentenschutz.

Der Sicherheitsexperte Oliver Winzenried warnt vor neuen Angriffen auf Maschinenbauer und Fabriken, ermöglicht durch das vernetzte Fertigungskonzept Industrie 4.0.

WirtschaftsWoche: Herr Winzenried, in Zukunft werden die Maschinen und Anlagen von Kunden und Herstellern in bislang unbekanntem Maß vernetzt sein. Wie groß ist die Gefahr von neuen Hackerangriffen oder ungewolltem Know-how-Abfluss durch Industrie 4.0?

Oliver Winzenried: Es gibt schon jetzt fast täglich Know-how-Klau, auch ohne die Vernetzung wie bei Industrie 4.0. Konkurrenten besorgen sich eine Maschine, zerlegen Soft- und Hardware – fertig. Laut Branchenverband waren rund 71 Prozent der deutschen Maschinenbauer schon von Produktpiraterie betroffen, der Schaden belief sich allein 2013 auf fast acht Milliarden Euro. Mit Industrie 4.0 kommen neue Gefahren hinzu, die viele Unternehmen noch immer verkennen. Die größte kriminelle Bedrohung sehe ich dabei in der Manipulation von Produkten, ohne dass es der Hersteller überhaupt merkt.

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Zur Person

  • Oliver Winzenried

    Winzenried, 52, ist Vorstand von Wibu-Systems, einem der größten Anbieter für Software- und Dokumentenschutz. Wibu wurde unter anderem vom Bundeswirtschaftsministerium ausgezeichnet.

Wie kann das gehen?

Sabotage ist nicht schwer. Ein Hacker könnte beispielsweise bei einem Autohersteller computermanipuliert die Lackschicht auf den Wagen ein wenig zu dünn ausfallen lassen. Der Rückruf- und Imageschaden wäre gigantisch, denn bis die ersten Kunden ihn bemerken, sind womöglich schon jahrelang zigtausend Wagen vom Band gelaufen. In der Chemieindustrie könnten zum Beispiel Rezepturen gefährlich verändert werden, im Maschinenbau können Produktpiraten einfacher als bisher zuschlagen.

Wer sind die Bösen?

Weltweite Konkurrenten, Erpresser, die entweder das ganze Unternehmen oder einen einzelnen Mitarbeiter unter Druck setzen. Das können Terroristen sein – und nicht zu vergessen Staaten mit eigenen nationalen Interessen.

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Wer ist denn in der Fabrik der Zukunft mit ihren kommunizierenden Maschinen überhaupt für deren Sicherheit zuständig? Der Konstrukteur und Lieferant der Maschine oder der Betreiber?

Am Ende ganz klar der Betreiber. Die Hersteller müssen die einzelnen Sicherheitskomponenten natürlich anbieten, aber der Betreiber muss sie auch richtig anwenden. Dafür müssten Industrie und Politik aber einheitliche Standards durchsetzen – und zwar schneller als bisher. Im Moment läuft es mit den Initiativen und Ausschüssen zu diesem Thema wie so oft in Deutschland: Vor lauter Ehrgeiz, alles perfekt zu machen, kommen wir zu spät. Erfahrungsgemäß ist es aber sinnvoller, schnell Sicherheit auf mittlerem Level herzustellen, als in ferner Zukunft vielleicht 110 Prozent schaffen zu können.

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