Technologiemesse vor Neustart: Kann die Cebit wieder cool werden?

Technologiemesse vor Neustart: Kann die Cebit wieder cool werden?

, aktualisiert 23. März 2017, 19:10 Uhr
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Die deutsche Technologiemesse will sich im kommenden Jahr neu ausrichten.

von Christof KerkmannQuelle:Handelsblatt Online

In der schnelllebigen Technologie-Welt droht die Cebit den Anschluss zu verlieren. Ein neues Konzept soll das ändern. Doch den Organisatoren bleibt nur sehr wenig Zeit, um dieses mit Leben zu füllen. Eine Analyse.

HannoverEs ist ein markiger Spruch. „Forget everything you know about Cebit“, heißt es auf einem Flyer, den die Deutsche Messe verteilen lässt: Besucher sollen alles vergessen, was sie über die Technologiemesse wissen. Mal wieder überarbeitet das Unternehmen das Konzept seiner wichtigsten Veranstaltung, dieses Mal aber radikal. Zum altbekannten Treffpunkt für Geschäftsleute soll ab 2018 ein Festival für die digitale Avantgarde hinzukommen. Unter die Krawattenträger sollen sich Kapuzenpulli-Liebhaber mischen. Die Cebit will cool werden.

Es ist richtig, dass die Deutsche Messe etwas Neues wagt. In der alten Form hat die Cebit keine Zukunft mehr. Viele Themen wie die umfassende Vernetzung decken alternative Veranstaltungen besser ab, und nicht zuletzt bieten sie mehr Flair. Die großen Aussteller stellen daher immer wieder ihre erheblichen Messebudgets infrage. So entscheidet die Deutsche Telekom über ihren Cebit-Auftritt neu.

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Die Deutsche Messe geht jedoch ein gehöriges Risiko ein: Sie will zwei Dinge vereinbaren, die nur bedingt zusammenpassen. Der Plan kann grandios gelingen, aber auch grandios scheitern.

Die Cebit war einmal der Hotspot der Technologiewelt. Microsoft-Mitgründer Bill Gates elektrisierte 1995 die Massen, Nokia präsentierte 1999 vor der internationalen Presse neue Handys mit Internetzugang. In den Hochzeiten schoben sich 800.000 Besucher über das Gelände in Hannover. Einige langjährige Besucher schwärmen noch heute davon, die Taxifahrer in der Stadt sowieso.

Doch die Technikwelt ist schnelllebig – und so wie Microsoft und Nokia wichtige Trends verpassten, tat es auch die Cebit. Heute konkurrieren allein im Frühjahr vier Großveranstaltungen um die Aufmerksamkeit der technikaffinen Besucher und die Budgets der Aussteller: die Consumer Electronics Show in Las Vegas, der Mobile World Congress in Barcelona, die Hannover Messe und zunehmend auch das Festival South by Southwest in Austin. Die Cebit ist doppelt eingeklemmt, terminlich und inhaltlich. Hinzu kommt: Die anderen Veranstaltungen bieten attraktivere Standorte, ein buntes Rahmenprogramm oder zumindest milderes Wetter.

Insofern ist es konsequent, dass die Deutsche Messe das Konzept verändert. Der neue Plan sieht vor, die Cebit in drei Schwerpunkte mit eigenen Marken zu unterteilen: erstens einen Treffpunkt für Geschäftsleute, wo es wie bislang schon zu Vertragsabschlüssen kommt; zweitens ein Konferenzprogramm, das die Diskussion über die Folgen der Digitalisierung bündelt und auch politisch relevant sein soll; und drittens ein Technikfestival, auf dem sich Gründer und Forscher treffen, aber auch Konzerte ein breites Publikum anlocken sollen.


Das neue Konzept wirft Fragen auf

Das geht einher mit einem neuen Termin: Die Cebit findet künftig nicht mehr im März statt, wenn es in Hannover meist regnet oder gar friert, sondern im Juni. So besteht die Möglichkeit, Diskussionen oder Konzerte nach draußen zu verlagern – ein Festival funktioniert in einer Halle nicht besonders gut. Zudem entzerrt sich der Veranstaltungskalender der Besucher. Auch wenn das sicherlich einem Eingeständnis gleichkommt, dass die anderen Messen im Frühjahr attraktiver sind.

Allerdings wirft das neue Konzept einige Fragen auf. Wie gut passen Geschäft und Party wirklich zusammen? Fühlen sich die IT-Entscheider bei ihrer Arbeit gestört, wenn nebenan die Musik wummert oder Horden von Schulkassen über die Gänge toben? Und wird die Kundenakquise womöglich schwerer, wenn draußen der Biergarten lockt?

Aber auch die Deutsche Messe selbst sollte ihre Möglichkeiten selbstkritisch hinterfragen. Hat sie die nötige Erfahrung, um ein cooles Festival zu organisieren? Kann sie die richtigen Kooperationspartner für ein solches Spektakel finden und für sich gewinnen? Und kann sie skeptische Aussteller von dem neuen Termin überzeugen, wo doch schon kleinste Veränderungen für große Diskussionen sorgen?

Für diese Antworten hat die Deutsche Messe nicht viel Zeit. Und das ist eigentlich ihr größtes Problem. Sie muss innerhalb kürzester Zeit ein attraktives Programm organisieren. Sie muss die Aussteller überzeugen, dass sie weiter gute Geschäfte machen. Und sie muss neue Besucher gewinnen, ohne die alten zu vergraulen. Denn wenn das Festivalgelände leer bleibt, droht das Image der neuen Cebit gleich Schaden zu nehmen. Und wenn das Geschäft leidet, steht die Wirtschaftlichkeit infrage. Andere Veranstaltungen konnten über Jahre ihren Charakter entwickeln. Diese Zeit hat die Cebit nicht mehr.

Die Entwicklung der Cebit sollte allen eine Lehre sein. Sie ist ein warnendes Beispiel, was passiert, wenn Organisationen den Wandel verpassen. Irgendwann ist ein radikaler und riskanter Schnitt nötig. Vielleicht berichten die Organisatoren nächstes Jahr davon: Auf dem Digitalfestival gibt es künftig sicher eine „Fuckup Night“, wo Unternehmer die Lehren aus gescheiterten Projekten und Ideen vortragen. Zum neuen Image würde das hervorragend passen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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