Tourismus nach Terrorwellen: Die Unerschrockenen

Tourismus nach Terrorwellen: Die Unerschrockenen

, aktualisiert 27. November 2016, 12:51 Uhr
Bild vergrößern

Branche und Regionen erholen sich meistens schnell von Angriffen.

Quelle:Handelsblatt Online

Mit Angriffen auf Feriendestinationen wollen Terroristen Urlaubsländer zumeist auch wirtschaftlich schädigen. Doch wie sich zeigt: Branche und Regionen erholen sich meist erstaunlich schnell.

Kapstadt, Tel Aviv, Athen, Madrid, JakartaAhmed Boghady, Souvenirverkäufer beim Tempel der Hatschepsut in Luxor, zeigt auf die Sphinx-Figuren, Nofretete-Büsten und die bunten Pharaonen, die in seinem Shop in mehreren Reihen aufgestellt sind. Früher gingen die schnell weg, heute sind sie Ladenhüter. Derzeit bringt es Boghady, wenn er Glück hat, auf einen Tagesumsatz von rund elf Euro, einst konnte er mit mehr als 30 Euro rechnen.

Der ägyptische Tourismus, ein Schlüsselsektor im Nilland, ist nach der Revolte von 2011 eingebrochen. Einen zusätzlichen Schlag erhielt die Branche nach dem Terroranschlag auf den russischen Ferienflieger, der am 31. Oktober 2015 mit 224 Passagieren an Bord abgestürzt ist. In der Folge stoppten die russischen und britischen Behörden Flüge nach Sharm el Sheikh.

Anzeige

Reisewarnungen für Ägypten setzten dem Fremdenverkehr weiter zu, und negative Medienberichte über das einst beliebte Urlaubsland vergrößerten den Imageschaden. Im Vergleich zum Vorjahr machten in diesem Sommer 60 Prozent weniger Menschen Urlaub in Ägypten. In Sharm el Sheikh, der Perle des ägyptischen Tourismus, schlossen 54 Hotels, in Hurghada 34. Jobs gingen verloren, die Deviseneinnahmen sackten ab. Die Krise war auch in Restaurants und in Bars an der Promenade augenfällig.

Doch jetzt dürfen die Ägypter wieder hoffen. Für den Winter registrieren Reiseunternehmen eine Zunahme der Buchungen. Im nächsten Jahr könnte der Tourismus in Ägypten wieder das Niveau von 2011 erreichen, erklärte David Scowsill vom World Travel and Tourism Council (WTTC).

Das bevorstehende Comeback belegt die Erfahrung von Tourismusmanagern: Die Branche ist widerstandsfähig. Sie könne sich von Schocks "ziemlich rasch erholen," sagt der Generalsekretär der UN-Welttourismusorganisation (UNWTO), Taleb Rifai. Kurzfristig könne es zwar nach Attacken zu Einbußen kommen. Aber mittel- und langfristig würden sich die meisten Destinationen "auf eine überraschende Art und Weise erholen". Trotz zahlreicher Krisen, die den Fremdenverkehr getroffen haben, sei es in den vergangenen Jahrzehnten bloß drei Mal zu einem massiven und längeren Rückgang der Touristenströme gekommen. Rifai nennt die Terroranschläge vom 11. September 2001, die Sars-Krise 2003 und die globale Finanzkrise 2009.

Erstaunlicherweise boomt der Tourismus mitunter trotz Terroranschlägen. In Indonesien legte der Fremdenverkehr trotz mehrerer Terroranschläge in Bali oder in der Hauptstadt Jakarta zu. Die Industrie erweist sich als fundamental robust. Ähnlich auch in Spanien. 191 Menschen starben, nachdem am 11. März 2004 im Berufsverkehr zeitgleich zehn Bomben in voll besetzten Zügen gezündet worden waren - eine davon im Madrider Hauptbahnhof Atocha. Doch der Tourismus erholte sich relativ schnell von dem Schock: Ein Jahr nach den Attentaten lagen die Besucherzahlen wieder so hoch wie davor.


Dramatischer Einbruch in der Türkei

Der globale Tourismus weicht flink auf neue Ziele aus, wenn traditionelle Sonnenplätze riskant wirken. Als sowohl in der Türkei als auch in Ägypten die Terrorangst umging, konnten sich Griechenland und Spanien zu den Krisenprofiteuren zählen. Spanien verzeichnet dieses Jahr einen weiteren Rekord an Besucherzahlen, nachdem es bereits 2015 eine neue Höchstmarke erreicht hatte. 2016 kamen noch einmal rund neun Prozent mehr Besucher, der Tourismusverband rechnet bis Ende dieses Jahres mit insgesamt 74 Millionen Menschen. Spanien liegt damit im weltweiten Ranking der Besucherströme auf Platz drei hinter Frankreich und den USA.

