Trump strauchelt im ersten TV-Duell: Punktsieg für Hillary Clinton

Trump strauchelt im ersten TV-Duell: Punktsieg für Hillary Clinton

, aktualisiert 27. September 2016, 06:57 Uhr
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Noch ist nichts entschieden, doch Hillary gewinnt punktet im ersten TV-Duell – im Gegensatz zu Donald Trump.

von Moritz KochQuelle:Handelsblatt Online

Im ersten TV-Duell des amerikanischen Hauptwahlkampfs gerät Donald Trump unter Druck. Der Republikaner vertraut seinen Instinkten – und überdreht. Damit läuft der Hitzkopf seiner Rivalin Hillary Clinton in die Falle.

New YorkKaum haben Hillary Clinton und Donald Trump ihre Podien verlassen, sich kurz die Hand gereicht, beginnt schon der Kampf um die Deutungshoheit. Die Spin-Doktoren – PR-Berater, die für den richtigen Dreh in den Medien sorgen sollen – strömen in die Fernsehstudios, eilen hinüber ins Pressezentrum, um für ihre Kandidaten zu trommeln. Trump schaut sogar persönlich bei den Journalisten vorbei, seinen Beratertross im Schlepptau.

Gleich nach der 90-minütigen Fernsehdebatte auf dem Campus der Hofstra Universität in der Nähe von New York beginnt der nächste Schlagabtausch, der Wahlkampf ist noch lange nicht vorbei.

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Weder Clinton noch Trump gelingt es an diesem Abend, einen vorentscheidenden K.O.-Schlag zu landen. Doch insgesamt wirkt die demokratische Präsidentschaftskandidatin souveräner, sie erringt einen Punktsieg, den sie dringend gebraucht hat. Vor dem Duell herrschte Gleichstand in den Umfragen. Clintons Vorsprung ist geschmolzen, in den entscheidenden Bundesstaaten liegen die Kandidaten praktisch auf gleicher Höhe. Der Impuls, der von diesem Abend ausgeht, könnte ihr in der Schlussphase des Wahlkampfs neuen Auftrieb geben.

Für den Entertainer Trump ist es ein neues Format, die erste Eins-Gegen-Eins-Situation im Kampf um den Einzug ins Weiße Haus. Zwar hat er im Vorwahlkampf viele Debatten bestritten, aber mit so vielen Kontrahenten zugleich, dass er zwischendurch immer wieder abtauchen konnte. Nun musste er sich erstmals einem Duell stellen. Der Bildschirm ist zweigeteilt. Die Kamera lässt die Kontrahenten für eineinhalb Stunden nicht aus dem Blick.

Trump baut sich hinter seinem Podium auf, zieht eine finstere Miene auf, den Kopf angewinkelt beäugt er Clinton. Er spitzt die Lippen, schneidet Grimassen, greift immer wieder nach seinem Wasserglas. Trump kommentiert fast jede Äußerung seiner Rivalin, fällt ihr immer wieder ins Wort. Dabei wirkt er fahrig, ungewöhnlich angespannt.

Clinton tut das Gegenteil. Sie steht still, lässt Trump ausreden. Sie will überlegt und überlegen wirken. Ihn ins Messer laufen lassen. Doch zumindest anfangs lädt sie Trump damit zu Angriffen ein. Der nutzt die Chance, die Clintons Strategie des Abwartens eröffnet. Er dreht die Debatte auf den Freihandel, sein Lieblingsthema – und Clintons Schwachstelle.

Trump macht den Freihandel für Jobverluste und Standortschließungen verantwortlich. Der Berufspolitikerin Clinton wirft er vor, sie habe diese Politik 30 Jahre lang befördert, die Probleme der schwindenden Mittelschicht nicht gelöst. Aber bald darauf überdreht der Republikaner. Statt sich auf Clinton zu fokussieren, verliert er mit Seitenhieben auf Präsident Barack Obama, Notenbank-Chefin Janet Yellen und die „New York Times“ den Faden.


Der entscheidende Treffer

Trumps Amerika ist ein America Noir, von Feinden und falschen Freunden umstellt. „Unsere Jobs werden uns gestohlen, unsere Firmen verlassen das Land. Das dürfen wir nicht mehr zulassen“, ruft er. Positive Wirtschaftsdaten wischt er beiseite, die USA befänden sich in einer „großen, hässlichen Spekulationsblase“. Trump klagt: „Unser Land wird von jedem einzelnen Land der Welt abgezogen. Wir verlieren in allen Bereichen.“

Clinton kontert: „Donald lebt in seiner eigenen Welt.“ Die Demokratin hat Probedebatten abgehalten. Auf einer nachgebauten Bühne, sogar zur gleichen Uhrzeit, um das Duell zu simulieren. Sie hat Fakten in sich aufgesogen, Angriffsroutinen und Verteidigungsmanöver einstudiert. Der aktenscheue Trump dagegen hat sich ein paar Mal mit seinen Beratern an einen Tisch gesetzt. Mehr nicht. Er vertraut seinem Instinkt. Doch es ist Clinton, die den entscheidenden Treffer landet: „Ich habe mich auf diese Debatte vorbereitet, ja, das stimmt. Und weißt du, worauf ich mich auf vorbereitet habe, Donald? Die Präsidentschaft.“

Trump verspricht radikalen Wandel und setzt auf einfache Antworten. Die Steuern sollen sinken, die bürokratischen Fesseln für Unternehmen durchschnitten werden, damit die „Reichen viele Jobs schaffen“ können. Clinton sieht darin keinen Neuanfang, sondern die gescheiterte Politik der Vergangenheit. Sie erinnert daran, dass Deregulierung und „Trickle-Down-Economics“, Steuererleichterungen für Unternehmen und Besserverdienende, den Weg in die Finanzkrise geebnet haben.

Immer wieder gelingt es Clinton, Trump in die Falle zu locken. Etwa als dieser sich dafür rechtfertigt, den Geburtsort von Barack Obama angezweifelt und damit die unsägliche „Birther-Diskussion“ befeuert zu haben. Und als sich der erwiesene Hitzkopf zu der Behauptung versteigt: „Meine größte Stärke ist mein Temperament.“

Am Ende der Debatte ist klarer denn je: Zur Wahl steht Abschottung oder Offenheit, Nationalismus oder Patriotismus. In eineinhalb Monaten müssen sich die Amerikaner entscheiden. Zumindest einigen von ihnen wird diese Entscheidung nun ein wenig leichter fallen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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