Top-Manager unter Druck: Wenn Angst die Karriere blockiert

Top-Manager unter Druck: Wenn Angst die Karriere blockiert

, aktualisiert 27. Oktober 2016, 12:29 Uhr
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„Männer leiden heute mehr denn je unter völlig unrealistischen Erwartungen“, weiß Karriereexpertin Madeleine Leitner.

von Carina KontioQuelle:Handelsblatt Online

Andere ziehen dauernd an Ihnen vorbei und der Job macht keine Freude mehr? Dann leiden Sie vielleicht unter verborgenen Ängsten. Karriereberaterin Madeleine Leitner kennt zahlreiche Fälle. Besonders betroffen: Männer.

KölnSie fragen sich, warum Ihre berufliche Entwicklung stagniert? Warum andere an Ihnen vorbeiziehen und Ihnen der Job keine Freude mehr macht? Dann leiden Sie vielleicht unter verborgenen Ängsten. Fachlich spricht man von „sozialphobischen Tendenzen“. Aus ihrer täglichen Praxis kennt die Diplom-Psychologin und Karriereberaterin Madeleine Leitner zahlreiche solche Fälle. Vor allem Männer aller Altersgruppen, so Leitner, sind davon besonders betroffen.

„Männer leiden heute mehr denn je unter völlig unrealistischen Erwartungen“, erläutert Leitner. „Sie müssen liebevolle Väter sein, perfekte Liebhaber, einen Waschbrettbauch haben, im Haushalt helfen und selbstverständlich auch eine fantastische Karriere hinlegen. Kurz: sie sollen der unfehlbare Superheld sein.“ Welcher normale Mann ist solchen Erwartungen schon gewachsen?

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Allerdings hat gerade in unserer Gesellschaft die Angst vor dem Scheitern ein großes Bedrohungspotenzial bei Männern. Sie geht einher mit einem starken Gefühl von Beschämung und Blamage. „Die Wurzeln werden schon in der Kindheit gelegt. Zum Beispiel durch überzogene Erwartungen von Eltern. Oder durch negative Erfahrungen in der Schule, wenn Lehrer Schüler vor versammelter Klasse bloßstellen. Oder wenn Mitschüler andere ausgrenzen und schikanieren“, erklärt die Münchner Psychologin.

Die Betroffenen riskieren daher später im Berufsleben lieber nichts und versuchen alles, um nur ja nicht ins Rampenlicht zu geraten. Mit der Zeit wird ihr Vermeidungsverhalten immer mehr zur Gewohnheit, die ursprünglichen Ängste geraten in den Hintergrund. Ihr Leben wird allerdings fad, der Job bereitet keine wirkliche Freude. Wenn sie dann schließlich irgendwann doch Hilfe suchen, ist den Wenigsten die eigentliche Ursache ihrer Unzufriedenheit bewusst.

„Es erfordert einige Erfahrung, um zu erkennen, dass hinter beruflicher Unzufriedenheit eigentlich Versagensängste stecken“, sagt Leitner. „Für viele Klienten ist diese Erkenntnis dann erst einmal eine riesengroße Überraschung.“

So hatte sich ein Top-Manager, der mit dem Verlauf seine Karriere unzufrieden war, unbewusst immer in die Position des Zweiten begeben. Im Gespräch fiel ihm ein, dass seine ehrgeizige Mutter vor seiner Einschulung einen Intelligenztest veranlasst hatte. Von ihrer Begeisterung über den „zweiten Einstein“ fühlte sich der kleine Junge völlig erschlagen. Ihm war klar, dass er diese Erwartungen niemals würde erfüllen können. Von da an war jegliche Freude an Leistung verschwunden. Er vermied exponierte Positionen und führte ein Schattendasein – das Rampenlicht überließ er gerne anderen. Nachdem ihm diese Zusammenhänge bewusst waren, übernahm er eine verantwortungsvolle Rolle in der ersten Reihe.


Haben Sie sozialphobische Tendenzen?

