Von Nullen und Einsen: Die Nadel im Datenhaufen

kolumneVon Nullen und Einsen: Die Nadel im Datenhaufen

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Logo des ehemaligen US-Konzerns Enron

Kolumne von Ben Schwan

So beeindruckend die Enthüllungen von Wikileaks und Co. mit ihren Hunderttausenden von Dokumenten auch erscheinen mögen - die Weltgeschichte verändert haben sie bislang noch nicht. Das liegt auch daran, dass das heutige Hauptproblem für Journalisten und Aufklärer nicht mehr im Materialumfang liegt, sondern in der Analyse, meint wiwo.de-Technik-Kolumnist Ben Schwan.

Erinnern Sie sich noch an die Enron-Affäre? Das war ein US-Energiekonzern, der zum Ausklang des Dot-Com-Todesmarsches ein Jahr nach der Jahrtausendwende das Zeitliche segnete. Er krachte zusammen, weil das Management üble Bilanztricks angewendet haben soll, inklusive allerlei börslicher und außerbörslicher Bereicherungsaktionen großen Maßstabs. Firmengründer Kenneth Lay verstarb, Ex-CEO Jeffrey Skilling sitzt für 24 Jahre und vier Monate im Knast, Ex-Finanzchef Andrew Fastow für sechs. Unzählige Aktionäre verloren ein Vermögen. Der zuständige Staatsanwalt sagte bei Skillings Verurteilung, die Sache sei sehr einfach: Enron und sein Management hätten Anteilseigner und Öffentlichkeit betrogen.

Dass bei Enron nicht alles koscher war, ließ sich allerdings schon vor dem endgültigen Zusammenbruch im Jahr 2001 erkennen. Es kamen nur erstaunlich wenige Personen auf die Idee. Schon im Jahr 2000 hatte ein Journalist des "Wall Street Journal", der eine Kolumne für die texanische Lokalausgabe schrieb, die Idee, die Disclosure-Formulare und bei der Börsenaufsicht eingereichten Geschäftsberichte von Enron näher zu untersuchen. Und, so unfassbar es klingt: Da stand viel von dem drin, was später den Skandal auslösen sollte. Die unter Umständen problematische "Mark to Market"-Buchhaltung, die noch nicht realisierte Gewinne als echte Gewinne titulierte, der Einsatz gefährlich hart an der Grenze aufgestellter Zweckgesellschaften und einiges mehr. Enron hatte sich dank braver Buchhalter zu großen Teilen an die Offenlegungsregeln gehalten.

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Nadel im Datenhaufen

Ich will hier jetzt nicht tiefer in den Fall einsteigen - wer mag, soll im höchst lesenswerten Text "Open Secrets" von Malcolm Gladwell aus der Januarausgabe des "New Yorker" von 2007 schmökern. Die Sache zeigt aber eines ganz deutlich: Wir leben in einer Zeit, in der das Problem für Aufklärer und Journalisten nicht mehr ist, dass ihnen Daten fehlen würden, sondern dass es fast zu viele sind. Wikileaks mit den "Data Dumps" aus dem Irak- und Afghanistankrieg und zuletzt die diplomatischen US-Kabel sind nur das jüngste Beispiel. Natürlich, es gab Handfestes aus dem Material zu berichten, etwa die große Anzahl ziviler Tote im "Krieg gegen den Terror", das Ausspionieren von UN-Angehörigen durch die Amerikaner oder (meinetwegen) auch der Maulwurf in Guido Westerwelles Büro. Doch die Welt verändern, wie es Julian Assange gerne sähe, wird das nur langsam.

Die Freigabe großer Informationsmengen kann nämlich schlichtweg auch dazu dienen, Interessantes zu verstecken. Trotz großer Fortschritte in der Datenbank- und semantischen Wortanalysetechnik kann es sein, dass man es mit einer Nadel im Datenhaufen zu tun bekommt. Und Journalisten und Aufklärer sind bislang nicht oder nur unzureichend darauf vorbereitet, jagten sie bislang doch Geheimnissen in der realen Welt nach, nicht Geheimnissen in bereits auf der Festplatte liegenden Gigabyte-Bergen.

Die Lösung steckt noch in den Kinderschuhen

Es gibt auch eine Lösung für dieses Problem, die allerdings noch in ihren Kinderschuhen steckt: den sogenannten Datenjournalismus. Dabei unterstützen Statistiker und Programmierer die Reporter und Autoren bei der Aufbereitung des entdeckten Materials. Ideales Endergebnis sind dabei nicht unbedingt reihenweise Scoops, sondern eine für den Nutzer verständliche Darstellung - am besten grafisch so geschickt, dass sie auch Laien ohne verwirrte Blicke verstehen. (Die auf Twitter und in Blogs gerade so beliebten Infografiken machen es vor.)

Und je interaktiver die Aufbereitung ist, umso besser: Die User sollen sich selbst ein Bild der Situation machen. Dabei darf der Journalist aber gerne auch auf die wichtigsten Punkte hinweisen, muss das aber am besten im Sinne eines aufgeklärten Nutzers auch kennzeichnen. Die Salami-Taktik bei der Infofreigabe ist, so schwer es Fans von Kracheraufmachern und Riesenschlagzeilen fallen mag, in der Internet-Zeit von gestern.

Hinzu kommt, dass man die Nutzer in die Arbeit mit einbeziehen muss. Das hat gleich mehrere Vorteile. Erstens entsteht eine engere Bindung zum jeweiligen Medium, der Leser fühlt sich als Teil der Sache. Zweitens sehen Tausende Augen einfach mehr als die (wenn es hoch kommt) mehrere Dutzend Experten in einer Redaktion. So nutzte der "Guardian" in der Affäre um Abgeordnetenspesen in Großbritannien Crowdsourcing, um den abstrusesten Fällen auf die Spur zu kommen. Dazu muss man aber auch Vertrauen in seine Nutzer haben.

In einer offenen Gesellschaft zu leben, in der immer mehr Menschen immer mehr Zugriff auf wichtige Daten haben, mag den ein oder anderen erschrecken und harte Reaktionen hervorrufen. Doch ein Zurück gibt es nicht. Journalisten und Experten, Nutzer und Whistleblower müssen das Beste daraus machen. In die Tube geht diese Zahnpasta nicht mehr.

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