Von Nullen und Einsen: Gigabyte-Erbsenzähler

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Die Telekom öffnet die Schranken für VDSL: Doch das Angebot hat seine Tücken

Kolumne

Die Telekom ist auf die glorreiche Idee gekommen, ihre superschnellen VDSL-Anschlüsse mit einer Bandbreitenbremse zu versehen. Was jetzt noch harmlos klingt, könnte in einigen Jahren die Innovationsmaschine Internet gefährden.

Lange hat es gedauert, bis die Deutsche Telekom endlich bereit war, ihr aktuell schnellstes Breitband-Internetangebot für Privatkunden, die DSL-Nachfolgetechnik VDSL, ohne Zwangsbündelung mit zahllosen für viele Kunden unnötigen Zusatzangeboten zu verkaufen. Künftig müssen also keine rund 80 Euro im Monat mehr für nicht gewünschte TV-Sender, Online-Videotheken und diversen weiteren Schnickschnack gelöhnt werden.

Stattdessen ist das Internet-Glotze-befreite High-Speed-Netzangebot namens "Call & Surf Comfort VDSL" endlich verfügbar und wirkt mit 50 Megabit pro Sekunde zu Preisen von knapp 50 Euro zunächst recht vernünftig - selbst wenn der Rosa Riese seine Kundschaft damit dann einmal mehr für in dieser schnelllebigen Zeit eigentlich völlig inakzeptable zwei Jahre an sich bindet.

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Telekom baut die Drossel ein

Aber nicht nur die lange Mindestvertragslaufzeit nervt. Bei dem Angebot steckt der Teufel wie so oft im Detail. Der einstige Staatskonzern versucht mit dem neuen Angebot, Bandbreitenlimits ins Festnetz-Internet einzuführen, wie sie in Deutschland so seit vielen Jahren nicht bekannt waren. Entscheidet sich der Kunde für das neue VDSL-Angebot, muss er laut AGB damit leben, dass er ab 100 (VDSL mit 25 Megabit) beziehungsweise 200 Gigabyte (VDSL mit 50 Megabit) mächtig ausgebremst wird. Dann greift nämlich eine eingebaute Datendrossel und reduziert den schönen neuen Superanschluss auf völlig veraltete 6 Megabit pro Sekunde mit entsprechend verlangsamtem Upload. Das damit erzwungene DSL 6000 gibt's in Deutschland schon seit 2005. 

Nun kann man natürlich sofort fragen: 100 oder 200 GB im Monat, ist das nicht völlig ausreichend? Und natürlich, solche Datenmengen produzieren wohl anfangs nur Dauershopper bei Inhalte-Angeboten wie iTunes - wo eine 60-minütige HD-TV-Episode mit iPhone-Version mit knapp zwei Gigabyte zu Buche schlägt - oder Nutzer von hochauflösenden Video-Streams. Allerdings vermehren sich die gerade schlagartig und in Massen, so dass es, sollte das neue VDSL-Angebot ein Erfolg werden, bald zu Tausenden ausgebremsten Nutzern kommen könnte.

Oder, um es mit einer kleinen Rechnung zu verdeutlichen: 25 Megabit entsprechen 3,125 Megabyte pro Sekunde. Würde man diese Leitung voll auslasten, was mit entsprechend gut angebundenen Servern, wie sie bei professionellen Multimedia-Diensten längst eingesetzt werden, durchaus möglich ist, wären damit 100 Gigabyte (102.400 Megabyte) innerhalb von rund 546 Minuten, sprich: etwas mehr als 9 Stunden, erreicht. (Vorausgesetzt, die Telekom rechnet genau ab. Wird auch nur hier und da gerundet, kostet das weitere wertvolle Highspeed-Minuten.)

Bald werden wir alle zu Erbsenzählern

Schlimmer noch als vereinzelte genervte Dauersauger ist aber, dass ein Bandbreitenlimit dafür sorgen könnte, dass die Nutzer damit beginnen, sich genau zu überlegen, welche Internet-Dienste sie künftig nutzen. Mit einer echten Flatrate ist es einem herzlich wurscht, wie lange und wie bandbreitenintensiv ein Netzdienst ist. Genau das sorgte auch im Internet für all die multimedialen Innovationen der letzten Jahre, von IPTV über VoIP bis hin zu bezahlten Downloads, die die Inhaltewirtschaft retten sollen. Wenn wir bald alle zu Gigabyte-Erbsenzählern werden, bekommen solche tollen Angebote Probleme, genügend Nutzer zu finden.

Natürlich kann man sagen: Ist ja nicht schlimm, die Kundschaft bekommt bei Telekom-VDSL ja nicht den Anschluss abgedreht, sondern surft dann eben mit sechs Megabit weiter. Aber wo ist da dann der schillernde Fortschritt hin, den VDSL-High-Speed bringen sollte? Zudem könnte das nur der Beginn von Einschränkungen sein, eine Art schleichender Rollback.

Und wenn mir jetzt jemand damit kommt, dass sich die Angebote ja auch für den Provider in Form einer Mischkalkulation lohnen müssen: Schon richtig, doch warum hätten die Anbieter dann gerne staatliche Unterstützung beim Ausbau von Breitbandinfrastrukturen? Wieso können sie scheinbar nicht rechnen? Und dann käme dann auch noch hinzu, dass die Datenverkehrskosten seit Jahren nur einen Trend kennen: Nach unten.

Immerhin: Demnächst können auch andere Firmen die VDSL-Angebote der Telekom wiederverkaufen. Als mögliche Reseller haben sich bereits 1&1 und Vodafone (Ex-Arcor) gemeldet. Bislang sieht es nicht danach aus, als ob sie ebenfalls eine Bandbreitenbremse in ihre Dienste integrieren wollen. Blöderweise ist es in diesem unserem Kapitalismus allerdings gerne so, dass Unternehmen, die ihre Kunden erfolgreich und ohne großes Geschrei knebeln, schnell auf Nachahmer treffen. Das gilt beispielsweise für den Markt für mobiles Internet, wo sich für Multimedia-Nutzungen völlig unzureichende fünf Gigabyte im Monat etabliert haben und es erst langsam in Sachen Nutzung von wichtigen Internet-Diensten (VoIP, IM) eine Ausbruchfront gibt. Vielleicht sollte man so etwas mal beim nächsten Breitbandgipfel der Politik thematisieren. Oder ist das zu technisch?

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