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Virtuelle Kraftwerke: Das Ende der Einbahnstraße

von Georg Weishaupt Quelle: Handelsblatt Online

Immer mehr Kunden in Deutschland produzieren Strom selbst. Um im Markt mitzuspielen, sind sie aber zu klein. Deshalb schließen sie sich zu virtuellen Kraftwerken zusammen. Doch das Vernetzen bleibt nicht die einzige Herausforderung für virtuelle Kraftwerke.

Virtuelle Kraftwerke sollen die vielen neuen Windkraft- und Solaranlagen in Deutschland intelligent ins Stromnetz integrieren. Quelle: handelsblatt.com
Virtuelle Kraftwerke sollen die vielen neuen Windkraft- und Solaranlagen in Deutschland intelligent ins Stromnetz integrieren. Quelle: handelsblatt.com

DÜSSELDORF. Zwei Kinder spielen am Küchentisch Karten. Plötzlich fällt das Licht aus. In der Wohnung. Im gesamten Häuserblock. In der ganzen Stadt. Ein blauer Lastwagen des technischen Hilfswerks rückt mit Sirenengeheul aus, um die Notversorgung mit Strom sicherzustellen. Geht bei uns bald das Licht aus?

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Mit dieser düsteren Szene startet ein Werbefilm von Enercon, Solarworld und Schmack Biogas. Die drei Unternehmen beschwören den Atomausstieg und das Ende der Kohleförderung. Gleichzeitig setzen sie ihr Netzwerk aus Wind-, Solar-, Biogas- und Wasserkraftanlagen als Alternative dagegen.

Dieses Pilotprojekt ist eines von vielen, die für den neuen Trend zu virtuellen Kraftwerken stehen. Virtuell, weil viele kleine Einzelkraftwerke an verschiedenen Orten sich zusammenschließen und ihren Strom gemeinsam anbieten. An solchen Projekten arbeiten große Energiekonzerne wie RWE und Eon, aber auch alternative Anbieter wie die Hamburger Unternehmen Lichtblick und Enversum.

Was treibt sie an? "Wir müssen zum Beispiel die vielen neuen Windkraft- und Solaranlagen in Deutschland intelligent ins Stromnetz integrieren", sagt Martin Kramer, Projektmanager für dezentrale Energiesysteme der RWE-Tochter Rheinland Westfalen Netz AG. Die einzelnen dezentralen Anlagen seien oft zu klein, um ihre Leistung an die großen Netzbetreiber als Regelenergie oder an der Strombörse zu verkaufen. Außerdem fördert die Bundesregierung die dezentrale Energieerzeugung, um die CO2-Bilanz zu verbessern.

Eine große Herausforderung für die gesamte Branche, die ein Eon-Sprecher in München so beschreibt: "Bisher wird Strom von größeren Kraftwerken erzeugt und an Verbraucher verteilt, eine klassische Einbahnstraße." Doch immer mehr werde "aus den Einbahnstraßen ein komplexes Autobahnsystem mit mehrspurigem Verkehr in beide Richtungen". Denn die Kunden, Privathaushalte und Unternehmen, nutzen zwar den Strom der Energieversorger, werden aber mit eigenen Solaranlagen gleichzeitig zu Stromanbietern.

Damit die neue Vielfalt auch praktisch funktioniert, schließen verschiedene Energiekonzerne die Minikraftwerke zu virtuellen größeren Einheiten zusammen. Dafür müssen zahlreiche Probleme gelöst werden. "Sie müssen die kleinen Kraftwerke über eine Zentrale so steuern, dass sie zusammen rund um die Uhr Strom in der geplanten Menge liefern können", sagt Heinrich Bartelt, Geschäftsführer der Regenerativkraftwerke Harz.

Das Unternehmen ist einer von 19 Partnern des großen Modellversuchs im Harz, wo verschiedene Energieerzeuger derzeit das Zusammenspiel von Solar-, Wind-, Biogas- und Wasserkraftwerken testen. Wenn zum Beispiel die Windräder bei einem lauen Lüftchen stillstehen, die Solaranlagen wegen einer Wolkendecke keinen Strom produzieren, dann füllen Biogas- und Wasserkraftwerke die Lücke.

Überschüssige Energie wird gespeichert

Und was geschieht, wenn die Windräder zu schnell laufen und mehr Strom produzieren als erforderlich? "Dann speichern wir ihn in Pumpspeicherkraftwerken", sagt Bartelt. Das geht so: Mit der überschüssigen Energie wird Wasser über Rohrleitungen in ein hochgelegenes Speicherbecken gepumpt. Bei Bedarf lässt man das Wasser wieder ins untere Becken laufen und treibt damit Turbinen an, die Strom erzeugen. Außerdem setzt er auf neue Batterien, um Strom zu speichern. 2013 soll das virtuelle Kraftwerk im Harz nach einem Testlauf ans Netz gehen.

RWE ist da schon weiter - zumindest in den Niederlanden. Die Tochter Essent hat dort sogenannte Blockheizkraftwerke von Hunderten Gewächshäusern zusammengeschaltet und verkauft den überschüssigen Strom an externe Kunden. Blockheizkraftwerke erzeugen, meist angetrieben durch Gasmotoren, Strom und nutzen die dabei entstehende Wärme zum Heizen.

Auch in Deutschland bereiten verschiedene Unternehmen solche Projekte vor. "Wir wollen ab September dieses Jahres Energie anbieten, das aus mehr als 100 Blockheizkraftwerken kommt", kündigt Erich Ogilvie, Geschäftsführer des Hamburger Energiehändlers Enversum an. Sein Ziel ist es, insgesamt eine Leistung von mindestens 15 Megawatt zu bündeln, denn dann wird er zum Handel an der Strombörse zugelassen.

Noch ehrgeizigere Ziele hat der Hamburger Ökostromanbieter Lichtblick zusammen mit VW. Er testet derzeit Mini-Kraftwerke des Wolfsburger Autokonzerns, die ebenfalls die sogenannte Kraftwärmekopplung nutzen, also Heizen und gleichzeitig Strom erzeugen. Lichtblick plant, ab Sommer die ersten Kunden anzuschließen. Insgesamt wollen die Hamburger 100 000 Anlagen verkaufen und zu einem Kraftwerk mit einer Leistung von 2 000 Megawatt vernetzen. Das entspricht in etwa der Kapazität von zwei Atomkraftwerken.

Doch das Vernetzen bleibt nicht die einzige Herausforderung für virtuelle Kraftwerke. "Es ist sehr wichtig, dass auch der Energieverbrauch intelligent gesteuert wird", merkt Kramer von RWE an. Es geht darum, dass der Privatkunde zum Beispiel dann seine Wasch- oder Spülmaschine einschaltet, wenn der Wind stark weht - also viel Strom zur Verfügung steht.

Beim Modellprojekt im Harz soll das "Bemi - Bidirektionales Energiemanagement-Interface" beim Kunden dafür sorgen, dass er solche günstigen Zeiten nutzt. Das Gerät schaltet dann die Waschmaschine ein. Ein Schritt in diese Richtung ist auch das Smart Meter, das Eon heute schon als intelligenten Stromzähler nutzt.

Ob Smart Meter, Bemi, ob Solar- oder Windenergie - virtuelle Kraftwerke werden in Zukunft immer mehr zum gesamten Stromverbrauch beitragen.

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