TV-Debatte Clinton – Trump: Erst ganz am Ende ein Funke Würde

TV-Debatte Clinton – Trump: Erst ganz am Ende ein Funke Würde

, aktualisiert 10. Oktober 2016, 06:16 Uhr
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Die TV-Debatte unterstrich, wie persönlich der US-Wahlkampf geworden ist.

von Moritz KochQuelle:Handelsblatt Online

Der Wahlkampf in den USA ist beleidigend und verletzend. Doch bei der zweiten TV-Debatte fällt eine der letzten Anstandsregeln: Donald Trump will seine Rivalin hinter Gitter bringen. Wahlkampf als Pausenhof-Keilerei

WashingtonEin Wort twittert Hillary Clinton vor der TV-Debatte, nur eines. „Remember“ – erinnert euch. Dazu stellt sie einen Videoclip von Michelle Obama. „When they go low, we go high“, sagt die First Lady darin, was übersetzt so viel heißt wie: Wenn die anderen jeden Anstand vermissen lassen, kontern wir mit Stil. Auf diesen Satz wird Clinton im Laufe des Abends noch zurückkommen.

Kurz vor der zweiten Fernsehdebatte zwischen Clinton und ihrem republikanischen Rivalen Donald Trump ist der Präsidentschaftswahlkampf in eine Schlammschlacht ausgeartet. Um von dem sexistischen Schockvideo abzulenken, machte Trump seine Drohung wahr und veranstaltete eine Pressekonferenz mit Frauen, die nach eigenen Angaben in den 1980er und 1990er Jahren Opfer von sexuellen Übergriffen von Clintons Ehemann Bill geworden sind.

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Trump, der Mann, der gerade als Grapscher bloßgestellt wurde, versucht seine Kontrahentin als Komplizin ihres ehebrechenden Mannes zu attackieren. Die Rechtfertigung des Republikaners ist so schlicht wie verstörend. Die Demokraten haben angefangen, lautet sie. Die Debatte über den zukünftigen Kurs Amerikas, der Führungsmacht des Westens, wird auf dem Niveau einer Pausenhof-Keilerei geführt.

Die Wählerschaft verfolgt das Spektakel mit einer Mischung aus morbider Faszination und einem tiefen Unwohlsein. Die Auseinandersetzung hat mit allen politischen Konventionen gebrochen, die noch galten. Für den Restwahlkampf, dreieinhalb quälende Wochen werden es noch sein, gelten die Regeln des Reality-TV.

Die Debatte am Montagabend wird im Townhall-Format geführt, das hört sich gediegen an, bedeutet aber nur, dass das Moderatoren-Duo dem Publikum die meisten Fragen überlässt. Clinton und Trump betreten sie Bühne, sie von rechts, er von links. Sie geben sich nicht die Hand. Der Wahlkampf ist zu persönlich geworden, zu beleidigend, zu verletzend. Für Anstand bleibt kein Platz mehr.

Schon die erste Frage führt zurück zu Trumps vulgären Äußerungen über Frauen. Trump versucht das Unentschuldbare mit „Umkleidekabinen-Geschwätz“ zu entschuldigen und weicht auf Bill Clintons aus. Die Frauen, die dem Ex-Präsidenten sexuelle Belästigung vorwerfen, sitzen im Publikum. Ein Affront, eine in der amerikanischen Wahlkampfgeschichte beispiellose Provokation. Aber Hillary Clinton lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Sie zitiert Michelle Obama: „When they go low, we go high.“


Trump jammert und zankt sich

Während Clinton spricht, tigert Trump über die Bühne, schaukelt seinen Körper hin und her. Beim nächsten Thema, Clintons E-Mail-Affäre, läuft es besser für ihn. Er nutzt die Gelegenheit zum Angriff. Doch es ist an dieser Stelle, an der das Duell eine noch düstere Wende nimmt. Trump sagt, er wolle einen Sonderermittler ernennen, um Clinton für die Gefährdung von Staatsgeheimnissen strafrechtlich zu verfolgen. „Wie gut, dass jemand mit dem Temperament von Donald Trump nicht in der Position ist, die Gesetze unseres Landes zu gestalten“, kontert sie. „Weil du dann im Gefängnis wärst“, grollt er dazwischen.

Man wird diesen Moment noch lange in Erinnerung behalten: Ein Präsidentschaftskandidat droht seiner politischen Gegnerin, sie ins Gefängnis zu werfen. Welches Verständnis von Rechtstaatlichkeit steckt dahinter? So machen Autokraten Politik. Trumps Bewunderung für Wladimir Putin erhält dadurch neue Brisanz.

Der Republikaner, der sich gern für sein Gewinner-Temperament lobt, wird immer aggressiver: „Lügnerin“, schleudert er Clinton entgegen. „Sie ist ein Desaster.“ Und dann diesen Satz: „Sie hat enormen Hass in ihrem Herzen.“ Es geht immer tiefer bergab. Zwischendurch zankt sich Trump mit den Moderatoren, jammert, dass er bei Zeitüberschreitung unterbrochen wird. „Drei gegen einen“, beschwert er sich. Wie gesagt: Pausenhofniveau.

Dennoch bilanzieren die Fernsehsender später, dass Donald Trump einen guten Abend erwischt hat. Oder zumindest: Dass er die Fehler der ersten, für ihn so desaströsen Debatte vermieden hat. Doch selbst, wenn man dieser Argumentation folgt, ist schwer ersichtlich, wen Trump außerhalb seiner Kernwählerschaft mit seinem aggressiven Auftritt überzeugt haben sollte.

Erst ganz am Ende kommt ein Funken Würde, ein bisschen Anstand in die Debatte. Gefragt, ob sie denn auch positive Eigenschaften bei Trump sehe, verweist Clinton auf Trumps Kinder, er müsse ein guter Vater sein. Trump wiederum bezeichnet Clinton als Kämpferin, die nie aufgebe. Dafür gebühre ihr Respekt. Am Ende reichen beide sich die Hand.

Quelle:  Handelsblatt Online
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