Toyota Prius im Handelsblatt-Test: Spaßarm sparsam

Toyota Prius im Handelsblatt-Test: Spaßarm sparsam

, aktualisiert 23. Juni 2016, 08:39 Uhr
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Der Joystick-artige Fahrstufenwahlhebel im Toyota Prius spaltet die Betrachter und Mitfahrer. Auf Traditionalisten, die einen Schalthebel vermissen, wirkt der Mini-Ersatz lächerlich. Aufgeschlossenere loben, die Reduzierung auf vier Funktionen sei nur konsequent.

von Frank G. HeideQuelle:Handelsblatt Online

Wie eine Brechschale im Apple-Design sieht seine Mittelkonsole aus, innen gibt es fast nur Hartplastik. Stammt der winzige Schalthebel von Playmobil? Der neue Prius macht mich fertig. Aber als Taxi ist der Toyota toll.

DüsseldorfTrotz intensiver Überzeugungsarbeit habe ich in der Familie sowie dem Freundes- und Bekanntenkreis keinen einzigen Autobesitzer oder Beifahrer gefunden, der dem neuen Toyota Prius etwas Positives abgewinnen kann. Der abschätzige Tenor lautet: „Warum müssen alternative Autos eigentlich immer so hässlich sein?“ Ein schlimmes (Vor-)Urteil, 19 Jahre nach dem Prius-Start, trotz 3,5 Millionen verkauften Exemplaren.

In der Redaktion war die Stimmung gegenüber dem meistverkauften Hybridfahrzeug der Welt weniger emotional, aber weit entfernt von Kaufbereitschaft. Wenngleich nicht repräsentativ, zeigte auch der Blick in die 300 Plätze umfassende Firmentiefgarage: Kein einziger Prius in Sicht. Sind wir immer noch nicht bereit für diese sanfte, leise, japanische Spritspar-Revolution?

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Doch ein Blick auf die Düsseldorfer Automeile Höherweg offenbart, dass das Umdenken längst stattgefunden hat. Wenn auch nicht unbedingt im Privaten. Ein großer Toyota-Händler in der NRW-Landeshauptstadt veranstaltete gerade die gut frequentierten „Taxi-Wochen“, als wir unseren Testwagen fuhren. Gleiches Bild in Berlin: Im Beförderungsgeschäft ist der geräumige und sparsame Japaner momentan gewaltig auf dem Vormarsch.

Warum Benziner mit Elektro-Unterstützung statt dem klassischen Mercedes-Diesel-Taxi? Weil der im Stadtverkehr bis zu zwei Kilometer rein elektrisch fahrende Prius bei jedem Ampelstopp gewinnt. Nicht in Sachen Sprint bei Grün, aber in Sachen Verbrauch. Selbst die schwerste und umfangreichst ausgestattete Executive-Version des Prius kommt in der Norm mit 3,1 Liter auf 100 km weit. Selbst mir als Besitzer eines erblich bedingten bleischweren Gasfußes ist es auf Anhieb im Alltag möglich, Werte mit einer Vier vor dem Komma zu erreichen.

Bei der urbanen Beförderung von Personen mit leichtem Gepäck liegen weitere Vorteile des viertürigen Benzin-Hybriden mit 122 PS Systemleistung auf der Hand: Abzüglich der aktuellen Hybrid-Prämie von 3.000 Euro kostet ein Prius zwischen 25.000 und 29.000 Euro, wenn man behutsam mit der Optionsliste umgeht. Dafür bekommt man einen übersichtlichen, modernen Fünfsitzer mit bis zu 1633 Liter Stauraum.

Auch Haltbarkeits- und Zuverlässigkeitsaspekte, die die Unterhaltskosten beeinflussen, überzeugen Taxi-Unternehmer, wie beispielsweise Bernd Engel. Seit 2002 fährt der Inhaber der Berliner Eastside Taxi GmbH schon Toyota-Hybride, allein 17 Prius hat er momentan in seiner Flotte von 35 Fahrzeugen.

