Turbulenzen an den Märkten: „Anleger schätzen die Crashgefahr viel zu hoch“

Turbulenzen an den Märkten: „Anleger schätzen die Crashgefahr viel zu hoch“

, aktualisiert 24. April 2016, 12:27 Uhr
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Anleger sind viel zu pessimistisch und rechnen ständig mit dem nächsten Crash.

von Jessica SchwarzerQuelle:Handelsblatt Online

Wie hitzig es an der Börse zugehen kann, haben Anleger zu Jahresbeginn erlebt. Der Dax rauschte in die Tiefe. Mittlerweile ist das Minus fast wettgemacht. Doch schon bald könnten die Emotionen wieder hochkochen.

DüsseldorfGroße Konjunktursorgen, schwache Quartalszahlen, fragwürde Notenbankpolitik – Auslöser für extreme Schwankungen an den Weltmärkten gibt es viele. Extreme Ausschläge gehen unweigerlich einher mit extremen Emotionen. Schon Börsenaltmeister André Kostolany sagte einst: „Die Börse besteht zu 90 Prozent aus Psychologie, nur zehn Prozent sind Fakten.“

Emotionen führen an der Börse unweigerlich zu Überreaktionen. Die beiden Extreme sind dabei Gier und Panik, oder übersetzt: Rally oder Crash. Die Turbulenzen in die eine oder andere Richtung scheinen immer extremer zu werden. Gerade hat sich die Lage zwar beruhigt, aber der Schein könnte trügen. Schon die nächsten, etwas schwächer als erwartet ausfallenden Konjunkturdaten könnten neue Verwerfungen auslösen.

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Hinzu kommt die Abstimmung der Briten über den Verbleib in der Europäischen Union. Stimmen sie für den Brexit und stürzen Europa in eine tiefe Krise? Was passiert dann an der Börse? Die Nervosität ist groß, und wird in den Wochen bis zur Abstimmung am 23. Juni sicher nicht geringer.

Auch die erfahrensten Anleger können ihre Emotionen nicht ausschalten. Auch sie zweifeln an Tagen wie dem 24. August 2015, als der Dax im Sog der chinesischen Konjunktursorgen mehrere hundert Punkte einbüßte. Auch sie werden nervös. Manche verfallen sogar der Panik. „Es ist natürlich ein Unterschied, ob ich eigenes oder fremdes Geld verwalte“, sagt der bekannte Börsenpsychologe und Gründer von Cognitrend Joachim Goldberg. „Jeder, der sich für ein Investment entscheidet, hat eine Bindung an diese Entscheidung. Und in dem Moment, in dem wir in einen Markt investiert haben, verändert sich die Wahrnehmung.“

Oft dreht die Stimmung schnell wieder. Das haben Anleger nach dem verpfuschten Jahresstart erlebt, aber auch im August. Wie so oft, kochten die Emotionen hoch, doch ebenso schnell waren es andere Themen, die das Börsengeschehen beeinflussten – Angst und Sorgen schienen verschwunden. Emotionen haben nämlich an der Börse eine kurze Haltwertzeit.

Die Aussage von Börsenaltmeister Kostolany bezog sich deshalb auch auf die kurzfristige Kursentwicklung, langfristig spielen Fundamentaldaten sehr wohl eine große Rolle. Börsenpsychologen messen deshalb in ihren wöchentlichen Umfragen die kurzfristige Stimmung, die als Kontraindikator gilt, und die längerfristigen Erwartung der Anleger, also sein Grundvertrauen in den Markt.

