Trump trifft Obama: Der Feind in meinem Haus

Trump trifft Obama: Der Feind in meinem Haus

, aktualisiert 10. November 2016, 21:45 Uhr
Bild vergrößern

Die beiden Männer verbindet eine lange und tiefe Feindschaft.

von Nils RüdelQuelle:Handelsblatt Online

US-Präsident Barack Obama empfängt seinen Nachfolger Donald Trump im Weißen Haus. Die beiden zeigen sich staatsmännisch-versöhnlich – doch draußen vor der Tür sind die Menschen entsetzt. Ein Ortsbesuch.

WashingtonMarissa hielt es nicht mehr aus. Als die 39-Jährige aus Virginia hörte, dass Donald Trump heute Mittag Präsident Barack Obama im Weißen Haus treffen werde, nahm sie Mittagspause und machte sich auf ins benachbarte Washington. Dort steht sie nun, an der Nordseite des Präsidenten-Amtssitzes, und hält stumm ein Blatt Papier hoch: „Hass hat keinen Platz im Weißen Haus“, hat sie draufgeschrieben. „Wir sind besser als das, was Trump verkörpert“, sagt Marissa.

Neben ihr haben sich Hunderte an diesem strahlend sonnigen Donnerstag auf der Pennsylvania Avenue eingefunden – Trump-Gegner, Trump-Fans, Schaulustige. Es ist ein historischer Termin: Obama hat Trump, den künftigen Präsidenten, ins Oval Office eingeladen, um Details zur Amtsübergabe zu besprechen.

Anzeige

Drinnen im Weißen Haus geben sich Obama und Trump die Hand. Der amtierende Präsident beschreibt das Treffen als „exzellent“ und „weitreichend“. Man wolle eng bei der Übergabe zusammenarbeiten. Trump sagt, es sei eine „große Ehre“ gewesen, Obama zu treffen. Der Präsident sei „ein guter Mann“ und er freue sich darauf, von dessen Rat zu profitieren.

Bis vor 48 Stunden hatten die beiden noch ganz anders geklungen. Die beiden Männer verbindet eine lange und tiefe Feindschaft. Trump hatte Obama im Wahlkampf heftig kritisiert, der Präsident sei schwach, unfähig, gefährlich und Teil einer korrupten Elite, die das Land ausbeute. Jahrelang hatte er dem ersten schwarzen Präsidenten unterstellt, er sei nicht in den USA geboren und folglich zu Unrecht im Amt. Obama wiederum hatte bei vielen Gelegenheiten Trump die Eignung und den Charakter für das Präsidentenamt abgesprochen.

Nun soll der schrille, verletzende und brutale Wahlkampf schnell vergessen sein. Und das Projekt Versöhnung beginnt heute, hier im Weißen Haus. Statt der geplanten Viertelstunde dauert das Gespräch der beiden gut 90 Minuten – ein gutes Zeichen, wie Obamas Leute hinterher streuen. Trump sagt, man habe über wundervolle und über schwierige Dinge gesprochen. Details gibt es nicht.

Draußen vor dem Weißen Haus können es viele nicht fassen. „Wir sind ein tief gespaltenes Land“, sagt Mobashara, 27. Die junge Muslimin macht sich Sorgen, dass der von Vorurteilen geprägte Trump-Wahlkampf in offenen Hass gegen Anhänger des Islam umschlagen könnte. Gemeinsam mit ihrer Freundin Kristina, 24, hält Mobashara ein Transparent: „Not My President“, steht darauf, und „Fuck Trump“. Der Republikaner habe im Land Rassismus und Fremdenfeindlichkeit salonfähig gemacht, sagt Kristina. „Es ist schrecklich, aber wir sind selbst schuld, dass wir ihn gewählt haben“.

Doch auch Trump-Unterstützer sind heute zum Weißen Haus gekommen. „Ich habe ihn gewählt, weil ich den Wechsel will“, sagt Cletus aus Missouri. „Trump wird aufräumen mit dem kaputten Politikbetrieb“. Neben Cletus steht Theresa, die sich „TC aus DC“ nennt und eine große amerikanische und eine israelische Flagge hochhält. Sie freut sich über Trumps Sieg, weil „Gott ihn geschickt hat“.


Obamas Erbe ist in höchster Gefahr

Vor dem Zaun haben schon die Bauarbeiten für einen Pavillon begonnen, in dem Gäste die Amtsübernahme Trumps am 20. Januar verfolgen sollen. Bis dahin ist er der „President Elect“ und bekommt Sicherheits-Briefings des Geheimdienstes. Nun muss der Republikaner auch seine Mannschaft aufzustellen. Trumps Regierung ist für rund 4.000 Ernennungen zuständig, von denen tausend der Senat bewilligen muss.

Das sollte ohne große Kontroversen ablaufen, denn die Republikaner haben auch die Mehrheit in beiden Kammern des Kongresses. Ein erstes Treffen als gewählter Präsident hat Trump mit den Top-Republikanern im Parlament, Paul Ryan und Mitch McConnell, bereits direkt nach dem Termin im Weißen Haus. Was dem künftigen Präsidenten zudem in die Hände spielt: Trump wird in seiner Amtszeit einen oder mehrere US-Bundesrichter ernennen und den Supreme Court nach rechts rücken können.

Damit ist Obamas Erbe in höchster Gefahr. Trump hat angekündigt, gleich mehrere Projekte des Noch-Präsidenten rückgängig machen zu wollen – von der Krankenkasse für jedermann über die Freihandelspolitik und den Atom-Deal mit Iran bis zu Maßnahmen zum Klimaschutz. „Washington steht vor einem Erdbeben“, schreibt die „Washington Post“, die sich im Wahlkampf klar gegen Trump und für Obamas Parteifreundin Hillary Clinton ausgesprochen hatte.

Für viele Menschen vor dem Weißen Haus ist die Vorstellung eines Präsidenten Trump eine Katastrophe. „Love trumps hate“ („Liebe übertrumpft Hass“), skandieren sie immer wieder in Sprechchören, und „Kein Trump, kein KKK (Ku-Klux-Klan), keine rassistische USA“.

Ein paar Meter weiter bricht in einer Gruppe eine heftige Diskussion aus. „Trump ist mir lieber, denn Hillary ist eine Lügnerin“, ruft ein Mann Ende 50. „Das ist nicht wahr“, entgegnet eine Frau mit langen grauen Haaren, „sie hat doch Fehler in der E-Mail-Affäre zugegeben“. Der Mann senkt seine Stimme und appelliert: „Gebt Trump doch erst mal eine Chance“ , sagt er, „in vier Jahren können wir ihn sonst ja wieder abwählen“. Eine junge farbige Frau unterbricht sofort: „In vier Jahren wird er aber eine Menge Schaden anrichten“, ruft sie.

Bevor die Debatte durcheinandergeht, schaltet sich ein Mann um die 40 ein. Er ist Kanadier. „Wisst ihr was, Leute“, sagt er, „allein schon die Tatsache, dass ihr hier vor dem Weißen Haus diskutiert, so friedlich und diszipliniert, ist großartig“. Dies, sagt der Mann, zeige ihm: „Egal was passiert, you guys will be fine.“

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige

Twitter

Facebook

Google+

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%