Von Nullen und Einsen: Das aufgeblasene Jahrzehnt

kolumneVon Nullen und Einsen: Das aufgeblasene Jahrzehnt

Bild vergrößern

Bei MySpace, Google, Facebook und co. bekommt jeder Kunde individuelle Werbebotschaften

Kolumne von Ben Schwan

Enorme technische Fortschritte - und trotzdem jede Menge Krisen: Die ausklingenden Nullerjahre haben die digitale Welt vollkommen verändert, sie aber nicht unbedingt einfacherer gemacht. wiwo.de-Technik-Kolumnist Ben Schwan erinnert an Hypes und Bubbles und die vielen Dinge, die sich dann doch im Mainstream durchsetzten.

Erinnern Sie sich noch an den Jahreswechsel 1999/2000? Ich mich ziemlich genau: Nachdem ich das vorherige Silvesterfest in New York verbracht hatte, blieb ich diesmal lieber zu Hause in Berlin. Mit dem angeblich bevorstehenden "Y2K"-Chaos, das so mancher Techniker der Welt androhte, hatte das relativ wenig zu tun - eher damit, dass ich diesmal etwas mehr Ruhe haben wollte. (Ich muss allerdings einräumen, dass ich mir dann doch sicherheitshalber einen Kontoauszug vom 31. Januar 1999 zirka 22 Uhr besorgt hatte. Man konnte ja nie wissen.)

Wir lebten damals in einer anderen, fast unschuldigen Welt. Der Terror des 11. September und die daraufhin erlassenen, scharfen Sicherheitsgesetze lagen noch in weiter Ferne. Die Technologiebranche boomte, obwohl die damals verfügbare Hardware - graue PC-Boxen mit Windows 98 oder Windows NT mit 15-Zoll-Monitoren - verglichen mit heute relativ unsexy war. (Okay, den ersten iMac gab's natürlich schon.)

Anzeige

Internet hatten bereits einige Menschen in Deutschland, wenn auch beileibe nicht die Mehrheit. Bei mir Zuhause gab es einen DSL-Anschluss mit den damals höchstmöglichen 768 Kilobit pro Sekunde, nachdem ich meine ISDN-Karte endlich verschrottet hatte. Mein Mobiltelefon, es muss die aus "The Matrix" bekannte Nokia-Banane oder das erste Ericsson mit Bluetooth gewesen sein, wurde vor allem zum Telefonieren und SMSen eingesetzt. Drahtlose Modemversuche taugten höchstens zum Angeben - sieh mal, ich kann Telnet vom Flughafenbus aus!

Mobiles Internet überall

Was ich mit all der Nostalgie passend zum Übergang in die Zehnerjahre sagen will: Wir haben einen langen technischen Weg hinter uns. Inzwischen surft man mit 50 Megabit pro Sekunde, wenn man sich beispielweise der Telekom-VDSL-Knechtung unterwirft, oder, flächendeckend allerdings nur in anderen Ländern, sogar mit mehr. Mobiles Internet ist weitläufig verfügbar und nicht mehr ganz so teuer, bedarf zur Begleichung also keines Bankraubes mehr. Das Netz hat eine soziale Revolution losgetreten - angefangen bei den Blogs, die jedem das Publizieren erlauben und für frischen Wind in der Medienbranche sorgten, über Echtzeitmedien wie Twitter bis hin zu Organisationswerkzeugen wie Facebook, die Revolutionen antreiben können.

Die Kehrseite der Medaille ist der Datenschutz - beziehungsweise sein ständiges Zusammenschmelzen. Egal ob kommerzielle Firmen oder Behörden, so viele Informationen über jeden einzelnen von uns waren noch nie so leicht abrufbar - und wir selbst helfen dabei kräftig mit.

Und dann waren da noch die Hypes und Bubbles, das Blasenhafte in der Technologie. 1999 hatten wir den Dotcom-Boom, der relativ abrupt ab Frühjahr 2000 endete. Anleger hatten eingesehen, dass es offenbar doch keine so gute Idee ist, Aktien von Firmen zu kaufen, die noch keinerlei Gewinn einfahren. Die Szene berappelte sich trotzdem. Die meiner Meinung nach spannendsten Entwicklungen gab es nach dem Ende der Blase 1.0 ab 2002, als Leute damit anfangen mussten, ohne viel Kapital eigene Geschäftsmodelle aufzubauen und dabei stets Nutzen und Profitabilität im Auge hatten, weil es nicht anders ging. Dinge wie das Blogging wurden damals groß, auch weil viele interessante Menschen nichts besseres zu tun hatten.

Ab 2004, 2005 war dann ein neuerlicher Internet-Hype zu beobachten, der allgemein auf den Namen Web 2.0 hörte: Googles Milliardenaufkauf des unprofitablen Videodienstes YouTube fallen einem hier ein, Murdochs Einstieg bei MySpace für 600 Millionen - oder aber eine Facebook-Bewertung durch einen Anteilskauf von Microsoft, die jenseits von gut und böse war.

Da es jedoch parallel zum Web 2.0-Boom keine US-Aktienblase gab (die hatte sich furchtbarerweise in den Immobilienmarkt verschoben), blieb das alles recht harmlos. Stattdessen begannen viele Internet-Firmen, sehr sehr einträglich zu arbeiten, was ja irgendwann bei einem derart bedeutsamen Medium nicht ganz schlecht ist.

Wie es mit der IT- und Internet-Szene weitergehen könnte, habe ich bereits in der letzten Woche beschrieben - es bleibt spannend, aber auch ziemlich unsicher. Die fast kindliche Unschuld, die wir alle 1999, zwei Finanzblasen zuvor, noch hatten, ist jedenfalls verloren. Auf neue technische Entwicklungen werden wir trotzdem weiterhin mit großen Augen schauen.

Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%