Von Nullen und Einsen: LTE: Schönes neues Netz?

kolumneVon Nullen und Einsen: LTE: Schönes neues Netz?

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LTE-Antenne der Deutschen Telekom in Kyritz (Brandenburg)

Kolumne von Ben Schwan

Mit LTE soll mobiles Internet endlich schnell und wirklich zuverlässig werden: Bis zu 100 Megabit pro Sekunde verspricht die neue Netztechnik. Nach dem, was bislang bekannt ist, müssen die Kunden allerdings mit alten Einschränkungen leben, die die Mobilfunker aus der untergehenden UMTS-Welt mitnehmen. Dabei hätte es eine Chance gegeben, langjährige Oligopole zu brechen, meint wiwo.de-Technik-Kolumnist Ben Schwan.

Technisch klingt LTE schon mal ganz hervorragend. Der Nachfolgestandard für UMTS, ausgeschrieben "Long Term Evolution", soll ab diesem Jahr die vierte Generation (4G) der mobilen Netztechnik auch in Deutschland einleiten. Zentraler Punkt sind diesmal anfangs nicht irgendwelche bunten Super-Handys - die kommen später -, sondern die direkte Online-Anbindung von Rechentechnik an möglichst vielen Orten der Republik. Dabei kommen zumeist kleine Datensticks für Desktop und Laptop zum Einsatz, wie man sie von UMTS her schon kennt. Allerdings wird damit dank LTE die Übertragungsrate auf bis zu 100 Megabit pro Sekunde hochgeschraubt. (Vom Netz aus wären sogar maximal 150 Megabit drin.)

Zudem können sich dank LTE mehr Nutzer eine Funkzelle teilen, was den Aufbau der Infrastruktur erleichtern und beschleunigen soll. Eine neue Luftschnittstelle, also die Art, wie die Daten drahtlos übertragen werden, soll dafür sorgen, dass sich Kunden weniger häufig ins Funkgehege kommen. Zusätzlich bereitgestellte Frequenzblöcke erlauben es außerdem, Regionen relativ einfach breitflächig zu erschließen, die bislang vom DSL-Ausbau ausgeschlossen waren. Dafür hat der Staat extra sogenannte "weiße Flecken" im Spektrum geöffnet, die vorher das mittlerweile altertümliche Analogfernsehen beherbergten. Die Zeit der Modem- und ISDN-Einwahl für Landbewohner soll damit endlich ein Ende haben.

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Die Player haben sich nicht verändert

Also alles fein im 4G-Reich? Leider nein. Nach dem, was bislang bekannt ist, wird sich an den Geschäftsmodellen der Mobilfunker bei LTE im Vergleich zu UMTS wenig ändern. Alte Maßnahmen zur Kundengängelung, die beim Vorgänger noch einigermaßen technisch zu rechtfertigen waren, werden mitgenommen ins neue Netz. Und grundlegende Fragen zur Internet-Zukunft sind ebenfalls nicht gelöst: Werden die Anbieter die Netzneutralität einhalten, eine Form von Datendemokratie, bei der der Nutzer stets entscheidet, was er mit Höchstgeschwindigkeit aufruft? Oder werden die Mobilfunker ihre eigenen Dienste pushen und andere ausbremsen, die ihnen nicht schmecken?

Das Hauptproblem bei LTE ist, dass sich die Player nicht verändert haben. Vier Käufer entsprechender Lizenzen in Deutschland gibt es, von denen drei ernstzunehmend sind: Sie heißen, es war zu erwarten, Vodafone, Deutsche Telekom und O2. (E-Plus wird wie üblich langsamer ausbauen und hat weniger Frequenzen ersteigert.) Und die "großen Drei" machen eben dort weiter, wo sie bei UMTS aufgehört haben: mit Einschränkungen und vergleichsweise hohen Preisen.

Eine Vision dieser Zukunft malen die derzeit laufenden "Friendly-User-Tests" und ersten kommerziellen Versuche in einigen wenigen Regionen Deutschlands, die LTE bereits haben. Die Netzbetreiber beschlossen dort beispielsweise, dass Nutzer nur bestimmte Kontingente an Bandbreite verbrauchen dürfen, wie man das ebenfalls schon von UMTS kennt. So plant die Telekom für ihre ersten LTE-Angebote in "weißen DSL-Flecken" etwa in Brandenburg (Eigenwerbung: "4G steht für noch schnelleres Surfen und Mailen") mit einer Beschränkung auf 5 Gigabyte im Monat, was ungefähr einem einzigen HD-Film entspricht. Danach wird LTE in der Geschwindigkeit gedrosselt und für den Nutzer zum Kriechnetz, obwohl sich die Preise mit 40 Euro im Monat auf DSL-Niveau bewegen. Vodafone gönnt den Nutzern mit 10 Gigabyte im Monat etwas mehr. Für Multimedia-Freaks ist das aber immer noch viel zu wenig.

Der Staat ist schuld

Auch die technisch möglichen Durchsatzraten werden bei weitem nicht komplett an den Kunden weitergereicht. Die Telekom will derzeit auf dem platten Land 3 Megabit pro Sekunde anbieten, was deutlich unter DSL bliebe. Der Upload, etwa für Firmen wichtig, ist gar nur auf 500 Kilobit pro Sekunde beschränkt. Vodafone gibt sich etwas zeitgemäßer: Hier werden es mindestens 7,2 Megabit (1,4 Megabit im Upload) sein. Das beste Paket bietet gar 50 Megabit pro Sekunde. Dafür werden dann allerdings monatlich mindestens 70 Euro fällig - bei einer deutlichen Beschränkung des möglichen Datenverbrauchs auf 30 Gigabyte im Monat, den es im billigeren Festnetz-Internet nicht gibt. Ergo: Das mobile und das drahtgebundene Web bleiben zwei Welten, LTE-Nutzer bleiben mit diesen Anbietern Nutzer zweiter Klasse.

Schuld an diesem Dilemma ist der Staat, der LTE nicht zu einem Neuanfang der Mobilnetzvermarktung nutzen wollte, sondern die üblichen Frequenzversteigerungen durchzog, bei denen dann eben die alten Marktriesen zugriffen. Er hätte vorgeben können, dass die LTE-Mitspieler ihre Netze für andere freigeben müssen, wie es die Deutsche Telekom im Festnetz zu tun hat. Er hätte Netzneutralitätskriterien festlegen können, um die man nun zittern muss. Und er hätte einen - ich will hier etwas träumen - bundesweiten Basisdienst vorschreiben können, der jedem Bundesbürger einen angemessenen Zugang erlaubt, ohne gegängelt zu werden. So bleibt auch bei LTE faktisch alles beim Alten, plus minus etwas mehr Bandbreite.

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