Als Unternehmer schätzt er die extrem niedrige KFZ-Steuer, Kilometerlaufleistungen bis in den Millionenbereich und die geringen Werkstattaufenthalte. Bei seinen Fahrern kommt der Prius gut an, weil das Taxi bei niedrigen Geschwindigkeiten und bei Ampel-Stopps praktisch keinen Mucks von sich gibt, und weil sie aufgrund neugieriger Fragen der Fahrgäste immer ein Gesprächsthema haben.

Beim Wechsel von Generation drei auf vier ist zudem der Kofferraum größer geworden, ebenso der Platz auf allen Sitzen. Von dort aus wird man wohl meist auf die Instrumentenkonsole in der Armaturenbrettmitte blicken, die zwei 4,2 Zoll große-Farbdisplays zeigt.

Der Bildschirm auf der Fahrerseite präsentiert die wichtigsten Fahrinformationen, der andere informiert über das Hybridsystem und gibt Tipps für eine energiesparende Fahrweise. Daraus kann man je nach Leidenschaft und grünem Gewissen im Toyota eine Wissenschaft oder einen Wettbewerb machen.

Aber, ganz ehrlich, mein Ding ist das ja überhaupt nicht.


Das Alte, das bin ich

Was ein Auto aus Fahrer- und Fondsitz- sowie Unternehmer-Perspektive zum idealtypischen Taxi macht, muss einem als Privatmensch nicht gefallen. Schon unsere Putzfrau sagte vielen Jahren: „Wenn ich Mercedes fahren will, rufe ich mir ein Taxi.“ Das gilt, unter anderem Vorzeichen, auch für mich und mein Haupt-Prius-Problem: Am Steuer dominiert das Gefühl, ich bin das einzig Nicht-Moderne, das Alte an diesem Wagen.

Es gibt keinen Schlüssel zu drehen, keine Kupplung zu treten, keine Gänge einzulegen. Handbremse ziehen bei der Anfahrt am Berg? Macht er selber. So wie Licht und Scheibenwischer einschalten, Verkehrsschilder lesen. Darüber hinaus bremst er auch von allein für Fußgänger, greift mir ins Lenkrad, wenn ich eine weiße Linie überfahre, warnt bei Tempoüberschreitungen. Und parkt selber besser rückwärts ein, als viele Menschen es können. Wenn er zwischendurch mal Zeit hat, piept er auch gerne, weil seine sensiblen Sensoren von Hindernissen aufgeschreckt werden, die für mich gar keine sind.

Kommt so gute Stimmung auf? Nein, der Japaner will mich permanent zum sanften Gleiten animieren, zur ressourcenschonenden Individualmobilität erziehen. Spielerisch versucht er das, etwa mit der App „Glass of Water“ auf dem Touchscreen. Ich soll so behutsam fahren, dass kein Tropfen aus dem randvollen virtuellen Wasserglas schwappt. Das Interessanteste an diesem Experiment ist das gespannte Warten auf die Reaktionen des nachfolgenden Verkehrs: Hupen sie, oder hupen sie nicht? Wer diesem Druck nicht standhält, für den ist das Glas oft halbleer.

Oder dieser individuelle Spritspar-Score, den Toyota Freunden permanent aktualisierter Balkengrafiken aufs Auge drückt. Gestern noch eine 89 von 100 auf dem Heimweg, heute schon eine 91. Und schon wieder bei der Berufspendler-Routine mehr Energie zurückgewonnen! Bin ich jetzt ein besserer Autofahrer? Die grimmigen Blicke der mir Nachschleichenden, die ich im Rückspiegel sehe, sagen „Nein!“.

Die Dienstwagenfahrer-unter-Termindruck-Fraktion versteht nicht, warum ich den Wagen im reinen Elektrobetrieb so behutsam zäh anrollen beziehungsweise so lange vor Ampel und Schranke ausrollen lasse. Für die bin ich mitsamt Prius ein Hindernis, ein Verkehrserzieher. Sie sehen das Schild „Hybrid“ am Heck als Warnhinweis: Besser zügig und großräumig umfahren. Meine gefühlte Prognose: Wenn Jaguar und Mercedes die ältesten Kunden hat, dann hat Toyota die langsamsten.

