Trendforscherin Birgit Gebhardt: „Kollege und Konkurrent Maschine“

Trendforscherin Birgit Gebhardt: „Kollege und Konkurrent Maschine“

, aktualisiert 11. September 2016, 09:54 Uhr
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Die Trendforscherin hat sich auf die Zukunft der Arbeitswelt spezialisiert. „Künftig arbeiten wir nicht mehr nach Tageszeiten, sondern nach Prioritäten.“

von Katrin TerpitzQuelle:Handelsblatt Online

Trendforscherinnen erklären uns den Alltag in 25 Jahren. Das Handelsblatt stellt drei Expertinnen sechs Fragen, wie wir künftig leben werden. Birgit Gebhardt zeichnet ein gemischtes Bild von der Zukunft unserer Arbeit.

Die Hamburger Trendforscherin Birgit Gebhardt entwirft im Gespräch mit uns Bilder einer Welt von übermorgen und skizziert den Aufbruch in eine neue Arbeitskultur. Wie wollen wir in Zukunft arbeiten? Was bringt den Wandel ins Rollen und wie können wir davon profitieren? Diskutieren Sie diesen Beitrag auch in unserem Businessnetzwerk Leader.In. – eine Initiative zur Vernetzung erfolgreicher Frauen und Männer aus der Wirtschaft.

Frau Gebhardt, wie werden wir in 25 Jahren arbeiten?
Viele werden vernetzt überall arbeiten können. Das autonom fahrende Auto – ausgestattet mit einem großflächigen Screen – wird zum Einzelbüro. Je nach Stresslevel oder Inspirationsbedarf fährt es an den Waldrand oder durch das Szeneviertel, und zum Arbeiten taugt es eher als das Homeoffice. Das Caféhaus ist heute schon informellerer Ort für Meetings, der Coworking-Space ein gern genutztes Angebot, um in fremden Städten professionell und mit anderen Experten zusammenzuarbeiten. Das Büro der Firma, für die man arbeitet, mutiert als steinerne Corporate Identity zum offenen Headquarter. Dort tauschen sich Kunden, Businesspartner, Zulieferer und Mitarbeiter inhaltsgetrieben aus. Im Büro besuchen diese Gruppen kreative mehrtägige Workshops, nehmen an Events und Präsentationen teil. Und in Testlaboren können sie direktes Kundenfeedback einholen.

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Was wird der fundamentalste Wandel im Arbeitsleben sein?
Unser Arbeits- und Lebensrhythmus verschiebt sich. Er richtet sich nicht mehr nach Tageszeiten, sondern nach Prioritäten. Und: Ein Großteil der Arbeit, die heute noch Menschen beschäftigt, wird künftig von schlauen Algorithmen, Robotern, Drohnen und dem Internet der Dinge und Dienste erledigt werden.

Was bringt diese Veränderungen ins Rollen?
Fortschritte in der Automatisierung, Robotik, intelligenter Software und Big Data-Analysen. Der Mähdrescher wird erst losfahren, wenn der Tau-Sensor das Scheunentor geöffnet und der ESA-Satellit die Wettervorhersage mit den Echtzeitbildern zur aktuellen Fruchtreife abgeglichen hat. Die Joghurtpalette auf dem Hof in Bayern wird sich selbst ihren Weg in den Supermarkt nach Hamburg organisieren. Funktionen lösen sich von der angestammten Maschine oder physischen Umgebung und werden zu agilen Datenpaketen. Diese schalten je nach Auftrag die dazu nötige Hard- und Software zusammen. Deshalb kann eine Joghurtpalette mit einem autonom fahrenden Lkw-Convoy kommunizieren und deshalb erreichen Staumeldungen auf der A7 plötzlich auch besagte Palette zur logistischen Entscheidungshilfe.

Welche Folgen hat der Wandel in der Arbeitswelt?
Wir müssen die menschliche Arbeitsleistung an diese vernetzte Zukunft anpassen. Zum einen müssen wir eine reibungslose Mensch-Maschine-Kommunikation ermöglichen. Zum anderen müssen sich die Kompetenzen und Tätigkeitsprofile der Menschen von denen der intelligenten Systeme stärker abgrenzen, damit wir nicht ersetzbar werden. Die intelligenten Systeme können Kollege und Konkurrent sein.


Auch der Mensch wird durch Maschinen schlauer

Wie können wir vom Wandel im der Arbeitswelt profitieren?
Wir profitieren von der intelligenten Umgebung und ihrer Effizienz, die auch die Organisation unseres Alltags umfasst. Im Arbeitsmarkt kann dies ein Wettbewerbsvorteil sein, sofern Mensch und Maschine, Software und Sensor gut zusammenarbeiten. Auch den Menschen machen die intelligenten Systeme schlauer, lassen dank messbarer Echtzeitdaten effizienter und kundenorientierter nach Lösungen suchen und bieten über Gaming, Virtual und Augmented Reality sogar individuelle Lernformate an. Sie ermuntern uns, aus stumpfen Standardtätigkeiten auszubrechen, um uns wieder auf die humanen Fähigkeiten zu konzentrieren: kreative Ideenentwicklung, empathisches Kundenverständnis, intuitive Interaktion, Analyse mit Herz und Verstand, soziale Bindungen.

Zu welchem Beruf würden Sie Ihrer Tochter raten?
Zu keinem. Ich fände es übergriffig, einen Beruf für meine Tochter aussuchen. Von der MINT-Panik hat sie in der Schule schon gehört. Aber es wird auch noch Philosophen als Analytiker, Kreative als Ideenentwickler, Psychotherapeuten, Krankenpfleger und andere Berufe geben. Diese werden zwar digitalen Support erhalten, deren humaner Beitrag für Forschung, Wirtschaft und Gesellschaft wird aber schon noch von Interesse sein. Wichtiger als den Job zu kennen wäre es, die eigenen Talente, Interessen und Lernmethoden zu kennen. Zu wissen, worin man überdurchschnittlich gut ist, was davon einem viel Freude bringt und wie man sich neue Dinge leicht aneignet. Angesichts der dramatischen Veränderungen im Arbeitsleben ist es auch geschickt, zwei oder drei persönliche Entwicklungsfelder im Auge zu behalten. Das hält die eigene Neugier breiter, macht den Erfahrungsschatz interessanter und die Anschlussfähigkeit größer.

Vita:

Birgit Gebhardt ist Trendforscherin mit Schwerpunkt Zukunft der Arbeitswelt. Sie schrieb das Buch 2037 - Unser Alltag in der Zukunft“. Gebhardt ist Autorin der Studie „New Work Order – Aufbruch in eine neue Arbeitskultur“. Die Trendexpertin ist unter anderem Mitglied der Bertelsmann Expertenkommission zu Neuen Lebens- und Arbeitswelten und im Münchner-Kreis-Gremium zur Zukunft der Arbeit. Gebhardt begleitet Zukunftsprozesse in Konzernen wie UBS und Beiersdorf und unterstützt Unternehmen bei der Entwicklung einer agilen Führungs- und Arbeitskultur. Zwölf Jahren arbeitete Gebhardt als Expertin für die Konsumgüterindustrie im Trendbüro Hamburg von Prof. Peter Wippermann, davon die letzten fünf Jahre als Geschäftsführerin. 

Quelle:  Handelsblatt Online
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