Der Manager ist wahrlich kein Einzelfall in der täglichen Arbeit von Madeleine Leitner. Aus ihrer Erfahrung weiß sie: „Beruflicher Unzufriedenheit liegen häufiger psychologische Ursachen zugrunde, als man landläufig denkt. Ohne meine langjährige Erfahrung als Psychologin und Psychotherapeutin stünde ich bei vielen Klienten auf verlorenem Posten.“

Haben Sie sozialphobische Tendenzen? Die Expertin Leiter hat ein paar Hinweise formuliert, wie Sie verborgene Ängste herausfinden und überwinden können. Stellen Sie sich folgende Fragen:

  • Wie wurde in Ihrer Familie und in der Schule mit Fehlern umgegangen? Wurden Sie bei Fehlern ausgelacht, verspottet oder sogar bestraft?
  • Haben Sie Erfahrung mit Ausgrenzung oder Ablehnung? Zum Beispiel mit Mobbing, auch schon als Kind? Befürchten Sie, Erwartungen zu enttäuschen oder auf Ablehnung zu stoßen? Weichen Sie Konflikten lieber aus?
  • Scheuen Sie das Rampenlicht? Bekommen Sie bei der Vorstellung, gleich eine Präsentation oder eine Geburtstagsrede halten zu müssen, sofort Herzklopfen, Schweißausbrüche oder Panikgefühle?

Wenn Sie eine oder mehrere dieser Fragen spontan mit Ja beantwortet haben, rät Leitner dazu, sich die latenten Befürchtungen durch Selbstbeobachtung bewusst zu machen. Welche Ängste stecken eigentlich hinter Ihrem Vermeidungsverhalten? Meistens sind es alte „Katastrophen im Kopf“. Leitner: „Bei genauer Betrachtung erscheinen sie allerdings völlig irrational – allein diese Erkenntnis löst das Bedrohungspotenzial in Luft auf.“

Bei vielen Menschen erzeugt zum Beispiel die Vorstellung, Fehler zu machen, einen riesigen Druck. Dabei sind Fehler eine ganz normale Erfahrung, aus der man noch dazu viel lernen kann. Und bekanntlich werden Ängste auch immer größer, wenn man sie vermeidet. Hier macht Übung den Meister: je öfter man sich ihnen stellt, desto geringer werden sie.

Wenn all das nicht hilft, könnte bei Ihnen sogar eine handfeste „soziale Phobie“ vorliegen. Diese wird in der internationalen Klassifikation psychischer Störungen (ICD-10) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als psychische Erkrankung aufgeführt. In diesem Fall sollten Sie einen ausgebildeten Psychotherapeuten aufsuchen, am besten einen Verhaltenstherapeuten. Die Kosten für die Behandlung werden von den Krankenkassen übernommen.


Der Mann, das fragile Wesen

Auch der Bielefelder Autor und Männertherapeut Björn Süfke beschäftigt sich mit männlichen Leiden und weiß nur zu gut, welche Katastrophen das traditionelle Verständnis von Männlichkeit in der Gesellschaft und in den Männern angerichtet hat. Die männliche Natur, so Süfke, habe etwas grundlegend Fragiles.

Sein Appell: „Wenn wir uns nicht grundlegend emanzipieren von Männlichkeitsvorstellungen, die von außen an uns herangetragen werden und die teilweise durchaus mit unseren tiefsten Bedürfnissen übereinstimmen können, es aber nicht zwangsläufig müssen, sollten wir nicht überrascht sein, wenn uns am Lebensende die Frage nicht loslässt, ob das tatsächlich unser Leben war, das wir da gelebt haben.“

In seinem neuen Buch „Männer“ beleuchtet er neben den aktuellen Krisen heutigen Mann-Seins („Sensibel mit seiner starken Schulter, James Bond und trotzdem Musterschwiegersohn: Der moderne Mann sollscheinbar widersprüchliche Eigenschaften in sich vereinen - und ist entsprechend verunsichert.“) aber auch mit den enormen Chancen, die diese bieten. Kürzlich hat Süfke für uns einen Gastbeitrag geschrieben, den ich Ihnen empfehlen möchte. Sie können ihn hier lesen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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