ZEI im Test: Das Gadget für die 30-Stunden-Woche?

ZEI im Test: Das Gadget für die 30-Stunden-Woche?

, aktualisiert 08. November 2017, 11:12 Uhr
von Carina KontioQuelle:Handelsblatt Online

Sie fragen sich, womit Sie ihre Arbeitszeit vertrödeln? Abhilfe will das Start-up Timeular schaffen – mit einem Zeitmesswürfel. In der „Höhle der Löwen“ bekam ZEI nur Absagen, trotzdem könnte sich das Gerät lohnen.

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Nutzer können ihren ZEI-Würfel selbst gestalten und personalisieren, indem sie darauf schreiben, zeichnen oder Sticker anbringen.

KönigswinterWo ist nur die Zeit geblieben? Gehören Sie auch zu den Büro- und Home-Office-Nomaden, die sich am Ende eines langen Arbeitstages fragen, was sie eigentlich die ganze Zeit am Rechner getrieben haben? Was war beruflich – und wie viel Zeit ging für private Dinge drauf? Antworten darauf will das österreichische Start-up Timeular mit seiner Erfindung liefern – dem vernetzten Würfel ZEI.

Mit dem Gadget, das ungefähr so groß ist wie ein Rubik's-Würfel und 115 Euro kostet, richten sich die Macher aber auch an Menschen, die mit Stundenzetteln arbeiten. Bestimmt denken Sie jetzt: „Wer füllt denn heutzutage noch Stundenzettel aus?“ Aber sprechen Sie mal mit einem befreundeten Grafiker, Ihrem Steuerberater oder einem freien Architekten. Für viele Selbstständige und Kreative ist Zeiterfassung – analog wie digital – notwendig und gleichzeitig lästig, denn es kostet ironischerweise Zeit und Nerven.

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Die Vision des Erfinders Manuel Bruschi und seines Mitgründers Christian Zanzotti, Thomas Wolf und Lothar Wagner: „Wir wollen es schaffen, dass es cool wird, bloß 30 Stunden die Woche zu arbeiten. Dafür umso produktiver. Schlussendlich zählt ja das Resultat und nicht wie viele Stunden man absitzt.“ Was Timeular anders macht, als bisherige Anbieter von Zeiterfassungssoftware? Es gibt eine Hardware, die – so die Hoffnung der Gründer – als Alleinstellungsmerkmal dienen soll.

ZEI ist ein achtseitiger Würfel, der via Bluetooth mit dem Computer oder dem Handy verbunden ist. Mittels einer Software lassen sich alle Seiten einem Projekt oder einer Tätigkeit zuweisen, beispielsweise „Handelsblatt lesen“, „Meeting“ oder „Kaffeepause“. Legt man dann ZEI so auf den Tisch, dass das Projekt, an dem man gerade arbeitet, nach oben zeigt, wird die Zeit automatisch erfasst. Will man zu einem anderen Projekt wechseln, dreht man den Würfel. Die Zielgruppe sollen vor allem Selbstständige und Software-Entwickler sein, die mehrere Projekte und verschiedene Kunden haben und pro Stunde bezahlt werden.


Für Erfolg braucht man keinen Deal

Für einen Deal in der Vox-Erfolgssendung „Die Höhle der Löwen“ (DHDL) hat es Mitte Oktober nicht gereicht. 500.000 Euro für eine Beteiligung von zehn Prozent: Timeular-Gründer Bruschi bekam fünf Absagen und fuhr ohne Investment wieder zurück nach Graz, wo das Start-up mit seinen inzwischen elf Mitarbeitern beheimatet ist. Gelohnt haben dürfte sich der Auftritt trotzdem: Wer in der Sendung auftritt, kann sich nach der Ausstrahlung vor Bestellungen kaum retten. Viele Zuschauer suchen noch während der Sendung nach den gezeigten Produkten und bringen die Server zum Glühen.

