TV-Duell – ein Stimmungsbericht: Ein Albtraum für Unentschlossene

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TV-Duell – ein Stimmungsbericht: Ein Albtraum für Unentschlossene

Quelle:Handelsblatt Online

TV-Duell mit bayrischen Fahnen: Am Schauplatz von „Oktoberfest – The Musical“ in Los Angeles zeigt die Uni der kalifornischen Metropole die Debatte zwischen Clinton und Trump. Ein Abend voller Streit und Enttäuschung.

Ein Theater in Los Angeles: An normalen Abenden wird hier derzeit das Stück „Oktoberfest – The Musical“ aufgeführt. Nicht so an diesem Montagabend, 18 Uhr Ortszeit. Da sitzen auf den Bierbänken, umgeben von blau-weiß-karierten Hofbräuhaus-Fahnen, rund 100 Zuschauer, darunter viele Studenten. Auf Einladung der University of California (UCLA) verfolgen sie die erste Fernsehdebatte der US-Präsidentschaftskandidaten Donald Trump und Hillary Clinton.

Am Ende wird jedoch alles beim Alten bleiben: Diejenigen, die Clinton wählen wollten, wollen sie immer noch wählen, diejenigen, die für ihren republikanischen Herausforderer Trump wählen wollten, halten weiterhin an ihm fest. Und die Unentschiedenen? Wissen immer noch nicht, für wen sie stimmen sollen.

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Die meisten Zuschauer in Los Angeles sind während der Debatte sehr engagiert, fiebern mit. Sie bestehen etwa zur Hälfte aus Trump- und Clinton-Unterstützern, aber es gibt auch einige Unentschlossene. Clinton erntet viel Applaus und Lacher, etwa als sie Trump mehrfach attackiert: „Donald, I know you live in your own reality“ – „Donald ich weiß, du lebst in deiner eigenen Realität“. Oder als sie ihm vorwirft, dass er den Klimawandel als „Schwindel der Chinesen“ darstelle. Dafür haben die Wähler in einem US-Bundesstaat, der im fünften Jahr einer verheerenden Dürreperiode steckt, kein Verständnis.

TV-Debatte in den USA Clinton ist gut, Trump ist besser

Donald Trump und Hillary Clinton liefern sich ein packendes erstes TV-Duell. Der umstrittene Republikaner hat am Ende im WiWo-Check die Nase knapp vorn.

Democratic presidential nominee Hillary Clinton and Republican presidential nominee Donald Trump shake hands during the presidential debate at Hofstra University in Hempstead, N.Y., Monday, Sept. 26, 2016. (Joe Raedle/Pool via AP) Quelle: AP

Auch Trump kann in Los Angeles ein paar Mal punkten, etwa als er sagt, dass es endlich an der Zeit sei, „dass dieses Land von jemanden geführt wird, der etwas von Geld versteht“. Oder als er verspricht, Zehntausende Jobs nach Amerika zurückzuholen. Anders als Clinton erntet er aber auch Buh-Rufe. Es kommt im Publikum nicht gut an, als er sagt: Die Gangs und Verbrecher, die durch die Straßen streifen, seien „in vielen Fällen illegale Immigranten“.

Jimmy Kelly, ein Drehbuchschreiber aus Los Angeles, zeigt sich am Ende zufrieden mit Clintons Performance auf der Bühne. Er will am 8. November für sie stimmen. „Ich denke, dass Hillary die bestqualifizierteste Kandidatin für das Präsidentenamt in der Geschichte Amerikas ist“, sagt der 30-Jährige. Jacob Ellenhorn, ein 21-jähriger Jura-Student an der University of Southern California, fühlt sich hingegen darin bestätigt, für Trump zu stimmen. „Er spricht für den normalen Amerikaner“, findet er.

Protokoll einer Achterbahnfahrt - Der Wahlkampf in den USA

  • 18. Juli 2015

    Trump findet, der ehemalige Präsidentschaftskandidat und Vietnam-Veteran John McCain sei kein Kriegsheld. „Trump ist nach Beleidigung erledigt“, titelt die „New York Post“ daraufhin.

