Raubzüge im ICE: Die dreiste Masche der erpresserischen Datendiebe

Raubzüge im ICE: Die dreiste Masche der erpresserischen Datendiebe

von Jürgen Berke

Datenklau ganz analog: Banden stehlen Handys und Laptops von Managern, um die Besitzer oder deren Firmen mit den erbeuteten Daten zu erpressen. Häufig sind sie in deutschen Zügen unterwegs.

Die Diebe schlagen am frühen Dienstagmorgen zu, und das Opfer ist ausgerechnet Dieter Kempf. Der Vorstandsvorsitzende des Nürnberger IT-Dienstleisters Datev und Präsident des IT-Dachverbands Bitkom reist am 19. Mai mit dem ICE zum 14. IT-Sicherheitskongress in Bonn. Um 13 Uhr soll er dort eine Expertenrunde über „sichere mobile Kommunikation“ moderieren.

Doch dann wird ausgerechnet Deutschlands höchster IT-Repräsentant beim Zwischenstopp in Würzburg Ziel eines Angriffs von Cyberkriminellen.

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Diese Cyber-Gefahren gilt es zu entschärfen

  • Cyber-Kriminalität

    Friedrich will die Bürger schneller vor Risiken warnen und den Informationsaustausch zwischen Unternehmen über neu entdeckte Angriffsstrategien verbessern.

  • Wirtschaftsspionage

    Großkonzerne treiben teils großen Aufwand, Geschäftsgeheimnisse gegen digitalen Diebstahl zu sichern. Kleineren Unternehmen aber fehle oft das Risikobewusstsein, moniert der Innenminister.

  • Schutz kritischer Netze

    Die Nationale Strategie zum Schutz kritischer Infrastrukturen stammt von 2009. Sie soll Strom-, Wasser- oder Telefonnetze absichern. Ihre Umsetzung zieht sich hin.

  • Vorratsdatenspeicherung

    Friedrich will Telefon- und Internet-Verbindungsdaten EU-konform sechs Monate speichern. Bundesjustizministerin Leutheusser-Schnarrenberger geht das zu weit.

Gerade ist der ICE im Hauptbahnhof eingefahren. Nur zwei Minuten haben die Fahrgäste zum Ein- und Aussteigen Zeit. Da machen sich drei Männer an ihr Werk: Der eine steht auf dem Bahnsteig Schmiere, der zweite hält die Zugtür offen, der dritte sucht im Großraumwagen der 1. Klasse nach sorglosen Geschäftsleuten, die für einen kurzen Moment ihre Laptops und Smartphones unbeaufsichtigt an ihrem Sitzplatz zurücklassen.

Kempf ist in seinen Laptop vertieft, als der Dritte im Diebesbund eines seiner beiden Smartphones, einen Blackberry Z 30, aus seinem Jackett am Kleiderhaken fischt – und flieht. Der Bitkom-Chef hatte Glück im Unglück: Sein Blackberry mit dem neunstelligen Zugriffscode und dem achtstelligen Code ins Firmennetz lässt sich kaum knacken. Dennoch sagt er: „Ich ärgere mich am meisten über mich selbst. In Zürich ist mir das schon mal passiert.“

Mehrfach hat Kempf in den vergangenen zwei Wochen diese Geschichte in Managerkreisen erzählt – und dabei unter vier Augen erfahren, dass vielen Kollegen schon das Gleiche passiert ist. Denn offenbar hat es eine neue Sorte Cyberkrimineller auf Firmendaten abgesehen.

Anders als gewöhnliche High-Tech-Kriminelle hacken sie sich aber nicht in die Datennetzwerke ihrer Opfer, um diese Daten dann missbräuchlich einzusetzen. Ihnen geht es gar nicht so sehr um die ergaunerten Bits und Bytes; die sind vielmehr Mittel, um von den eigentlichen Besitzern Lösegeld zu erpressen.

Diese Branchen sind am häufigsten von Computerkriminalität betroffen

  • Gesamt

    Der Branchenverband Bitkom hat Anfang 2015 in 1074 Unternehmen ab 10 Mitarbeitern danach gefragt, ob das jeweilige Unternehmen innerhalb der letzten zwei Jahre von Datendiebstahl, Wirtschaftsspionage oder Sabotage betroffen war. Gut die Hälfte der befragten Unternehmen gaben an, tatsächlich Opfer von IT-gestützter Wirtschaftskriminalität geworden zu sein.

    Quelle: Bitkom/Statista

    Stand: 2015

  • Platz 5

    Im Handel wurden 52 Prozent der befragten Unternehmen in den vergangenen zwei Jahren Opfer von Cyber-Kriminalität.

  • Platz 4

    58 Prozent der befragten Unternehmen in der Medien- und Kulturbranche gaben an, in den letzten zwei Jahren Computerkriminalität erlebt zu haben. Ebenso viele Unternehmen aus der Gesundheitsbranche klagten über IT-Kriminalität.

  • Platz 3

    Das Finanz- und Versicherungswesen ist ein lohnendes Ziel für Hacker, Wirtschaftsspione und Datendiebe: 60 Prozent der befragten Unternehmen konnten von Datendiebstahl oder ähnlichem während der vergangenen zwei Jahre berichten.

  • Platz 2

    Fast zwei Drittel der Unternehmen der Chemie- und Pharmabranche hatten in den vergangenen zwei Jahren mit Datendiebstahl, Wirtschaftsspionage oder Sabotage zu kämpfen.

  • Platz 1

    Auf Platz 1: Der Automobilbau. 68 Prozent der Autobauer klagten über Wirtschaftskriminalität in Form von Datendiebstahl, Wirtschaftsspionage oder Sabotage.

Besonders viel Lehrgeld musste der Frankfurter Rechtsanwalt Klaus Müller* zahlen. Der Jurist, zu dessen Mandanten auch Top-Manager gehören, hatte nur kurz seinen Sitzplatz verlassen, um ein Getränk aus dem Bordrestaurant zu holen. Als er zurückkehrte, war sein Laptop verschwunden. Keine Stunde später griffen die Diebe erstmals auf Dokumente und Kontaktlisten zu, die im kanzleiinternen Netzwerk unverschlüsselt hinterlegt waren.

* Name von der Redaktion geändert

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