Thomas Mayer zu Helikoptergeld: „Ich habe große Zweifel an unserem Geldsystem“

Thomas Mayer zu Helikoptergeld: „Ich habe große Zweifel an unserem Geldsystem“

, aktualisiert 22. April 2016, 10:50 Uhr
Bild vergrößern

Der frühere Deutsche Bank-Chefvolkswirt leitet heute eine Denkfabrik des Vermögensverwalter Flossbach von Storch. Er hat große Zweifel am bisherigen Geldsystem, das auf Krediten beruht.

von Jan MallienQuelle:Handelsblatt Online

Ein Scheck von der EZB für jeden EU-Bürger? Im Interview erläutert der frühere Deutsche Bank-Chefvolkswirt Thomas Mayer was Helikoptergeld für das Geldsystem bedeutet – und welche Chancen und Risiken damit verbunden sind.

FrankfurtHerr Mayer, EZB-Chef Mario Draghi hat so genanntes Helikoptergeld als interessantes Konzept bezeichnet. Ist es wirklich realistisch, dass die EZB irgendwann jedem Bürger im Euroraum einen Scheck über 3000 Euro ausstellt?
Die Diskussion über Helikoptergeld zeigt, dass unser bisheriges Geldsystem schwere Probleme hat. Ich habe große Zweifel, ob es dauerhaft lebensfähig ist. Helikoptergeld zu verteilen wäre der Versuch eines Systemwechsels durch die Notenbank – weg vom Kreditgeld, hin zu einem Geldsystem, das sich auf Reputation stützt. 

Das müssen Sie erklären.
Im Kreditgeldsystem wird das Geld durch Forderungen erzeugt. Wenn ich einen Kredit aufnehme, zahlt die Bank mir den Betrag auf dem Girokonto. Das Geld dort ist durch die Forderung gegen mich entstanden und gedeckt. Auch die EZB erzeugt Kreditgeld, indem sie den Banken Zentralbankgeld gegen Sicherheiten leiht. Das Geld ist also immer durch Forderungen gedeckt.

Anzeige

Helikoptergeld etwa nicht?
Nein, das ist quasi aus dem Nichts erzeugtes Geld. Es wird nicht gegen eine neue Forderung produziert. Ich nenne das Reputationsgeld, weil sein Wert ganz allein davon abhängt, ob ich als Nutzer erwarte, das Geld gegen andere Dinge eintauschen zu können. Auch Gold ist Reputationsgeld.

Sind normale Geldscheine nicht auch Reputationsgeld?
Zumindest sind sie kein reines Reputationsgeld, wie ich es verstehe, weil sie mit Forderungen unterlegt sind. Schauen Sie auf die EZB: Auch die Geldscheine sind durch Forderungen an die Banken gedeckt. Wenn eine Bank Bargeld von der EZB braucht, weil ihre Kunden beispielsweise Kontoguthaben dagegen eintauschen wollen, kann sie es von der EZB leihen oder sie verkauft ihr eine andere Forderung, etwa eine Staatsanleihe. Das ist ein Kreditgeldsystem.

Und es funktioniert.
Nur bis zu einem bestimmten Punkt. Die Banken sind zu schwach, um im großen Stil neue Kredit zu vergeben, und die Staaten, Haushalte und Unternehmen sind zu hoch verschuldet, um noch viel mehr neue Schulden aufzunehmen. Aber ohne Kreditwachstum wachsen in einem Kreditgeldsystem Geldmenge und Wirtschaft nicht – es gibt keine Inflation. Da helfen auch keine Null- und Negativzinsen. Stattdessen schaffen die Zentralbanken mit ihrer Geldpolitik nur neue Blasen an den Finanzmärkten.


Reputationsgeld passt nicht zu Inflationszielen

Darf die EZB denn überhaupt Helikoptergeld schaffen?
Wenn die EZB den Menschen im Euroraum selbst Geld zuweist, dann ist das eine geldpolitische Maßnahme. Das wäre kein Verstoß gegen das Verbot der Staatsfinanzierung.

Ein Systemwechsel hin zu Helikoptergeld würde doch eine tiefe Vertrauenskrise auslösen.
Das hängt davon ab, ob Helikoptergeld als Reputationsgeld betrachtet würde – oder nur als eine weitere Maßnahme, die Inflation anzuschieben. Ist letzteres der Fall, dann könnte das Vertrauen in die Stabilität des Geldes schnell schwinden.

Wieso?
Reputationsgeld passt nicht mit Inflationszielen zusammen. Wenn Sie es herausgeben, müssen Sie die Funktion des Geldes als Mittel zum Tausch und zur Wertaufbewahrung optimieren – sonst nichts.  Ihr Ziel darf nicht sein, den Wert des Geldes systematisch zu verringern. Das wäre so, als wollten sie ein Auto verkaufen, das mit dem Ziel konstruiert wurde, dass es durchrostet. Der Nutzer will aber eine Garantie gegen Rost. Sie müssen daher das Reputationsgeld knapp halten, um seinen Wert zu erhalten.

Kann die EZB nicht einfach mit dem Helikoptergeld aufhören, wenn das Inflationsziel von zwei Prozent erreicht ist.
Würden Sie einem Hersteller vertrauen, der ihnen verspricht, dass seine Autos mit genau zwei Prozent pro Jahr rosten? Nein! Sie wollen eine lebenslange Antirostgarantie. Dafür müsste die EZB aber alles vergessen, was sie bisher gepredigt hat.


"Heute ist das Geld der Willkür der Politik unterworfen"

Es widerspricht doch den Gesetzen der Marktwirtschaft, wenn die Zentralbank einfach Geld regnen lässt. Wer arbeitet denn dann noch?
Deshalb kann man Reputationsgeld ja auch nicht beliebig unter die Leute werfen. Es muss so knapp gehalten werden, dass die Leute dafür arbeiten, um es zu erwerben. Das tun sie aber nur, wenn sie es als Mittel zum Tausch und zur Wertaufbewahrung wertschätzen.

Aber man braucht doch auch mit Helikoptergeld ein Inflationsziel oder irgendeine andere Zielgröße, um die Geldmenge zu steuern.
Im Goldstandard gab es auch kein Inflationsziel. Dort wurde die Geldmenge über die Produktionskapazität der Minen gesteuert. Diese Art der Geldmengensteuerung kann man übrigens auch durch eine mathematische Regel erreichen. Ein Beispiel dafür ist der Bitcoin, wobei man über den Sinn des dort geltenden Algorithmus natürlich streiten kann.

Dann wäre die Entwicklung der Geldmenge aber völlig willkürlich und nicht optimal für die Wirtschaft.
Im Gegenteil. Heute ist das Geld der Willkür der Politik unterworfen, weil sie es als Instrument zur Erreichung ihre Ziele versteht – sie will damit die Inflation und das Wachstum erhöhen. Oder Europa vereinen. Geld sollte aber vor allem anderen seine Funktion als Mittel zum Tausch und zur Wertaufbewahrung erfüllen. 

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%