Terror und Tourismus: Airlines meiden die Türkei

Terror und Tourismus: Airlines meiden die Türkei

, aktualisiert 21. April 2016, 12:11 Uhr
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Die Airline steuert Istanbul bis auf weiteres nicht an.

von Ozan DemircanQuelle:Handelsblatt Online

Die zunehmende Gewalt in der Türkei lässt Flug- und Hotelbuchungen einbrechen. Neben Sun Express ziehen jetzt auch die Airlines Delta und Iberia ernste Konsequenzen: Sie streichen massenhaft Flüge in die Türkei.

IstanbulDer zunehmende Terror in der Türkei und der Streit mit Nachbarländern wirken sich schwerwiegend auf den Tourismus im Land aus. Jetzt reagieren immer mehr Fluggesellschaften auf die Ereignisse. Wie die spanische Fluglinie Iberia am Donnerstag bekanntgab, werden vier wöchentliche Flüge nach Istanbul „vorübergehend eingestellt“. Die US-Airline Delta verschiebt gar den Start regelmäßiger Flüge in die Metropole am Bosporus auf unbestimmte Zeit, gab das Unternehmen in dieser Woche bekannt.

Schon zuvor hatte Sun Express, die gemeinsame Charterflugtochter von Lufthansa und Turkish Airlines, seine Ziele wegen der zunehmenden Angst der Urlauber angepasst. Auch Germanwings, Condor, Germania und Air Berlin haben teilweise ihre Flugpläne umgestellt. Insgesamt ging die Zahl der Flugbuchungen in die Türkei laut dem Fachportal Aero Telegraph in den ersten drei Monaten des Jahres 2016 um 35 Prozent zurück. Auch was Pauschalreisen angeht, gingen die Buchungen demnach zurück.

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Der Fremdenverkehr gehört zu den wichtigsten Stützen der türkischen Wirtschaft. Tourismus macht nach Angaben der Vereinigung türkischer Reiseveranstalter rund 6,2 Prozent der Wirtschaftskraft des Landes aus und rund acht Prozent der Beschäftigung. In der Vergangenheit verdienten sie mit Hotel- und Flugbuchungen sowie Ausflugsprogrammen und weiteren Leistungen umgerechnet bis zu 30 Milliarden Euro jährlich.

Attacken militanter Gruppen wie der PKK, des sogenannten Islamischen Staats oder kleinerer Extremisteneinheiten haben die Reisebranche in gleich mehreren Ländern am östlichen Mittelmeer getroffen, etwa in Ägypten und Tunesien. In der Türkei kommt der politische Streit mit Russland in Folge eines Flugzeugabschusses im November hinzu. Russen machen eine große Gruppe unter ausländischen Touristen in der Türkei aus, doch ihre Besucherzahl ging schon um Jahreswechsel um 52 Prozent zurück.

Außerdem kündigte die Terrorgruppe PKK an, im Sommer verstärkt Touristenziele in der Türkei angreifen zu wollen. Am 12. Januar starben zwölf deutsche Urlauber in Istanbul, als sich ein Attentäter auf einem Platz in der Altstadt in die Luft sprengte.


Tourismus-Aktien im Sinkflug

Dieses Jahr könne die Türkei froh sein, wenn die Einnahmen aus dem Tourismus 20 Milliarden Euro betragen würden, sagen Experten. Das wäre der niedrigste Wert seit 2008. „Das ist ein herber Schlag für den Außenhandel des Landes“, gibt Naz Masraff, Europa-Chef der Eurasia Group in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Bloomberg zu bedenken. Denn die Buchungszahlen gehen weiter zurück. Im Januar und Februar sank die Zahl der ausländischen Touristen um 8,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Immobilienmakler berichten in türkischen Medien, dass sie noch nie so viele Hotels zum Verkauf hätten – oft zum Discountpreis. „Ich habe noch nie einen solch dramatischen Anstieg zum Verkauf stehender Hotels erlebt, sagt der Verkäufer Salim Tasci.

Die Regierung unter Premierminister Ahmet Davutoglu versucht, den wirtschaftlichen Folgen entgegen zu treten. Banken wurde es bereits erlaubt, Kredite an Tourismusunternehmer im Wert von umgerechnet 17 Milliarden US-Dollar umzustrukturieren und gegebenenfalls zu stunden. Ferienflieger bekommen einen Kerosinzuschuss für jeden Touristen, den sie in das Land bringen. Außerdem bot die Regierungspartei AKP an, für drei Monate die Gehälter von insgesamt 450.00 Angestellten in dem Sektor zu übernehmen.

Unter Umständen reicht das nicht aus. Hochsaison ist in der Türkei zwischen Juli und September. Sollte es bis dahin zu weiteren Anschlägen kommen, könnten die Auswirkungen auf die Tourismusindustrie deutlich heftiger ausfallen, bemerken Fachleute. Und auch auf die gesamte Wirtschaft: Das Handelsdefizit der Türkei entwickelt sich nämlich derzeit positiv – den niedrigen Preisen für Öl und andere Energieträger sei Dank. Bleiben noch mehr Einnahmen durch Touristen aus, könnte das die Gesamtwirtschaft des Landes kalt erwischen, mit kaum absehbaren Folgen.

Aktionäre der halbstaatlichen Fluglinie Turkish Airlines spüren die Angst der Urlauber schon jetzt. Seit Oktober, als zwei Selbstmordattentäter in Ankara über 100 Menschen in den Tod rissen, gaben die Anteilsscheine des Unternehmens um rund 18 Prozent nach. Der Tourismus-Index der Börse Istanbul sank nach Bloomberg-Angaben im selben Zeitraum um acht Prozent.

Türkische Ferienorte sind übrigens schon einmal zur Zielscheibe des Terrorismus geworden. Zwischen 1990 und 1994 verübte die verbotene türkische Arbeiterpartei PKK mehr als ein halbes Dutzend Anschläge auf Hotels, Touristenorte und sogar Transferbusse. Bei einem Angriff der Rebellen auf die südwestlichen Ferienorte Fethiye und Marmaris im Juni 1994 starb ein Urlauber. Zehn wurden verletzt, darunter ein Deutscher. Auch damals brachen die Buchungen in diese Region ein. Marmaris ist seitdem beliebtes Ziel türkischer Inlandstouristen geworden, während Fethiye zunehmend in britischer Hand ist – weil deutsche Urlauber länger ausblieben.

Quelle:  Handelsblatt Online
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