Versorgung: Stromnetz-Flaute bei Sturm

Versorgung: Stromnetz-Flaute bei Sturm

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Windkraft könnte zur Überlastung der Stromnetze führen

Der wachsende Anteil der regenerativen Energien stellt die Betreiber der Stromnetze vor große Probleme. Experten warnen bereits vor Versorgungsengpässen.

Der Sommer wird ganz schrecklich, heiß und chaotisch. Wenn die Temperaturen wie von einigen Wetterexperten prognostiziert im Juni auf über 30 Grad steigen sollten, werden überall in den Bürogebäuden und Fertigungsstätten die Klimaanlagen auf vollen Touren laufen – und die Stromversorgung kollabieren lassen. Dies befürchtet zumindest Matthias Kurth, der Chef der Bundesnetzagentur, die über die deutschen Strom- und Telefonnetze wacht. Ähnliches drohe, wenn aufgrund von anhaltender Trockenheit die Flüsse kein Kühlwasser mehr für die Kraftwerke liefern und die Windparks zwischen Flensburg und Füssen stillstehen sollten.

Auch Jürgen Großmann, der neue Chef des Energieversorgers RWE, malt in diesen Tagen gerne schwarz. Es fehle in ganz Europa an Kraftwerken und Übertragungskapazitäten, warnt er. Tagelange Stromausfälle seien deshalb nicht auszuschließen, wenn es während eines heißen Sommers zu wartungsbedingten Ausfällen einzelner Kraftwerke komme. „Wir müssen schnell neue Leitungen und vor allem neue Kraftwerke bauen – sonst drohen Engpässe und Blackouts“, warnte der Vorstandsvorsitzende des zweitgrößten deutschen Stromkonzerns.

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Alles nur Panikmache? Keineswegs. Auf lange Sicht gibt es Engpässe. Warum das Netz aber ausgerechnet im kommenden Sommer zusammenbrechen soll, ist den meisten Experten ein Rätsel. „Es gibt keine gravierenden Veränderungen, die auf ein Risiko hinweisen, das größer ist als im vergangenen Jahr“, sagt Gerd Hinüber, Oberingenieur am Institut für Elektrische Anlagen und Energiewirtschaft der RWTH Aachen.

Dennoch lässt auch er keinen Zweifel daran, dass die Gefahr von Blackouts von Jahr zu Jahr wächst, wenn keine neuen Kraftwerke gebaut werden und vor allem: wenn nicht in den Ausbau und die Erneuerung der Stromnetze investiert wird. Vor allem im Nordosten Deutschlands, in dem es nur wenige große Stromverbraucher gibt, aber immer neue Windräder wie Spargel aus dem Boden schießen. Da kann es schnell kritisch werden, wenn etwa bei einer kräftigen Brise die Räder deutlich mehr Strom produzieren als üblich, so die Erfahrung von Wolfgang Neldner, Technischer Geschäftsführer des Stromnetzbetreibers Vattenfall Europe Transmission. Vattenfall zählte nach eigenen Angaben 2006 noch 80 Tage mit kritischen Situationen. Im vergangenen Jahr waren es bereits 155 Tage. Und während der ersten 29 Tage des Jahres 2008 gab es bereits an 28 Tagen kritische Situationen. „Der Ausnahmefall früherer Jahre ist bei uns inzwischen zur Regel geworden“, klagt Neldner.

Die Sicherheit der Energieversorgung ist in Deutschland derzeit ein heißdiskutiertes Thema. Die Hannover Messe, die am 21. April beginnt, bietet ein gutes Forum, um diese Fragen zu diskutieren. Allein im Rahmenprogramm gibt es 217 Veranstaltungen zu Energiefragen, darunter eine ganze Reihe von Vorträgen und Diskussionen über die Probleme, erneuerbare Energien und die Leistungsfähigkeit der Stromnetze aufeinander abzustimmen.

Strom aus Wind ist eigentlich eine feine Sache. Dumm ist nur, dass das Lüftchen unstet weht. Für Kritiker ist die Öko-Energie damit seit eh und je unkalkulierbar und inakzeptabel. Und auch andere Formen einer dezentralen Stromerzeugung haben ihre Tücken: Der massenhafte Einsatz von Kleinkraftwerken im Keller von Einfami-lienhäusern, unzählige Solarkraftwerke und eine wachsende Zahl von Biomassekraftwerken drohen das Stromnetz zu überfordern. Andererseits haben die Erneuerbaren ihre Vorzüge. „Bei großen Kraftwerken geht viel zu viel Energie verloren. Kleinere Kraftwerke haben einen deutlich höheren Wirkungsgrad“, weiß Rik De Doncker, der Leiter des E.On-Instituts für Energieforschung an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) in Aachen.

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