Thyssen-Krupp: Die Demo und der Manager

Thyssen-Krupp: Die Demo und der Manager

, aktualisiert 11. April 2016, 18:44 Uhr
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Der Manager stellt sich an die Seite seiner Belegschaft.

von Martin WocherQuelle:Handelsblatt Online

Martin Goss ging am Montag Seite an Seite mit seiner Belegschaft in Duisburg auf die Straße. Der Stahlchef von Thyssen-Krupp übt den Schulterschluss mit seiner Belegschaft und setzt auf die Offensive der Politik.

DüsseldorfGeredet hat er nicht, dabei hätte er als Hausherr viel zu sagen gehabt: Doch Andreas Goss, Chef der Stahlsparte von Thyssen-Krupp, mischte sich am Montag mit komplettem Vorstand unter seine protestierende Belegschaft vor der Hauptverwaltung in Duisburg-Bruckhausen. Die Mitarbeiter hatten am Morgen mit Billigung ihres Chefs die Produktion runtergefahren, um an der größten Demonstration von Stahlkochern seit den Kämpfen um das Krupp-Stahlwerk im Stadtteil Rheinhausen vor fast 30 Jahren teilzunehmen.

Damals wie heute ging es um den Erhalt von Tausenden Jobs. Die Prominenz von Politikern und Gewerkschaftsführern nutzte die große Bühne des Stahlaktionstages der IG Metall, um den rund 12.000 Stahlarbeitern von Thyssen-Krupp und anderen Firmen ihre Unterstützung zuzusichern. Sicherheit für die Arbeitsplätze sei genauso wichtig wie der Klimaschutz, sagte Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel.

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Goss wird es mit Genugtuung gehört haben. Seit Monaten schon weist der 52-Jährige bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf die Nöte der Branche hin. Auch am Montag: „Die europäische Stahlindustrie ist von massiven Zusatzbelastungen bedroht, die unsere Wettbewerber außerhalb der EU nicht haben. Die europäische – und insbesondere die deutsche Stahlindustrie – ist international wettbewerbsfähig“, sagte er dem Handelsblatt. „Aber Kostensenkungen alleine werden nicht ausreichen, um den ungleichen Rahmenbedingungen und unfairen Wettbewerbspraktiken zu begegnen.“

Dumping-Stahl aus China, die drohende Verschärfung der EU-Klimaziele – all das könnte Europas Stahlindustrie langfristig zur Randgröße schrumpfen lassen. Volkswirtschaftlich geht es sogar um viel mehr: So rechnen die Wirtschaftsforscher von Prognos mit dem Verlust von 380.000 Jobs in allen Branchen, sollten allein die Klimaschutzregeln der EU wie geplant ab den Jahren 2020/21 verschärft werden. Denn kaum eine Industrie ist mit dem Rest der Wirtschaft so stark verflochten wie Thyssen-Krupp & Co.

Eine seltene Allianz aus Gewerkschaften, Politikern und Wirtschaftsbossen versucht das auf den letzten Metern noch zu verhindern. Deshalb die Demonstration in Duisburg. Sie folgte den Protesten vor zwei Monaten in Brüssel, an denen Goss und andere Stahlmanager ebenfalls mit ihren Belegschaften Druck bei der EU wegen der Importflut von Billigstahl aus China machten.

Der bullige Bayer Goss, der früher im Sport gern den Torwart gab, weiß, dass er ohne eine Politikoffensive nicht mehr weiterkommt. Seine Hausaufgabe hat er jedenfalls gemacht: Mit drastische Einsparungen, aber auch Investitionen in neue Anlagen sorgte der frühere Siemens-Manager dafür, dass die Stahlsparte von Thyssen-Krupp als eine der wenigen Hersteller trotz Dauerkrise schwarze Zahlen schreibt. In seinen dreieinhalb Jahren bei Thyssen-Krupp hat er die zuvor angeschlagene Stahltochter wieder so gut positioniert, dass an ihr bei der sich abzeichnenden Konsolidierung der Branche in Europa kein Weg vorbei geht.

„Goss hat bei der Stahlsparte für neues Selbstbewusstsein gesorgt“, heißt es anerkennend von Branchenkennern. Dieses Kunststück gelang ihm ohne größere Konflikte mit der Belegschaft, obwohl er ihr mit einer Reduzierung der Stundenzahl und Lohnverzicht viel zugemutet hat. Der Dialog mit den Mitarbeitern sei ihm wichtig, bekannte er einmal in einem Gespräch mit dem Handelsblatt.

Ob ihm das auch auf Dauer gelingen wird, muss sich zeigen. Denn falls es irgendwann zu einer Allianz mit den niederländischen Werken von Tata Steel oder sogar zu einer Deutschland-Lösung mit der Salzgitter AG kommen sollte, wird es nicht ohne Auswirkungen auf Werke und Arbeitsplätze gehen. Die IG Metall hat jedenfalls schon mal klar gemacht, dass vor jeglichen neuen Partnerschaften für sie Beschäftigungsgarantien und Standortsicherheit Vorrang hätten. Goss dürfte die Signale vernommen haben. Ein Schulterschluss wie am Montag mit seinen Mitarbeitern könnte bald der Vergangenheit angehören.

Quelle:  Handelsblatt Online
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