Tourismusboom: Chinesen stürmen Japans Einkaufsparadiese

Tourismusboom: Chinesen stürmen Japans Einkaufsparadiese

, aktualisiert 20. Januar 2016, 14:59 Uhr
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Luxusgüter stehen bei den Besuchern aus dem Reich der Mitte hoch im Kurs.

von Martin KöllingQuelle:Handelsblatt Online

Japans Ministerpräsident Shinzo Abe lockt mit seiner Politik des billigen Geldes Millionen Konsumenten aus China ins Land. Noch jubeln der Einzelhandel und die Hotelbranche, doch die gute Stimmung könnte bald kippen.

TokioJapans Hotelindustrie hat unerwartet ein Luxusproblem. Das Land hat sich quasi über Nacht in eines der heißesten touristische Ziele Asiens verwandelt. Und der Japaner Keiichi Morimoto ist ein Opfer des neuen Trends. Er wollte mit seiner Familie Urlaub in Japans alter Kaiserstadt machen. „Aber ich habe kaum ein Zimmer bekommen“, sagt er.

Wo bis vor ein, zwei Jahren gähnende Leere herrschte, machen jetzt Heerscharen vor allem chinesischer Besucher Unterkünfte mitunter zu einem raren Gut. Innerhalb eines Jahres wuchs die Zahl ausländischer Besucher völlig unerwartet um etwa 50 Prozent auf 19,97 Millionen, erklärte Japans Tourismusbehörde am Dienstag. Die Regierung hatte mit 15 Millionen Touristen gerechnet. Allein aus China kamen fünf Millionen, doppelt so viele wie prognostiziert.

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Um neue Kapazitäten zu schaffen, überlegt die Regierung sogar, die Vermietung von Privatwohnungen zu erleichtern. Dem Onlinevermittler AirBnB könnte damit ausgerechnet in dem hochregulierten Japan eine kleine Blüte winken.

Für den Normal-Japaner Morimoto kommt die Liberalisierung zwar zu spät, ist aber prinzipiell richtig. Denn Morimotos Leid ist Shinzo Abes Freud. Für Japans Ministerpräsidenten ist der Sturm auf sein Land einer der größten Erfolge der Abenomics, wie seine Wachstumspolitik aus Geldschwemme und Reformen genannt wird.

Nach seinem Amtsantritt 2012 erklärte er Tourismus zu einem wesentlichen Instrument der Wiederbelebung von Japans Wirtschaft. Wie wurde damals sein Ziel belächelt, bis zu den olympischen Spielen 2020 in Tokio die Zahl der ausländischen Besucher auf 20 Millionen zu verdoppeln? Doch seine Doppelstrategie wirkte: Durch die Geldschwemme der Notenbank sackte der Yen zeitweise um mehr als 50 Prozent ab, sodass Reisen nach Japan erschwinglich wurden. Gleichzeitig erleichterte die Regierung die Visa-Bestimmungen für Asiaten. Und schon schwappte eine unerwartet starke Reisewelle nach Japan.

Dabei nutzen nicht nur Chinesen die Gunst der Stunde. Die koreanischen und taiwanesischen Kontingente legten immerhin noch um etwa ein Fünftel zu. Aber es sind die neureichen Nachbarn aus dem Reich der Mitte, die das wirtschaftliche Herz der Japaner höher schlagen lassen. Denn sie geben am meisten aus. Insgesamt ließen die ausländischen Reisenden im vergangenen Jahr 3480 Billionen Yen (27 Milliarden Euro) in Japan springen, 63 Prozent mehr als vor Jahresfrist. Und die Chinesen machten davon 40 Prozent aus, obwohl sie nur ein Viertel der Besucher stellten. Denn sie amüsieren sich nicht nur in Freizeitparks, sondern lassen auch die Kassen klingeln.

Luxusgüter stehen hoch im Kurs. Japan zählt zu den wenigen Märkte, in denen der Verkauf von Luxusuhren zugelegt hat. Auch Unterhaltungselektronik wie Digitalkameras und Haushaltsgeräte wie Reiskocher, die es eigentlich auch in China gibt, verkaufen sich blendend. Ein Grund dafür ist die Leidenschaft der Chinesen für „made in Japan“, was auch damit zusammenhängt, dass ihr Misstrauen gegenüber Produkten aus dem eigenen Land tief sitzt.


20 Millionen Besucher im Jahr 2016?

„Ich kaufe sie lieber hier, weil ich dann weiß, dass sie japanische Qualität haben und keine Fälschung sind“, sagt eine ältere chinesische Touristin, der man das Einkaufserlebnis noch ansieht: Mit zwei großen Koffern checkt sie am Tokioter Stadtflughafen Haneda ein. Dabei plagt sie keine Angst, für Mehrgewicht draufzahlen zu müssen, obwohl sie Economy mit der chinesischen Fluglinie China Eastern zurück nach Schanghai fliegt. „Ich darf zwei Gepäckstücke mit je 23 Kilogramm mitnehmen“, freut sie sich. Denn die Fluggesellschaften geben sich kulant, um selbst vom Reiseboom zu profitieren.

Japans Tourismusminister Keiichi Ishii gibt sich zuversichtlich, dieses Jahr die Marke von 20 Millionen Besuchern endgültig zu überspringen. Doch gerade jetzt trübt ausgerechnet China die Jubellaune. „Weil Chinas Wirtschaft schwächelt, könnte der China-Boom bald enden“, meint der Minister. Bei Pessimisten schürt der Anstieg des Yen und der Fall des chinesischen Yuan sogar die Sorge, dass Japan den Chinesen wieder schlicht zu teuer wird. Doch einige Analysten wiegeln ab. „Wir glauben, dass Touristen selbst dann ins Land kommen und einkaufen gehen, wenn der Yuan weiter fällt“, meint der Volkswirt Daiju Aoki von der UBS in Tokio. Denn der Wohlstand der Chinesen wachse auf absehbare Zeit weiter. Zudem werde Japans Regierung immer mehr Duty-Free-Shops eröffnen, das seien regelrechte Shoppingparadiese für chinesische Reisende.

Aaron Fischer, Regional Head of Consumer & Gaming Research der CLSA in Hongkong, hat für Japan sogar eine noch bessere Botschaft parat. Er hält ungeachtet alle Turbulenzen in China an seinem Ziel fest, die Zahl der chinesischen Auslandsreisen bis 2020 auf 200 Millionen zu steigern. Dies entspricht einem Wachstum von jährlich neun Prozent. Allerdings erwartet er einen strukturellen Wandel, von dem Japan deutlich profitieren könnte. „Unser Untersuchung zeigt, dass Chinesen nicht nur das Einkaufserlebnis zu schätzen wissen, sondern auch neugierig auf die japanische Kultur sind“, sagt er.

Er erwartet schlechte Zeiten für Ziele wie Hongkong, aber gute für Ziele wie Australien, Europa, die USA oder eben Japan. Für Japan sagt die CLSA sagt sogar voraus, dass die Zahl chinesischer Besucher in Japan bis 2020 auf 11,4 Millionen ansteigen wird, die Abwesenheit von Krisen und Kriegen vorausgesetzt. Der Reiseboom nach Japan könnte damit keine Eintagsfliege gewesen sein.

Quellle:  Handelsblatt Online
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