Gebe ich aber Gas, so macht er mir keinen Spaß mehr, der Prius. Dann ist es vorbei mit der Ruhe, schnell brummt der Motor gequält. Fahrwerk und Gangstufen sind nicht für Sport und Spaß abgestimmt. Mehr als Tempo 130 auf der Autobahn? Dann büßt der Hybride seinen Verbrauchsvorteil schneller ein, als Sie Hiroshima buchstabieren können. Einmal unbeherrscht eine LKW-Kolonne überholt, und der vorher mühsam erfahrene Spar-Score ist zum Teufel.

Wer es mal so richtig wissen will, gönnt dem Gaspedal des Prius auf abschüssiger Autobahn intensiven Bodenblechkontakt und erlebt, wie die Elektronik bei haargenau 190 Stundenkilometer (offizielle Angabe: 180 km/h) dem unökologischen Treiben Einhalt gebietet. Das Gefühl, das bleibt, ist eine Mischung aus Erstaunen und Erleichterung: Verwunderung darüber, dass es das Vehikel überhaupt bis zu dieser Geschwindigkeit geschafft hat und Erleichterung, dass der tatsächlich 1,8-Liter große Vierzylinder die vermeintliche Drehzahlorgie überstanden hat. Also lieber wieder Fuß vom Gas und auf der rechten Spur weiter mitschwimmen.

Zeit für eine abschließende Betrachtung des Innenraums, den ich 14 Tage lang schrecklich fand: Das Auto ist 4,54 Meter lang, 2,05 Meter breit und 1,47 Meter hoch. Und nur ein einziges Teil fühlt sich natürlich an: Am Lenkrad ertastet man Leder. Die Verarbeitung ist gut, aber die Leichtbau-Kunststoffeinöde und die weder sportlichen noch komfortablen Stoffsitze trüben das Bild. Stammt der winzige Joystick, der den traditionellen Schalthebel ersetzt (die Älteren werden sich erinnern), vielleicht von Playmobil? Die ähnlich einer Brechschale im Apple-Design geformte weiße Kunststoffschale an Stelle einer Mittelkonsole, auch sie macht den Innenraum modern. Schrecklich modern.

Fazit: Das typische Daimler-Taxi war früher auch nie schön, geschweige denn emotional. Die Dieselstinker hatten andere Stärken. So wie heutzutage die Hybridfahrzeuge. Ich muss sie – wie den Prius – nicht liebhaben, aber ich respektiere ihren Erfolg. Als Taxi.

Mir persönlich muss ein Auto Spaß machen. Wenn Sparsamkeit Spaßverzicht bedeutet, winke ich ab. Und wenn ich mal wieder Prius fahren will, dann wahrscheinlich in Berlin.

Technische Daten: Toyota Prius 1,8 VVT-l Hybrid
Länge: 4,54 m, Breite: 1,76 m bzw. 2.09 m mit Außenspiegeln gemessen, Höhe: 1,47 m, Radstand: 2,70 m.
Motor: Vierzylinder-Benzinmotor, 1.798 ccm, Leistung: 72 kW / 98 PS, Max. Drehmoment: 142 Nm bei 3.600 U/min.
Elektromotor: 53 kW / 72 PS, Max. Drehmoment: 163 Nm.
Gesamtsystemleistung: 90 kW / 122 PS bei 5200 U/min.
Höchstgeschwindigkeit: 180 km/h, Beschleunigung 0 auf 100 km/h: 10,6 Sek.
Verbrauch (nach EU-Norm): 3,0 - 3,1 Liter, CO2-Emissionen: 70 g/km.
Leergewicht / Zuladung: 1.450 - 1.475 kg / 340 kg, Kofferraumvolumen: 501 - 1.633 l.
Wendekreis: 10,2 m, Basispreis (Prius): ab 28.150 Euro, Comfort: ab 29.200 Euro, Executive: ab 32.150 Euro.

Quelle:  Handelsblatt Online
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