Von Nullen und Einsen: Generationskonflikt im Netz

kolumneVon Nullen und Einsen: Generationskonflikt im Netz

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WiWo-Technik-Kolumnist Ben Schwan lebt als Journalist in Berlin

Kolumne von Ben Schwan

20 Jahre hat das Web in diesem Jahr auf dem Buckel. Da wundert es nicht, dass das Netz mittlerweile von unterschiedlichen Generationen auch unterschiedlich erlebt wird. Die Art der Nutzungsmuster divergiert mittlerweile so stark, dass alte Internet-Hasen die Youngster nicht mehr verstehen - und umgekehrt. wiwo.de-Technik-Kolumnist Ben Schwan gibt den "grumpy old man".

Jesus, Maria und Josef, was hat sich das Netz verändert. Als ich 1993 oder 1994 erstmals Zugang zum Internet bekam, war das alles noch furchtbar grau. Ich erhielt textbasierten Zugriff auf das Web - über eine zu jener Zeit höchst fortschrittliche Einrichtung, die wir damals "Mailbox" nannten. Etwas später kam dann mein eigener E-Mail- und Usenet-Anschluss hinzu. Den bediente ich nicht etwa interaktiv - dazu waren die Telefonkosten für mein Modem zu teuer - sondern ich lud mir einmal alle paar Stunden alle Neuigkeiten herunter, um sie dann schön brav offline zu bearbeiten. Dann ging es für zwei Minuten wieder online, um den ganzen Senf zu versenden, nur um die Verbindung sofort wieder zu unterbrechen.

Als ich dann Zugriff auf das "echte" Internet hatte, auch etwa 1994, war das eine unfassbare Offenbarung: Ich konnte plötzlich ohne Zusatzkosten und inklusive hübscher Bildchen auf Servern in Hawaii, Tokyo oder San Francisco herumsurfen, obwohl ich doch eigentlich nur auf einem Rechner 15 Kilometer entfernt von meinem Heimatort eingewählt war. Sehr schnell entwickelte ich eine Chat-Sucht und unterhielt mich mitten in der Nacht mit Menschen aus Amerika, Australien und Israel. Die Welt stand mir offen, konzentriert im 8 Zoll großen Schwarz-Weiß-Display meines Compaq Aero.

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Nutzungsmuster ändern sich radikal

Die Kids von heute können über eine solche Erfahrung wahrscheinlich nur grinsen. Sie sind mit dem Internet aufgewachsen, es war nie weg. Auch die Nutzungsmuster änderten sich radikal. Während alte Netz-Hasen noch immer das E-Mail-Postfach als Dreh- und Angelpunkt ihres Internet-Erlebens sehen (Chats habe ich selbst vor ungefähr zehn Jahren aufgegeben, sogar IM-Botschaften gehen mir mittlerweile auf den Zeiger), surfen sie die halbe Zeit auf Facebook. Während ich Tag für Tag wie blöde viele Dutzend Nachrichtenquellen im Auge behalte, verlassen sie sich darauf, dass ihre Freunde sie auf interessante Neuigkeiten aufmerksam machen, sonst existieren sie für sie nicht.

E-Mails sind für diese Generation ein viel zu langsames, viel zu anstrengendes Medium. Es gibt Jugendliche, für die ist sogar Twitter zu viel, selbst wenn sich dort mittlerweile nahezu jedes Promi-Sternchen mit eigener Präsenz aufhält. Ich warte darauf, dass mir jemand aus der Generation 1990+ mitteilt, dass ihm (oder ihr) 140 Zeichen zu lang sind. "Geht doch auch kürzer", werden sie dann sagen.

Unterdessen scheint sich das technische Wissen hingegen zu dezimieren. Das Netz wird für die neue Generation immer mehr zu einem Medium, das einfach nur funktionieren soll - wie Fernsehen oder (viiiel früher) Radio. Da wundert es auch nicht, wenn Sicherheitsmaßnahmen nicht beachtet werden, altertümliche Virenkonzepte fröhliche Urständ feiern und so manche heutige Uni-Klasse (genauso wie die Politik) nicht weiß, was ein Browser ist ("Wie jetzt, Du meinst das Internet?").

Der Trend geht zum reinen Konsumieren

Wenn irgendein soziales Netzwerk mal wieder in einen Privatsphärenskandal verwickelt ist, greift unsereiner sofort in die Tasten, ruft eventuell nach neuen gesetzlichen Regelungen zum Datenschutz. Gefühlten 90 Prozent der zumeist jungen Nutzerschaft sind solche Dinge aber höchstwahrscheinlich gar nicht aufgefallen oder aber wurscht.

Als ich jünger war, freute ich mich auf eine Zukunft, in der alle viel technisches Wissen besitzen. Natürlich, es gibt in dieser neuen Generation viele geniale Programmierer, Jungunternehmer und dergleichen mehr. Doch der Trend, so scheint es mir, geht hin zum reinen Konsumieren.

Eventuell hat das ja alles mit den Zyklen zu tun, durch die jedes neue Medium unweigerlich durchmuss. Schon bei der Zeitung und beim Radio gab es anfangs ein "Everything goes". Dann kamen der Staat und die Industrie und institutionalisierten den kommunikativen Welpen. Wenn also beispielsweise große Internet-Provider momentan versuchen, die für die Demokratie im Netz so wichtige Netzneutralität aufzuweichen, dann tun sie das in dem Wissen, dass beileibe nicht jeder Nutzer versteht, worum es geht - oder sich gar darum schert. Der Meinungs- und Informationsstand ist eben nicht gleich verteilt, wie es sich Aktivisten erhoffen. Da kann man ja nur zum "grumpy old man" werden.

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