Tool der Woche – Lebensversicherung: Auf der Suche nach Wasser in der Zinswüste

Tool der Woche – Lebensversicherung: Auf der Suche nach Wasser in der Zinswüste

, aktualisiert 30. Dezember 2016, 18:46 Uhr
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Klassische Lebensversicherungen werfen immer weniger ab.

von Carsten HerzQuelle:Handelsblatt Online

Wer eine Lebensversicherung hat, bekommt 2017 weniger auf die angesparten Beträge gutgeschrieben. Es ist ein Trend, der unverkennbar ist und sich weiter fortsetzen wird. Das drückt nicht nur das Portmonee der Kunden.

FrankfurtEs ist nur eine kleine Ziffer – aber ihre Bedeutung ist erheblich. Im kommenden Jahr fällt die laufende Verzinsung in der deutschen Lebens- und Rentenversicherung aus Garantiezins und Überschüssen mehrheitlich weiter auf durchschnittlich rund 2,57 Prozent nach unten: Die Millionen von Policen in Deutschland werfen damit immer weniger ab. Der Branchenführer Allianz machte es bereits Mitte Dezember mit der Ankündigung vor, die laufende Verzinsung im kommenden Jahr von 3,1 auf 2,8 Prozent zu reduzieren.

Inzwischen haben es die meisten Konkurrenten dem Giganten aus München gleichgetan. 42 von 44 Unternehmen, die ihre Überschussbeteiligung bisher veröffentlicht haben, senken die laufende Verzinsung für das kommende Jahr. Die Renditen der privaten Rentenversicherungen – die populärste Form der Lebensversicherung – schmelzen dahin wie Schnee in der Morgensonne.

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Schärfere Eigenkapitalregeln, niedriger Leitzins, unter Druck stehende Gewinne: Die Lage der Versicherungsbranche ist schwierig und das bekommen auch immer mehr die Kunden zu spüren – mit sinkenden Renditen. Das Dilemma der Branche: Die Lebensversicherer haben in der Vergangenheit Verträge mit einer garantierten Verzinsung von bis zu vier Prozent verkauft. Die Altlasten sorgen für große Probleme, weil die Zinsen so niedrig sind. Denn der Hauptgrund für die mageren Zeiten sind die niedrigen Zinsen an den Kapitalmärkten. Diese bleiben das größte Problem für die gesamte Branche. Im Neugeschäft suchen die Gesellschaften darum Alternativen ohne feste Zinsgarantie zu verkaufen, bei der Allianz ist es die „Perspektive“.

Im privaten Neugeschäft machen die alten Verträge schon weniger als zehn Prozent der Abschlüsse aus, verkünden sie bei der Allianz beinahe mit einem gewissen Stolz. „Wie lange wir unser Klassik-Produkt noch anbieten werden, hängt von der Nachfrage der Kunden ab. Im Moment empfehlen wir es nicht mehr, da es in puncto Verzinsung keine guten Aussichten für Kunden bietet“, begründete Alf Neumann, Vorstandsmitglied bei Allianz Leben, die Strategie. Andere Versicherer wie Zurich haben die Variante schon vor Jahren ganz abgeschafft. Welche Lebensversicherung für Sie die richtige ist, können Sie mit diesem Tool leicht prüfen.

Doch zaubern können die Assekuranzen auch bei den neuen Verträgen nicht. Die Verträge ohne garantierten Zins werfen zwar eine etwas höhere Rendite ab. Allerdings sinkt die laufende Verzinsung bei dem „Perspektive“ genannten Vertrag der Allianz ebenfalls um 0,3 Prozentpunkte auf 2,9 Prozent. Mehr als 300.000 Kunden haben sich den Angaben zufolge seit der Einführung 2013 für einen solchen Vertrag entschieden, über 100.000 Abschlüsse gab es allein in den ersten drei Quartalen 2016. Genaue Zahlen über die Neuabschlüsse lege die Allianz erst mit ihrer Jahresbilanz vor, so ein Sprecher.


Die Situation belastet

Kaum ein deutscher Lebensversicherer kann sich den Folgen der Dauer-Niedrigzinsen noch entziehen. Im Durchschnitt werfen private Rentenversicherungen – die populärste Form der Lebensversicherung – nach Berechnungen der Nachrichtenagentur Reuters nur noch 2,57 Prozent ab. Für 2016 hatten die Lebensversicherer im Schnitt 2,86 Prozent auf den Sparanteil der eingezahlten Beiträge ausgeschüttet, wie die Ratingagentur Assekurata ermittelt hatte. Ein Jahr zuvor waren es 3,16 Prozent. Viele Versicherte mit älteren Verträgen erhalten allerdings noch höhere Zinsen gutgeschrieben.