Schon vor dem Fernsehauftritt setzte Timeular nach eigenen Angaben monatlich einen höheren fünfstelligen Betrag um und wuchs im Schnitt um 20 Prozent. Und ganz klamm sind die Gründer auch ohne einen prominenten DHDL-Investor nicht: Über eine Kickstarter-Kampagne sammelte Timeular im Herbst 2016 etwa 314.000 Euro ein, mehr als 400 Prozent des ursprünglichen Ziels von 75.000 Euro.

Aber zurück zum Gerät – wir haben ja nicht so viel Zeit: Ist der vernetzte Würfel sinnvoll? Wir haben ihr seit April im Einsatz, sagen, was es taugt und ob es sich wirklich lohnt, dafür 115 Euro auf den Tisch zu legen.

Zugegeben: Bei der Inbetriebnahme des ZEI habe ich mich erstmal ganz schön dumm angestellt. Wochenlang lag der Würfel arbeitslos auf meinem Schreibtisch, nachdem ich – das verlief zunächst total reibungslos – die kostenlose App auf mein Smartphone geladen und die Software mit dem ZEI gekoppelt hatte. Jetzt, wo sich das Hauptproblem, die Belegung der acht Würfelseiten mit einzelnen Tätigkeiten, in Luft aufgelöst hat, finde ich so langsam Gefallen an dem kleinen ZEI. Wo es geklemmt hat? Meiner Meinung nach geht weder aus der App noch aus der Online-Anleitung so ganz eindeutig hervor, was genau zu tun ist, um die Würfelfelder zu belegen.


Wo es noch klemmt bei der Zeiterfassung

Dabei ist die Einrichtung im Grunde kinderleicht – wenn man weiß, wie es geht: App aufmachen, auf das vierte Icon von links in der unteren Bildschirmleiste tippen („Assign to ZEI“), oben rechts über das kleine + eine Aktivität erstellen, ihr einen Namen geben und eine Farbe zuordnen, auf den Button „On Top“ klicken, fertig. Das ganze dann eben noch für sieben andere Tätigkeiten. Zusätzlich werden die Würfelseiten dann noch mit einem Marker beschriftet oder mit Stickern (lassen sich leider ganz schlecht wieder abknibbeln) beklebt, die Timeular mitgeliefert hat.

Legt man dann den ZEI anschließend so auf den Tisch, dass das Projekt, an dem man gerade arbeitet, nach oben zeigt, wird die Zeit sofort automatisch erfasst. Das funktioniert auch dann, wenn das Smartphone sich in den Ruhemodus verabschiedet und der Bildschirm gesperrt ist – ZEI läuft im Hintergrund einfach immer mit und reagiert auf die Würfeldrehungen.

Die PR-Abteilung der Österreicher beschreibt das übrigens unermüdlich als „Zeiterfassung im Handumdrehen“. Nun ja, ich hatte wirklich meine Anlaufschwierigkeiten, das Gadget überhaupt zum Laufen zu bringen und würde den Gründern wärmstens empfehlen, diesen Punkt sehr viel deutlicher zu beschreiben.

Übrigens: Falls die Batterie des Würfels, eine handelsübliche Knopfzelle, leer ist, können Sie Ihre Projekte auch manuell nur in der App oder via Software im Browser an Ihrem Rechner tracken. Laut Hersteller macht sie aber frühestens nach einem Jahr schlapp. Da ich sie in unserem Test-Produkt schon einmal austauschen musste, weiß ich, dass das Handling etwas Fingerspitzengefühl erfordert. Man kommt nämlich nicht ganz so leicht an die Knopfzelle dran. Ohne Pinzette, Zange oder Schere, mit der man den Rand der Batterie packt, bekommt man sie kaum aus dem Würfel raus.

Ein paar Probleme gab es auch bei der Bluetooth-Verbindung, die anfangs absolut stabil war, nachdem Würfel und Smartphone gekoppelt waren. Doch das kleine Gerät zickte hin und wieder rum und entkoppelte sich von alleine. Wollte man den Würfel dann wieder verbinden, passierte nichts. Der Vorgang ließ sich so lange ohne Erfolg wiederholen, dass der von Timeular versprochene Effekt der Zeiteinsparung dank ZEI in dem Moment hinfällig wurde.