In der wöchentlichen Handelsblatt Dax-Umfrage geben Anleger an, wie sie sich derzeit fühlen, also in welcher Phase sie den Dax aktuell sehen, und was sie für die kommenden Monate erwarten. Beide Stimmungsbilder fließen in die Analyse ein, die Stephan Heibel vom Analysehaus AnimusX vornimmt. „Nur weil alle gerade denken, die Welt geht unter, ist das noch ausreichend für einen Trendwechsel“, erklärt er. „Solche schlechte Stimmung kann über mehrere Wochen anhalten und die Märkte fallen immer stärker.“


Prozyklisches Handeln ist die Regel - ein Fehler

Um sagen zu können, ob diese miese Stimmung als Kontraindikator taugt und ob es einen Trendwechsel gibt, muss die Befragung komplexer sein. Nur wenn das Grundvertrauen gleichzeitig noch da ist, sind die Voraussetzungen für eine Bodenbildung gegeben. „Ohne die Überzeugung, dass die Börse irgendwann wieder besser laufen wird, wird sich niemals ein Käufer für Aktien finden“, so Heibel.

Doch warum ist es so fürchterlich, wenn die Stimmung extrem gut ist? Wenn alle an die Aktie glauben, wenn alle mitmachen wollen? „Wenn es nach oben geht, freuen sich die Anleger“, so Heibel. Gier, Selbstüberschätzung und Größenwahn regieren dann die Kurse, und das geht in der Regel schief.

Ähnliches ist in schlechten Börsenphasen zu beobachten. „Geht es nach unten, dann bekommt der Anleger Angst“, so Heibel. Dann werde Adrenalin ausgeschüttet, der Verstand werde etwas zurückgestellt und Anleger machen Fehler. Strategien werden über Bord geworfen, nur raus aus der Börse, lautet dann das Motto. Experten sprechen in beiden Fällen vom Herdentrieb.

Doch für Anleger, die ruhig bleiben, bieten sich gerade dann die besten Chancen. Oder um es mit dem bekannten Superinvestor Warren Buffett zu sagen: „Seid gierig, wenn alle panisch sind, seid panisch, wenn alle gierig sind.“ Ein Plädoyer für antizyklisches Investieren, dem sich auch Vermögensverwalter Andreas Grünewald gerne anschließt. „Anleger sollten versuchen, wirklich antizyklisch zu handeln“, sagt er. Als Vermögensverwalter beobachtet er immer wieder, dass er genau dann Mittelzuflüsse verzeichnet, wenn die Märkte mehrere Jahre lang gestiegen sind. Und das Mittel abfließen, wenn die Märkte mehrere Jahre lang deutlich gefallen sind. Diese extrem prozyklisches Handeln ist vor allem bei Privatanleger mehr die Regel, denn die Ausnahme.

Das lässt sich auch an den Aktionärszahlen ablesen, die im vergangenen Jahr erstmals seit längerer Zeit wieder gestiegen sind. In den ziemlich turbulenten, aber doch sehr guten Aktienjahren zuvor, waren die Aktionärszahlen kaum gestiegen, teilweise sogar zurückgegangen. Erst mit dem Allzeithoch im Dax kamen die Deutschen auf das Börsenparkett zurück. Joachim Goldberg überrascht das nicht. „Das ist der Klassiker gewesen“, sagt der Experte. Dass Anleger nahe oder auf dem Allzeithoch kaufen, sei oft zu beobachten.

Allerdings würden sie natürlich in dem guten Glauben kaufen, dass es weiter hoch geht. Natürlich können Märkte auch weiter laufen, auch das hat es nach Jahren mit starken Mittelzuflüssen privater Anleger schon gegeben. „Wir erleben aber oft, auch in anderen Anlageklasse: Wenn etwas total populär ist, dann wird die Luft dünn“, so Goldberg. Das zeigen auch seine Stimmungsumfragen für die Deutsche Börse. Wenn die Stimmung zu gut ist, geradezu heiß gelaufen, dann nimmt die Gefahr zu, dass die Stimmung kippt.


