Wirtschaftsspionage: Der Datendieb von heute wählt sich übers Internet ein

Wirtschaftsspionage: Der Datendieb von heute wählt sich übers Internet ein

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Geschäftsmann beim Handy-Telefonat, Foto: rtr

Telefone abhören, E-Mails mitlesen, in fremde Computer eindringen – noch nie war es so einfach, vertrauliche Informationen zu beschaffen. Vor allem bei deutschen Unternehmen haben Wirtschaftsspione leichtes Spiel.

Bernd Bühler verkörpert so gar nicht den Typ des coolen Top-Spions. Kein Schlapphut, keine Sonnenbrille, kein hochgeschlagener Mantelkragen – der stämmige Ein-Meter-Neunzig-Mann fühlt sich wohl in der Rolle des seriösen Unternehmensberaters, der Top-Managern das kleine Einmaleins der Wirtschaftsspionage beibringt. Seit einigen Wochen weicht der Geheimdienstexperte von seinem gewohnten Lehrplan ab und schlägt eine schärfere Tonart an. Bühler hält seinen Kunden dann – ganz diskret – Sicherheitslücken und Versäumnisse vor, die ihre Wettbewerbsfähigkeit akut gefährden. „Wir befinden uns mitten in einem globalen Wirtschaftskrieg“, schimpft der Berater, der mit dem ehemaligen Verfassungsschützer Klaus-Volkmar Seidel die Janus Consulting Gesellschaft für Sicherheit in der Wirtschaft gegründet hat. In diesem Krieg, fürchtet Bühler, kassieren die deutschen Unternehmen eine Niederlage nach der anderen. „Im Vergleich zu anderen Industrienationen nutzt Deutschland nur einen Teil seiner Möglichkeiten.“ Bühler zerrt ein Thema in die Öffentlichkeit, das in den Chefetagen deutscher Unternehmen nur hinter vorgehaltener Hand diskutiert wird. Bei der Informationsbeschaffung, Neudeutsch Business Intelligence genannt, sind ausländische Unternehmen deutlich weniger zurückhaltend als ihre deutsche Konkurrenten: Ohne Skrupel nutzen Amerikaner oder Briten das komplette Arsenal moderner Schnüffelmethoden, um sich einen Know-how-Vorsprung zu verschaffen. „80 Prozent aller Informationen lassen sich auf legalem Weg beschaffen“, meint Bühler. „Bei den verbleibenden 20 Prozent ist man im Ausland nicht immer zimperlich.“ Hilflos stehen solchen Attacken vor allem deutsche Unternehmen gegenüber. Denn eine echte Spionageabwehr gibt es nur bei wenigen Großkonzernen. Telefone abhören, E-Mails abfangen, in fremde Computer eindringen – noch nie war es für ausländische Geheimdienste so einfach, deutsche Unternehmen auszuspionieren. Offiziell dienen diese Lauschangriffe meist dem Kampf gegen den Terrorismus. Doch sind die Datensätze erst einmal vorhanden, werden sie auch im Interesse der eigenen Industrie ausgeschlachtet. Berater Bühler absolvierte als erster Deutscher ein Aufbaustudium an der französischen Ecole de Guerre Economique (EGE), der Pariser Elite-Schule für Wirtschaftskrieg und -spionage. Dort hat er gelernt, wie eng anderswo der Schulterschluss zwischen Staat, Wirtschaft und Geheimdiensten ist. „In führenden Industrienationen wie Frankreich, Großbritannien und den USA kann die Wirtschaft verstärkt auf die Unterstützung der Nachrichtendienste zählen“, sagt Bühler. Die französische Regierung ruft die Industrie sogar offen zum Schulterschluss mit dem Geheimdienst auf. „Unsere Unternehmen haben genügend Märkte verloren, die sie hätten gewinnen müssen“, sagt Alain Juillet, Sicherheitsberater des französischen Premierministers Dominique de Villepin. „Erst nachdem die Verluste eingetreten waren, haben wir begriffen, dass französische Unternehmen mit den gleichen Methoden der Wirtschaftsaufklärung kämpfen müssen wie ihre ausländischen Konkurrenten.“ Deutsche Unternehmen gelten dagegen als Saubermänner, die allzu sorglos und mitunter naiv mit der neuen Bedrohung umgehen. „Unsere Gespräche mit der Wirtschaft zeigen, dass häufig völlig unrealistische Vorstellungen über Wirtschaftsspionage herrschen“, sagt Carl Heinrich von Bauer, leitender Ministerialrat im nordrhein-westfälischen Innenministerium. „Gefahren werden nicht erkannt oder unterschätzt – und zwar unabhängig davon, ob es sich um kleine, mittlere oder große, international tätige Unternehmen handelt.“

