Von Nullen und Einsen: Kleinweiche Finnen

kolumneVon Nullen und Einsen: Kleinweiche Finnen

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Nokia-Chef Stephen Elop, Microsoft-Chef Steve Ballmer

Kolumne von Ben Schwan

Nun ist die Katze aus dem Sack: Nokia rettet sich in seiner schweren Smartphone-Krise in die Arme des Softwareriesen Microsoft und übernimmt dessen halbgares Betriebssystem Windows Phone 7. Das war schon deshalb abzusehen, weil der neue Nokia-Chef enge Verbindungen in Richtung Redmond unterhält - doch im Grunde verbessert das die Lage nur wenig. Es wird eng für den einstigen europäischen Paradekonzern, meint wiwo.de-Technik-Kolumnist Ben Schwan.

Googles Vizepräsident für Ingenieurwesen, Vic Gundotra, der unter anderem für das Smartphone-Betriebssystem Android mitverantwortlich ist, machte vor einigen Tagen auf Twitter einen fiesen Scherz. "Zwei Truthähne ergeben keinen Adler", schrieb er, verbunden mit dem Schlagwort "#feb11", was für Nokias "Strategietag" am 11. Februar stand. "Truthahn" nennt man auf Englisch auch Produkte, die nicht besonders gut sind, die enttäuschen. Und die beiden Truthähne sind, soviel wissen wir nun, Microsoft und Nokia, die sich zusammentun, um gegen die gemeinsame Smartphone-Krise zu kämpfen, die ihnen zuerst Apples iPhone und dann schließlich Googles Android beschert hat.

Ich selbst muss zugeben, dass mich die Entscheidung des neuen Nokia-Chefs Stephen Elop genauso geschockt wie wenig gewundert hat. Geschockt deshalb, weil es eine derart radikale Abkehr ist von eigenentwickelter Software, die im Smartphone-Geschäft mehr und mehr zum Unterscheidungsmerkmal wird - hin zu einem Standardprodukt eines Softwareriesen, das selbst noch nicht besonders ausgereift ist. Nicht gewundert hat es mich deshalb, weil Elop selbst ein Microsoft-Gewächs ist, dort zuletzt die Business-Division verwaltete und weiterhin enge Kontakte nach Redmond pflegte.

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Es fehlt das "Killerargument"

Doch was bedeutet ein "Nokia Windows Phone" - man kann es irgendwie kaum aussprechen - für die entnervten Fans des einst stolzen europäischen High-Tech-Konzerns? Nun, zunächst einmal ist Windows Phone ja nicht totaler Murks. Die Smartphone-Oberfläche bekam von Testern recht solide Noten, was man von so manchem anderen Microsoft-Produkt nicht sagen kann. Der Softwareriese übte sich in einem radikalen Neubeginn, schmiss den alten Windows CE/Mobile/wie-es-auch-immer-zuletzt-hieß aus dem Fenster. Entwickler mussten ganz von vorne anfangen und schufen durchaus mittlerweile interessante Produkte.

Allerdings fehlt Windows Phone bislang noch das "Killerargument" - also irgendwelche Technologien, die es wirklich von den riesigen Android- und iPhone-Welten abheben würden. Es ist ein wenig so, als hätte Microsoft alle wichtigen Punkte auf der Funktionsliste moderner Smartphones abgehakt, eine recht hübsche Oberfläche darüber geklatscht und erwarte nun, dass das ausreicht. Tatsächlich verkaufen sich die Geräte bislang eher mittelmäßig, ein Hype a la iPhone ist schon gar nicht entstanden. Und dann gibt es da auch noch kleine, aber nervige Fehler und fehlende Funktionen - von Copy & Paste bis hin zu Multitasking. Und Microsoft macht bislang keine Anstalten, den Innovationszyklus zu beschleunigen. Und: Die Services, die die Plattform bietet - von der "Bing"-Suche bis zu Xbox Live - sind nett, aber nicht zwingend.

Wie reagiert der Markt?

Aber vielleicht hilft da ja die Smartphone-Kompetenz der Finnen Microsoft beim Aufbau der Plattform. Noch weiß allerdings niemand, wie ein "Nokia Windows Phone" überhaupt aussehen wird. Die Vorgaben an bisherige Hardware-Partner sind Microsoft-seitig nämlich erstaunlich streng: Die technische Bandbreite, mit der sich einzelne Geräte von der Konkurrenz absetzen können, ist klein - es sind nur Goodies wie bessere Lautsprecher oder Klapptastaturen, Bildschirmart, Prozessoren und sogar Tasten werden relativ eng vorgeschrieben. Nokia wird als Hardware-Spezialist aber wollen, dass sich seine Geräte von den Wettbewerbern abheben. Ich sehe zumindest hier bereits einiges Heulen und Zähneklappern auf die Entwickler und Designer in Espoo zukommen. Hätte sich Nokia im Kampf gegen seine "brennende Ölplattform", wie es Elop kürzlich erstaunlich offen bezeichnete, in die Arme von Googles Android begeben, können sich Nokias Gestalter wohl besser absetzen, auch Software-technisch - Google ist offener.

Fragt sich als letztes, wie der Markt reagieren wird. Da Windows Phone bislang nicht die Mega-Plattform ist, für die sie Microsoft hält, muss beim Marketing viel Geschehen, bevor Nutzer wieder von iPhone oder Android gen finnisch-amerikanische Technik wechseln. Es könnte aber auch zu spät sein. Immerhin: Microsoft hat tiefe Taschen und wird Windows Phone notfalls jahrelang subventionieren. Vielleicht kriegt da Nokia ja ein paar Cent pro Gerät von ab.

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