Profis schalten sofort in den Crashmodus

Die Experten sind sich einig, dass sich Privatanleger nicht von Gier oder Angst, von reißerischen Schlagzeilen in den Medien beeinflussen lassen sollten. „Anleger sollten auch bereit sein, ganz normale Meldungen aufzunehmen: Die Welt ist gar nicht so schlecht, sie wächst aktuell mit drei Prozent“, sagt Grünewald. „Wir haben niedrige Zinsen, niedrige Rohstoffpreise, eine wachsende Käuferschicht weltweit – sehr viel um uns herum ist in Ordnung, aller negativen Schlagzeilen zum Trotz.“ Das gelte es aufzunehmen und auf dieser Basis zu investieren.

Doch das fällt Anlegern gar nicht so leicht. „Eine aktuelle Studie von Robert Shiller, dem Sentiment-Papst, hat gezeigt, dass Anleger die Crashgefahr an den Finanzmärkten viel zu hoch einschätzen, und zwar die Profianleger“, so Börsenpsychologe Goldberg. „Kaum geht der Dax oder auch Dow Jones oder S&P 500 mal drei oder vier Prozent runter, schalten sie sofort in den Crashmodus. Die sind viel zu negativ.“ Auch die mediale Berichterstattung sei zu negativ. „Negative Nachrichten haben eine Verweildauer im Markt von mehreren Tagen und positive haben gerade mal eine Verweildauer von einem Tag. Da können Sie sich vorstellen, wie schnell sich Angst verbreitet.“

Einig sind sich die Experten darin, dass es den total rationalen Anleger nicht gibt – auch wenn die Fabelfigur „Homo Oeconomicus“ Jahrzehntelang für die Theorien der Wirtschaftswissenschaftler herhalten musste. Doch so schlimm ist das gar nicht. „Wir sind natürlich nicht völlig irrational, aber wir sind eben Menschen“, so Goldberg. „Wir müssen uns bewusst machen, was bei uns immer wieder nicht so optimal läuft. Dann kann ich dagegen angehen.“ Ausschalten lassen sich die Emotionen nicht, aber das ist auch gut so. „In einer Welt ohne Gier, gäbe es keine Finanzmärkte“, sagt Goldberg. „Wir brauchen ein bisschen Antrieb.“ Mitunter gehe das aber zu weit. Mancher Anleger verwechselt die Börse mit einem Casino und verzockt sein Vermögen.

„Die besten Anleger sind eiskalt und berechnend“, so Heibel. „Die haben Gedankengänge, da schüttelt man sich, das kann man nicht nachvollziehen, aber sie sind überdurchschnittlich erfolgreich.“ Wer immer nur mit der Masse mitlaufe, können keine Überrenditen erzielen. Sich von der Masse loszusagen, ist aber gar nicht so einfach. Eine alte Börsenweisheit lautet „Kaufen wenn die Kanonen donnern“ – wer dann kauft, muss sich im Zweifelsfall zwar anhören, ein Kriegs- oder Krisenprofiteur zu sein, doch häufig wurden in der Vergangenheit gerade in solchen Fällen die Grundsteine für große Vermögen gelegt. „Es ist leicht gesagt, kontraindikativ zu handeln, denn in uns Menschen rebelliert dann eine Menge“, so Heibel. Wer sich gegen die Herde stellt, ist ziemlich einsam. Einfacher und gemütlicher ist es, mit der Herde zu laufen. „Der Aktienmarkt ist keine Wohlfühlveranstaltung“, bringt es Goldberg auf den Punkt.

Und wie meiden Privatanleger psychologische Stolperfallen an der Börse? Anlegern empfehlen die Experten, eine klare Strategie zu verfolgen und diese auch schriftlich festzuhalten. Dazu gehören auch klare Exit-Regelns. Was tun, wenn eine Aktie um zehn oder 20 Prozent abstürzt? Um wie viel Prozent darf das Depot schwanken? Wie oft justiert man nach – Experten sprechen vom Rebalancing – stelle also die ursprüngliche Gewichtung der Anlageklasse wieder her? Das würde helfen, in stürmischen Zeiten die Nerven zu behalten und in der Rally nicht der Gier zu verfallen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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