Viele Sonnenhungrige, denen Ägypten oder die Türkei zu gefährlich sind, weichen auf Griechenland aus. Die griechischen Behörden rechnen in diesem Jahr ebenfalls mit einem neuen Reise-Rekord. Dies, obwohl die Flüchtlingskrise katastrophale Auswirkungen auf einige ostägäische Inseln hat. Allein auf Lesbos, wo in den Lagern Platz für 3.500 Menschen ist, wo aktuell aber mehr als 6.000 Flüchtlinge beherbergt werden, ging die Zahl der Touristen in diesem Sommer um 63 Prozent zurück. Die Insel Chios verzeichnete sogar einen Rückgang von 72 Prozent.

Auch der Tourismus in Mali und in Algerien kann sich der globalen Konkurrenz nicht entziehen. Wegen der Islamisten fahren dort kaum noch französische Touristen hin. Sie bleiben nun entweder daheim oder entscheiden sich für Ziele in Asien - wie etwa Burma oder Vietnam.

Vom "Ausweichtourismus" profitiert auch Tunesien, obwohl es selbst terrorverdächtig ist. Im März 2015 wurden 24 Menschen bei einem Anschlag außerhalb des tunesischen Nationalmuseums getötet, und 38 Todesopfer waren bei einem Anschlag am Strand von Sousse zu beklagen. Die Sommersaison war im Eimer: Die Zahl der europäischen Besucher sank um rund 70 Prozent. Doch der Einbruch war nur von kurzer Dauer. Der Rückgang wird inzwischen von Besuchern aus Algerien und den Maghreb-Ländern teilweise abgefedert, in diesem Jahr zudem von Russen, die Tunesien als Urlaubsziel entdeckt haben.

In der Türkei wurde die Auswirkung der Terrorwelle, die in diesem Jahr bereits fast 250 Menschenleben gefordert und der Branche das Geschäft verhagelt hat, durch zwei politische Krisen zusätzlich verschärft. Nach dem Abschuss eines russischen Bombers durch die Türkei verhängte Kremlchef Putin einen Reiseboykott. Im Juli versetzten der Putschversuch und der danach verhängte Ausnahmezustand dem Fremdenverkehr einen weiteren Stoß.

Die Hoteliers am Bosporus, der Ägäisküste und der türkischen Riviera haben die schlechteste Saison seit Jahrzehnten hinter sich, und das Statistikamt TÜIK meldet verheerende Zahlen: In den ersten neun Monaten ging die Zahl der ausländischen Urlauber um 33 Prozent zurück. Hunderte Hotelbetriebe haben in diesem Jahr bereits Konkurs angemeldet.


Die Renaissance der Tourismusbranche

Für die türkische Wirtschaft hat der Tourismus eine große Bedeutung. Er steuerte 2015 knapp 13 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei. Wichtiger noch: Das Land braucht die Deviseneinnahmen, um sein Leistungsbilanzdefizit wenigstens zum Teil auszugleichen. Doch in den ersten neun Monaten gingen diese Einnahmen gegenüber dem Vorjahr von 24,9 auf 17,3 Milliarden Dollar zurück.

Von einem fatalen Doppelschlag getroffen wurde auch der Tourismus in Afrika, zum Beispiel in Kenia. Das nach Südafrika wichtigste Urlaubsziel Afrikas wird einerseits vom Terrorismus in Gestalt von al-Shabaab heimgesucht, der Terrorbande aus dem benachbarten Somalia und ihren lokalen Ablegern, die vor allem um die Touristenmetropole Mombasa aktiv sind. Seit dem Angriff von al-Shabaab auf Dörfer an der kenianischen Nordküste und ein Einkaufszentrum in der Hauptstadt Nairobi wagen sich immer weniger Touristen nach Kenia, zumal es inzwischen ausdrückliche Reisewarnungen vieler westlicher Regierungen für einzelne Regionen wie die Nordküste, aber auch für Mombasa selbst gibt.

Die oft erstaunlich schnelle Renaissance der Tourismusbranche nach Terrorwellen ist kein Naturgesetz. Sie setzt massive Investitionen in die Sicherheit voraus. Kairo und Tunis, Jakarta und Ankara gehen, wenn auch mit unterschiedlichem Erfolg, konsequent - manche würden sagen: mit tödlicher Effizienz - gegen Islamisten vor, die der Tourismusbranche den Garaus machen wollen.

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige

Twitter

Facebook

Google+

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%