Trumps Weltsicht: Die Flinten des Nichtswissers

Trumps Weltsicht: Die Flinten des Nichtswissers

, aktualisiert 17. Mai 2016, 23:07 Uhr
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Trumps Weltbild speist sich aus Strömungen, die in der amerikanischen Politik lange keine Rolle mehr spielten.

von Moritz KochQuelle:Handelsblatt Online

Trump ist ein Linker, behaupten die Rechten. Ein Rechter, sagen die Linken. Der US-Präsidentschaftskandidat scheint alle zu verwirren. Sein Weltbild speist sich aus vergessenen Strömungen der amerikanischen Politik.

WashingtonDonald Trump ist ein Kraut-und-Rüben-Kandidat. Es ist leichter, mit bloßen Händen und verbundenen Augen einen Feldhasen zu fangen, als ihn auf ein politisches Programm festzulegen.

Mal will der amerikanische Präsidentschaftsbewerber die Spitzensteuersätze senken, mal erhöhen. Erst ist er der Überzeugung, dass die Löhne in Amerika zu hoch seien, dann schlägt er einen Haken und macht sich für einen höheren Mindestlohn stark.

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Den Islamischen Staat verspricht Trump, in Grund und Boden zu bombardieren. Gleichzeitig jedoch verkündet er, dass Amerika dann am stärksten ist, wenn es sich auf die Verteidigung seiner Küsten beschränkt.
Neuerdings versucht Trump, die Demokratin Hillary Clinton von links zu attackieren. Der Republikaner, der sich mit Brachialrhetorik den Beinamen „Mussolini von Manhattan“ erworben hat, klingt plötzlich wie ein Klon von Bernie Sanders. Clinton werde „von der Wall Street vollkommen kontrolliert“, behauptet er.

Seine verdutzten Parteifreunde erinnert Trump daran, dass sie der „republikanischen Partei“ angehören, nicht der „konservativen Partei“.
Das amorphe Weltbild des Populisten kennt nur eine feste Größe: Trump selbst. Trump ist ein Egozentriker und zwar im Wortsinn. „Niemand ist wie ich“, sagt er. „Niemand.“ Tatsächlich lässt sich Trump nicht in das Raster zwängen, das heute zur ideologischen Verortung von Politikern herangezogen wird. Bemühungen seiner konservativen Kritiker, ihn als Linken abzustempeln, sind ebenso aussichtslos, wie die Versuche der Linken, ihn zum Neofaschisten zu deklarieren.

Doch so einzigartig, wie er meint, ist Trump nicht. Seine Anziehung auf Teile der amerikanischen Wählerschaft ist auch deshalb so stark, weil er auf Strömungen zurückgreift, die in der Geschichte der USA eine wichtige Rolle gespielt haben. Amerika betrachtet sich gern als Ideal, als Einwanderernation, die von einem Glauben an universelle Werte zusammengehalten wird – im Unterschied zur Blut-und-Boden-Ideologie der Europäer. Doch auch in Amerika gab es schon immer jene, die von ethnischer Reinheit und Abschottung träumten.


Die „Know-Nothings" des 19. Jahrhunderts

Wenn Trump verkündet, eine Mauer an der Grenze zu Mexiko zu bauen und Muslimen die Einreise zu verweigern, kann er aus einer langen xenophoben Tradition schöpfen. Im 19. Jahrhunderts waren die Iren das, was heute Mexikaner und Muslime sind. Die katholischen Neuankömmlinge galten als Papisten, Rom-hörige Fremdkörper im sozialen Gefüge der protestantisch geprägten jungen amerikanischen Nation.

Damals wie heute löste der Zustrom von Einwanderern Überfremdungsängste aus. Rufe nach Abschottung mischten sich mit Misstrauen gegenüber Andersgläubigen. Einwanderungsgegner gründeten die „Know-Nothing-Partei“ und feierten in den 1840er Jahren erste Wahlerfolge.

Der Name der Bewegung geht auf ihre geheimbündlerische Entstehung zurück. Mitglieder waren angehalten, ihre Aktivitäten nicht zu kommentieren. „Ich weiß von nichts“, sagten sie nur.
Trump und seine Anhänger sind die „Know-Nothings“ der Gegenwart. Den neuaufgelegten Nativismus ergänzen sie um eine protektionistische Wirtschaftspolitik und isolationistische Außenpolitik, Überzeugungen, die seit dem Zweiten Weltkrieg Außenseiterpositionen sind, in der Zwischenkriegszeit aber zum politischen Mainstream gehörten. Unter Trumps Slogan „America First“ versuchte schon der Volksheld Charles Lindbergh zu verhindern, dass die USA Großbritannien im Krieg gegen Nazideutschland beistehen.

Ehe sich Lindbergh mit antisemitischen Äußerungen diskreditierte, fand er etliche Anhänger. Amerika war des Kämpfens überdrüssig. Der erste Weltkrieg, von Präsident Woodrow Wilson zur Entscheidungsschlacht im Kampf gegen reaktionäre Mächte überhöht, hatte das Land erschöpft.

Die Verwicklung in europäische Kriege erschien vielen Amerikanern als sinnlos.
Die Bedrohung durch totalitäre Ideologien der Nazis und der Sowjets verdrängte den Isolationismus aus der politischen Mitte, halten konnte er sich nur am linken und am rechten Rand. Der Protektionismus, mit dem Amerika unter Herbert Hoover die Große Depression verschärfte, wurde dagegen nie ganz überwunden.

In „Buy American“-Vorschriften, die die US-Regierung verpflichten, einheimische Anbieter bei öffentlichen Aufträgen zu bevorzugen, lebt er bis heute fort.
Das zentrale Motiv in Trumps Denken ist die Unterscheidung zwischen “uns”, den Schützenswerten, und „denen“, den Fremdlingen, die wahlweise schmarotzen, Jobs stehlen oder Terrorpläne ausbrüten. Anknüpfungspunkte dafür finden sich in den dunkleren Kapiteln der US-Geschichte. Trump mag sich selbst für einzigartig halten. Doch es waren seine Vorläufer - Lindbergh, Hoover und die Know-Nothings -, die den Resonanzboden für seinen Populismus bereitet haben.

Quelle:  Handelsblatt Online
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