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„Es fehlt das Bewusstsein, dass ein modernes Risiko- und Sicherheitsmanagement mehr leisten muss als der klassische Werkschutz“, meint auch Thomas Menk, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für Sicherheit in der Wirtschaft (ASW) und Leiter Konzernsicherheit bei DaimlerChrysler. „Unter Sicherheit verstehen die Meisten immer noch den physischen Schutz von Führungskräften, Mitarbeitern und Produktionsanlagen“. Nur wenige deutsche Top-Manager ahnen, auf welchen Wegen heute vertrauliche Papiere auf dem Schreibtisch der Konkurrenz landen. Vorbei sind die Zeiten, als Schubladen durchwühlt, Wanzen in den Telefonhörern installiert und wertvolle Dateien auf Disketten kopiert wurden. Der Datendieb von heute wählt sich direkt über das Internet in die Computer ein, aktiviert die Mikrofone in den Freisprecheinrichtungen von Handys und Festnetztelefonen, schaltet sich in laufende Videokonferenzen ein und fängt so wichtige Informationen ab – in der Regel, ohne Spuren zu hinterlassen. An die Spitze der Schnüffelei haben sich die amerikanischen Geheimdienste gesetzt. Vor allem die National Security Agency (NSA) betreibt eine gigantische Überwachungsmaschinerie. 38.000 Mathematiker, Informatiker und Sprachwissenschaftler nutzen im NSA-Hauptquartier im US-Bundesstaat Maryland die weltweit größte Ansammlung extrem leistungsstarker Superrechner, um den gesamten Telefon-, Daten- und E-Mail-Verkehr an den wichtigsten Knotenpunkten abzufangen und sekundenschnell nach brisanten Informationen zu durchforsten. Weitere 250.000 Mitarbeiter, schätzt NSA-Experte James Bamford, sind im Central Security Service der Behörde beschäftigt und müssen im Ausland, etwa an den auf allen Kontinenten verteilten Horchstationen – Codewort Echelon – die abgefangenen Botschaften analysieren. Die Kapazitäten der weltweiten Glasfasernetze würden nicht ausreichen, alle herausgefischten Daten zur Weiterverarbeitung nach Crypto City zu schicken, wie die NSA-Zentrale in Geheimdienstkreisen heißt. Dennoch wird es für die US-Schnüffler künftig noch einfacher, vertrauliche Dokumente abzufangen. Bislang musste die NSA die getrennt betriebenen Internet-, Festnetz- und Mobilfunknetzwerke mit großem Aufwand und verschiedenen Techniken observieren. Durch den Einzug von internet-basierter Übertragungstechnik (IP, Internet Protocol) verschmelzen die Kommunikationsnetze zu einer einheitlichen Übertragungsplattform, die alle Sprach- und Datenpakete von mobilen oder stationären Anschlüssen transportiert. Bei diesen Netzen, die gerade mit Milliardenaufwand von Konzernen wie der Deutschen Telekom gebaut werden, wisse dann keiner mehr, „wo das eigene Netz beginnt und wo es aufhört“, heißt es in Sicherheitskreisen. Wenn alle Dienste an jedem Anschluss genutzt werden können, dann können sie auch an jedem Anschluss geknackt werden. Bei der Entwicklung neuer Technologien arbeitet die US-Industrie bereits eng mit der NSA zusammen. Internet-Produkte gehören für die US-Regierung zu den Schlüsseltechnologien, die nicht in ausländische Hände fallen dürfen. Die Fusion zwischen den Netzausrüstern Alcatel und Lucent bekam erst den Segen der US-Behörden, als Lucent „sensitive Forschungs- und Entwicklungsarbeiten für die US-Regierung“ aus der Ideenfabrik Bell Labs in eine separate Gesellschaft ausgliederte. Mit Ex-Verteidigungsminister William Perry, Ex-CIA-Chef James Woolsey und Ex-NSA-Chef Kenneth Minihan zogen gleich drei prominente Regierungsvertreter in den neu formierten Aufsichtsrat ein. Auch zu Cisco, dem Marktführer bei Internet-Routern, hält die NSA engen Kontakt.

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