Viren-Pandemie: Hundert neue Schweinegrippe-Fälle täglich

Viren-Pandemie: Hundert neue Schweinegrippe-Fälle täglich

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Die Schweingrippe breitet sich auch in Deutschland immer schneller aus: Von einem Tag auf den anderen stieg die Zahl der neuen Infektionen rasant an

Mehrere hundert Deutsche erkranken täglich neu an der Schweinegrippe. Allein Ende vergangener Woche ist die Zahl registrierter Fälle um 500 auf rund 3400 hochgeschnellt. Inzwischen drohen einige Krankenkassen damit, die Beiträge zu erhöhen, um die Impfkosten zu decken.

Mehrere Hundert Deutsche erkranken täglich neu an Schweinegrippe. Allein Ende der vorigen Woche sei die Zahl der registrierten Fälle um 500 auf rund 3400 hochgeschnellt, sagte der Vizepräsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Reinhard Burger, heute in Berlin.

Ein Viertel der Patienten habe sich in Deutschland angesteckt. „Ein Großteil der Fälle geht zurück auf Reiserückkehrer aus Spanien“, ergänzte Burger. Am stärksten betroffen seien Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. „Die Pandemie ist in der Tat angekommen, das neue Virus hat sich innerhalb von zwei Monaten über die ganze Welt verbreitet, so schnell ging das noch nie.“

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Das Institut sehe die Entwicklung „mit Sorge“ und rechne mit einer weiteren Steigerung der Krankheitsfälle, weil immer mehr Menschen aus dem Urlaub zurückkämen. Derzeit sei noch keine seriöse Aussage zu treffen, wie sich die Situation weiter entwickelt. „Wir gehen aber davon aus, dass in den nächsten Wochen ein Anstieg der Fälle beobachtet werden muss“, sagte Burger.

Einig seien sich die Experten nur, dass es zum Winter hin mehr Fälle geben wird. Urlaubern riet Burger nur indirekt von Reisen ab. „Das Virus ist überall, das muss den Reisenden bewusst sein.“

Schüler bekommen früher Ferien

Wegen zahlreicher Fälle von Schweinegrippe schicken immer mehr Rektoren ihre Schüler eher in die Sommerferien. So soll eine Ausbreitung der Krankheit verhindert werden. In Pfullingen wurde heute eine Realschule geschlossen, weil sich bei einer Klassenfahrt nach Großbritannien 13 Schüler einer 9. Klasse mit der Schweinegrippe angesteckt hatten.

Auch die Waldorfschule in Mannheim ist bis Ferienbeginn zu, nachdem sich drei Schüler bei einer Reise nach Barcelona infizierten. In Tübingen wurde ebenfalls eine Realschule geschlossen. Dort wurde das Virus bei zwei Schülern nachgewiesen. Zeugnisse gibt es dort erst nach den Ferien.

Angesichts der gebotenen Eile bei der Entwicklung eines Schweinegrippe-Impfstoffs diskutieren Experten über die Sicherheit der Testverfahren. Die einen sehen den beschleunigten Zulassungsprozess mit Skepsis und warnen vor möglichen Nebenwirkungen.

Die anderen verweisen auf den Zeitdruck: Das Risiko, dass der Impfstoff, nicht rechtzeitig vor Beginn des Winters zur Verfügung stehe, sei einfach zu hoch. Vor einer Freigabe des Vakzins müssten alle Sicherheitsbedenken ausgeräumt sein, sagte der zuständige Abteilungsleiter bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Keiji Fukuda. „Zu den Dingen, bei denen man keine Kompromisse eingehen darf, zählt die Sicherheit von Impfstoffen“, sagte er. .

Vereinfachtes Testverfahren oder gründlichere Prüfung?

Seit rund 40 Jahren werden Menschen gegen Grippe geimpft. Viele Fachleute halten ein aufwendiges Testverfahren daher für überflüssig.

Schließlich enthalte der Schweinegrippe-Impfstoff nur eine neue Komponente: den Schweinegrippe-Erreger. „Alle tun das Beste, das sie können, in einer Situation, die alles andere als ideal ist“, sagte Martin Harvey-Allchurch, Sprecher Europäischen Arzneimittelagentur (EMEA).

Normalerweise werden Grippeimpfstoffe innerhalb der EU in klinischen Studien über Wochen oder Monate an mehreren hundert Personen erprobt. Um sicherzustellen, dass der Schweinegrippe-Impfstoff vor Beginn der Grippesaison vorliegt, erlaubt die EMEA den Pharmafirmen ein vereinfachtes Testverfahren.

Dadurch könnte es allerdings schwierig werden, die richtige Dosierung zu finden.

Die Gefahr besteht in erster Linie darin, dass eine zu niedrige Dosis keinen ausreichenden Impfschutz bietet. Aber auch im Hinblick auf mögliche Nebenwirkungen warnen Experten vor den langfristigen gesellschaftlichen Folgen: Die allgemeine Impfmüdigkeit könnte dramatisch zunehmen und die Ausbreitung anderer Infektionskrankheiten begünstigen.

USA sucht Freiwillige für Impfung

In den USA lässt man sich mehr Zeit als in Europa. Die Regierung hat in der vorigen Woche mehrere tausend Freiwillige aufgerufen, sich ab August als Probanden für die Erprobung des Schweinegrippe-Impfstoffs zur Verfügung zu stellen.

Es gebe keinen Grund, Zugeständnisse in Sachen Sicherheit zu machen, sagt der Bioethik-Experte George Annas von der Boston University. Doch auch in den USA gibt es Stimmen, die zur Eile mahnen.

Falls der Impfstoff nicht rechtzeitig zur Verfügung stehe, seien die Folgen gravierend, sagt Harvard-Experte Leonard Marcus. Wenn man vor der Zulassung alle Nebenwirkungen ausschließen wolle, laufe man Gefahr, im Bemühen, wenige Menschenleben zu retten, viele Menschenleben zu verlieren.

Als vor einigen Jahren die Vogelgrippe grassierte, entwickelte die EMEA einen besonderen Plan, um im Falle einer Pandemie schnellstmöglich einen Impfstoff zur Verfügung zu haben. Sie ließ Unternehmen Daten für eine Art Pseudo-Impfstoff unter Verwendung des H5N1-Virus vorlegen. Der Grundgedanke: Die Testphase sollte bereits vor einer globalen Epidemie weitgehend abgeschlossen sein, so dass im Ernstfall nur noch der Pandemie-Erreger dem Impfstoff hinzugefügt werden muss.

Sobald die ersten Schweinegrippe-Vakzine zur Verfügung stehen, will die EMEA vor allem auf die Vogelgrippe-Impfstoff-Daten zurückgreifen - denn deren Zusammensetzung ist vergleichbar. Sollte die Behörde zu dem Schluss kommen, dass die vorliegenden Daten Aufschluss darüber liefern, wie der Schweinegrippe-Impfstoff wirkt, erfolge die Zulassung, sagte EMEA-Sprecher Harvey-Allchurch. Jeder, der an der Entwicklung eines Impfstoffs beteiligt sei, bemühe sich um eine Beschleunigung des Verfahrens, sagte WHO-Abteilungsleiter Fukuda.

Aber niemand bestreite, dass die Sicherheit des Impfstoffs nicht in Frage stehen dürfe.

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