Angesprochen auf das Problem, bekamen wir sofort einen neuen Würfel geschickt, der, so schrieb man uns, „mittlerweile deutlich besser funktioniert als die ersten Exemplare, die wir vor einem halben Jahr produziert haben und die Sie erhalten haben“. Immerhin: optisch gleich geblieben, gibt es mit diesem Exemplar seit 48 Stunden und 56 Minuten keine Verbindungsschwierigkeiten mehr.


Fazit: Arbeiten im Klausur-Modus

Bis hier hin hat mich dieser Artikel bereits neun Stunden und 51 Minuten gekostet. Kommen wir also zum Ende und fassen nochmal die wichtigsten Erkenntnisse für Sie zusammen.

An allen Tagen, an denen ich während der Arbeit meine Projekte mit dem Würfel getrackt habe, habe ich viel bewusster und fokussierter gearbeitet. Sobald ich mit etwas begonnen und den Würfel auf meinem Tisch aktiviert habe, war ich wie im Klausur-Modus an der Uni und habe Aufgabe um Aufgabe abgearbeitet. Kam ein Arbeitskollege vorbei, der etwas wissen oder mir unbedingt den neuesten Flurfunk mitteilen wollte, habe ich auch das getrackt – und zugesehen, dass ich schnell wieder zurück zu meiner eigentlichen Aufgabe komme.

Persönlich fand ich es sehr angenehm, etwas Physisches in der Hand zu haben. Ich kann mir aber vorstellen, dass das kleine Ding, schnell verloren geht, wenn man als Freelancer viel unterwegs ist. In erster Linie eignet sich der ZEI daher wohl eher für Menschen, die viel und lange im Büro an ihrem Schreibtisch sitzen und nicht so oft draußen unterwegs sind. Dass auch die Anzahl der Projekte auf acht beschränkt ist, dürfte den Käuferkreis ebenfalls einschränken.

Zeitfresser und Ablenkungen minimieren

Fazit: Wenn man tatsächlich in der hübsch aufbereiteten Auswertung sieht, was man den ganzen Tag macht, kann man mit dem ZEI-Würfel sein Zeitmanagement verbessern und Ablenkungen minimieren. Die Handhabung ist intuitiv und unkompliziert und das Gerät sieht auch noch hübsch aus auf dem Schreibtisch. Wenn Sie jetzt sagen, das ist doch alles Murks: Produktiver arbeiten kann man auch ganz einfach ohne 115 Euro dafür bezahlen zu müssen – mit der Pomodoro-Technik. Kennen Sie nicht?

Ausgedacht hat sich das der Italiener Francesco Cirillo in den 1980er Jahren und ich kann aus eigener Erfahrung bestätigen, dass das System extrem wirksam ist. Cirillo verwendet dabei eine Küchenuhr, um Arbeit in 25-Minuten-Abschnitte – die sogenannten pomodori – und Pausenzeiten zu unterteilen. Der Name pomodoro stammt von dem Tomaten-Wecker, den Cirillo bei seinen ersten Versuchen benutzte.

Nach jeder 25-minütigen Arbeitseinheit wird eine fünfminütige Pause gemacht. Nach vier Arbeitseinheiten kommt dann eine längere Pause von 15 bis 25 Minuten. Natürlich können Sie dafür auch den vorinstallierten Timer auf Ihrem Smartphone nutzen und – na klar – es gibt auch ganz nette Apps dafür, wie zum Beispiel „Focus Booster“, „Xoring“ oder „Focus Time“.

Fakt ist: Dieses Arbeiten in den Tomaten-Zeiteinheiten trägt wirklich dazu bei, produktiver zu arbeiten, weil man sehr darauf fixiert ist, in der festgelegten Zeit die vorgenommene Arbeit tatsächlich zu erledigen. So simpel wie effektiv und es funktioniert ohne Vorbereitung und Übung.

Quelle:  Handelsblatt Online
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