Von 1994 bis 2000 lag der Garantiezins, den die Lebensversicherer ihren Kunden für die gesamte Laufzeit ihrer Verträge versprochen hatten, sogar bei satten vier Prozent. Auch bis Ende 2006 war er mit 2,75 Prozent noch höher als die Verzinsung, die die meisten Unternehmen im kommenden Jahr insgesamt zahlen.

Um die Zinsgarantien trotz der niedrigen Marktzinsen einhalten zu können, zwingt die Finanzaufsicht Bafin die Lebensversicherer zu milliardenschweren Rückstellungen, der sogenannten Zinszusatzreserve. Zum 1. Januar 2017 sinkt der Garantiezins auf 0,9 von 1,25 Prozent. Wer einen alten Vertrag mit einem noch höheren Garantiezins hat, dem ist die dort genannte Verzinsung aber nach wie vor sicher. Üblicherweise wird der Garantiezins nur alle zwei Jahre verändert.

Denn die Rendite der klassischen Lebensversicherung setzt sich aus verschiedenen Komponenten zusammen: Zum einen dem Garantiezins. Dessen Höhe wird bei Abschluss der Versicherung für die gesamte Laufzeit festgelegt. Vor einigen Jahren lag er noch bei vier Prozent, mittlerweile beträgt er gerade einmal bis Ende des Jahres 1,25 Prozent – danach sinkt er weiter. Doch der Garantiezins wird nur auf den Sparanteil gezahlt. Das ist der Betrag, der übrig bleibt, nachdem der Versicherer Kosten für Provisionen und Verwaltung abgezogen hat.

Dazu kommen dann wiederum – wenn man nicht seine Lebensversicherung kündigt – die laufende Verzinsung, Anteile an den Bewertungsreserven und Schlussgewinne. Je nachdem, wie gut der Versicherer gehaushaltet oder das Geld seiner Kunden an den Börsen angelegt hat, fallen diese Posten höher oder niedriger aus.


Wer aus der Reihe tanzt

Es ist eine Entwicklung, die Millionen von Kunden trifft. Rund 91 Millionen Lebensversicherungen gibt es in Deutschland – statistisch gesehen verfügt jeder Deutsche damit über mehr als eine Police. Seit Jahrzehnten ist die klassische Lebensversicherung das Lieblingsprodukt, wenn es um die Altersvorsorge geht. So ist die Festsetzung der Überschussbeteiligung für die Konzerne stets auch Werbung in eigener Sache. Denn hohe Zinsen galten jahrelang als Argument für den Altersvorsorge-Klassiker Lebensversicherung.

Allerdings sind für die Lebensversicherer die hohen Zinsversprechen in Altverträgen von bis zu vier Prozent angesichts der andauernden Niedrigzinsen inzwischen ein Problem. Sie können die Zinsen an den Kapitalmärkten kaum mehr erwirtschaften. „Der Garantiezins spielt inzwischen für die klassischen Tarife eine untergeordnete Rolle“, sagte der Privatkundenvorstand der Allianz Leben, Alf Neumann.

Senkt also die gesamte Branche für das kommende Jahr die Überschussbeteiligung? Nicht ganz. Zumindest zwei Assekuranzen können sich dem Negativsog vorerst entziehen. So haben die Stuttgarter SV Sparkassen Versicherung und die deutsche Tochter von Swiss Life angekündigt, mit 2,65 Prozent und 2,25 Prozent für 2017 eine zum Vorjahr stabile Überschussbeteiligung zu zahlen. Der überwiegende Teil der Versicherer setzt jedoch erneut den Rotstift an – und muss dabei teilweise noch deutlich tiefer gehen als die kapitalkräftige Allianz.

Am unteren Ende rangieren nach den vorliegenden Deklarationen bei der Überschussbeteiligung beispielsweise die Gothaer Leben (2,0 Prozent) und die Öffentliche Versicherung Berlin-Brandenburg (2,10). An der Spitze liegen nach Assekurata-Daten dagegen die Deutsche Ärzteversicherung und die Neue Bayerische Beamten mit jeweils 3,05 Prozent. Branchengrößen wie Axa drückten die laufende Verzinsung für 2017 auf 2,9 Prozent, die Ergo Lebensversicherung senkte auf 2,25 Prozent – von 2,7 Prozent.

Ergo hatte im Vorjahr noch auf eine Absenkung verzichtet. „Das aktuelle Kapitalmarktumfeld und Prognosen über die weitere Entwicklung machen eine Anpassung der Überschussbeteiligung 2017 erforderlich“, sagte Ergo-Chef Michael Fauser. Es sind Worte, die viele Kunden mit Unbehagen hören werden.

Quelle:  Handelsblatt Online
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