
Stellen Sie sich vor, Sie gehen seit Jahren regelmäßig in den Stadtpark, um Sport zu treiben. Das können Sie völlig kostenlos und zu jeder Zeit - schließlich wurde das Gelände von Ihren Steuergeldern finanziert. Dann fällt der Stadt plötzlich ein, sie braucht frisches Geld - und beschließt eine Nutzungsgebühr von 50 Euro im Jahr. Dafür stattet sie den Stadtpark aber immerhin mit einer Flutlichtanlage aus, die alles etwas besser sichtbar macht. Die 50 Euro bezahlen Sie dafür zähneknirschend, schließlich treiben Sie gerne Sport und haben auch nichts dagegen, wenn es nachts keine dunklen Ecken mehr gibt. Allerdings fällt der Stadt gleichzeitig mit Erhebung der Jahresgebühr ein, die Nutzungsmöglichkeiten des Parks für die Bürger stark einzuschränken: So dürfen sie das Gelände nur eine bestimmte Zeit lang vollwertig nutzen und z.B. für einen Marathon trainieren, während sie den Rest des Tages dazu gezwungen sind, nur noch gemütlich zu spazieren. Außerdem hat die Stadt ein paar fiese Parkwächter eingestellt, die diese Nutzungsbeschränkungen scharf kontrollieren und Sie regelmäßig anbrüllen, wenn Sie sie übertreten.
Scheußliches Wirrwarr
So "krumm" dieses Beispiel auch klingen mag: Etwa sehr ähnliches passiert gerade mit dem deutschen Privatfernsehen. Jahrelang haben es die Zuseher finanziert, weil sie die für die Sender höchst lukrative Werbung angeschaut haben - dafür gab's jede Menge mehr oder minder interessanter Inhalte. Nun haben sich RTL Group und ProSiebenSat.1 Media AG allerdings dazu entschlossen, für besseres, weil hochauflösendes Fernsehen eine Jahresgebühr von 50 Euro zu verlangen. Der Name der Vermarktungsstrategie, die zu direkten Vertriebserlösen wie im Pay-TV führen soll, nennt sich "HD+" und nutzt die Satellitenplattform des Astra-Konzerns.
Neben den 50 Euro, die ab dem zweiten Jahr nach dem Receiverkauf auflaufen, gibt es künftig jede Menge Einschränkungen beim privaten HDTV. Fassen wir einmal, frei nach dem sehr lesenswerten HD+-Eintrag bei Wikipedia, zusammen. So können die Sender auf Wunsch:
die Aufnahme einer Sendung komplett verbietendas Abspielen von Aufnahmen zeitlich einschränken - zwischen sechs Stunden und 61 Tagen, auch wenn diese Restriktion derzeit von den Sendern noch nicht angewendet wirddas beliebte Timeshiftung, also zeitversetztes Fernsehen, verbieten oder z.B. auf 90 Minuten nach dem Ende einer Sendung begrenzenFernsehaufnahmen über die individuelle Seriennummer des Receivers an das Gerät binden, so dass sie nicht auf anderen Komponenten wiedergegeben werden können. Auch die Nutzung externer Festplatten und USB-Sticks ist so potenziell zu verbietendie Vorspulfunktion abdrehen, damit Nutzer auch stets den ganzen tollen Werbeblock sehen - und zwar selbst bei Mitschnitten, was ProSiebenSat.1 wohl nutzen möchte. Bei RTL und Vox ist gar angedacht, nur eine Wiedergabe in Echtzeit zu erlaubenVideoausgabemodi reglementieren, um beispielsweise zu verbieten, dass analoge Kopien über den entsprechenden Ausgang gezogen werden.
Hinzu kommt ein scheußliches Wirrwarr an möglichen Geräte-Kombinationen, das der Kunde zu beachten hat: Manche Empfangsmöglichkeiten schließen etwa das Aufzeichnen von vorneherein ganz aus, weil die Sender fürchten, dass es potenzielle Lücken geben könnte. Auch sind ganz normale Receiver, mit denen man bislang die mit der GEZ-Gebühr abgegoltenen unverschlüsselten HD-Angebote von ARD und ZDF sehen und aufzeichnen konnte, in vielen Fällen ungeeignet, weshalb man sich gleich Neugeräte anschaffen muss. Ähnliches gilt für Nutzer von Sky: Die können sich gleich eine zweite HD+-Box ins Wohnzimmer holen und das Chaos an Fernbedienungen, Geräten und Kabeln weiter erhöhen.
Methoden von gestern
Man muss sich wirklich fragen, was die Sender bei Ihrer Teilnahme an HD+ geritten hat. Böswillige Internet-Freunde interpretieren es als letztes Aufbäumen, zumal immer mehr Nutzer TV-Shows gleich dort downloaden oder per Stream sehen. All die schönen neuen Errungenschaften des digitalen Fernsehens werden bei HD+ auf dem Altar des Rechteschutzes geopfert. Und das offenbar nur, um sicherzustellen, dass sich die Kunden einen Film nicht nur im TV ansehen, sondern ihn später auch noch auf Blu-ray oder als Internet-Download erwerben. Auch die Zwangsverpflichtung der Zuseher, Werbeblöcke anzusehen, ist von gestern. In den USA wird der Trend zum Vorspulen mittlerweile dazu genutzt, herauszufinden, warum Nutzer abschalten - zudem entstehen neuartige Werbeformen, die weniger nerven.
Daher bleibt zu hoffen, dass die Zuschauer HD+ schlicht mit Nichtbeachtung bestrafen. Zahlen über die Annahme der Vermarktungsplattform sind bislang nur teilweise vorhanden. So prahlt die Astra-Tochter HD+ damit, sie habe "1,2 Millionen Empfangskarten an den Handel ausgeliefert" und "mehr als 300.000 HD+ Receiver im Handel verkauft". Wie viele davon wirklich bei Endkunden stehen - unklar.