  • 14. Oktober 2015

    Bernie Sanders, der für die Demokraten kandidieren will, nimmt seine Konkurrentin Clinton bei einer TV-Debatte in Schutz: „Das amerikanische Volk hat die Diskussion über ihre verdammten Emails satt.“

  • 22. Oktober 2015

    Clinton muss elf Stunden lang in einem Ausschuss Fragen zum Anschlag von Bengasi beantworten.

  • 07. Dezember 2015

    Nach einem Terrorangriff in San Bernardino fordert Trump ein komplettes Einreiseverbot für Muslime.

  • 01. Februar 2016

    Beim Auftakt der Vorwahlen in Iowa gewinnt bei den Republikanern der texanische Senator Ted Cruz, Trump kommt nur auf den zweiten Platz. Clinton siegt sehr knapp vor Sanders.

  • 06. Februar 2016

    Trump sagt, er wolle noch viel schlimmere Verhörmethoden als Waterboarding einsetzen.

  • 18. Februar 2016

    Papst Franziskus sagt, Trump verhalte sich unchristlich. Trump sagt, Franziskus sei von Mexikos Regierung irregeleitet worden.

  • 01. März 2016

    Trump und Clinton gehen als klare Sieger aus dem „Super Tuesday“ mit Vorwahlen in mehreren Bundesstaaten hervor.

  • 08. März 2016

    Trump siegt in weiteren Staaten. Einige Republikaner reden über eine Kampfabstimmung auf dem Parteitag. Clinton gewinnt auch, hat aber weiter Probleme. Es ist Halbzeit.

  • 21. März 2016

    Trump sagt, er wolle weniger für die Nato zahlen. Wenige Tage später meint, er es wäre für Japan oder Südkorea besser, wenn sie Atomwaffen besäßen. Dann sagt Trump, Frauen müssten für Abtreibungen bestraft werden.

  • 03. Mai 2016

    Trump gewinnt die Vorwahl in Indiana. Cruz und Kasich steigen aus dem Rennen aus. Clinton verliert gegen Sanders.

  • 26. Mai 2016

    Trump hat genügend Delegierte für die Präsidentschaftskandidatur zusammen.

  • 6. Juni 2016

    Clinton erreicht die notwendige Zahl an Delegierten.

  • 25. Juni 2016

    Am Tag nach dem Brexit-Schock preist Trump in Schottland den Ausgang des Referendums.

  • 5. Juli 2016

    Das FBI empfiehlt, in der E-Mail-Affäre keine Anklage gegen Clinton zu erheben.

  • 12. Juli 2016

    Sanders erklärt seine Unterstützung für Clinton.

  • 15. Juli 2016

    Trump macht den Gouverneur Mike Pence zu seinem Vizepräsidentenkandidaten.

  • 21. Juli 2016

    Trump ist offiziell Präsidentschaftskandidat.

  • 22. Juli 2016

    Clinton macht den ehemaligen Gouverneur Tim Kaine zu ihrem Vizepräsidentenkandidaten.

  • 23. Juli 2016

    Wikileaks veröffentlicht gehackte E-Mails der Demokraten. Einen Tag später tritt die Parteivorsitzende Debbie Wasserman Schultz zurück.

  • 29. Juli 2016

    Clinton ist offiziell Präsidentschaftskandidatin.

  • 11. September 2016

    Clinton verlässt eine Gedenkfeier frühzeitig. Sie hat eine Lungenentzündung und muss pausieren.

  • 16. September 2016

    Trump erkennt erstmals an, dass Präsident Barack Obama in den USA geboren wurde - behauptet aber, Clintons Seite habe die Zweifel daran in die Welt gesetzt.


Enttäuschung bei den Ratlosen

Im Vorfeld der Debatte betonten Experten oft, wie wichtig dieses Duell für diese Präsidentschaftswahl sei. Denn gerade die unentschlossenen Wähler sind könnten in diesem Kopf-an-Kopf-Rennen die entscheidenden Stimmen abgeben. Bei einer Befragung des Senders CNN von 20 Unentschlossenen im Swing-State Florida gaben 18 von ihnen nach dem TV-Duell an, Clinton als Gewinnerin der Debatte zu sehen.

Bei einer Umfrage eines Beraters der Demokraten unter unentschlossenen Wählern im US-Bundesstaat Cleveland sagten die meisten hingegen, dass sie keinen der Kandidaten als Gewinner ansehen. Ein großer Teil sah Clinton als Siegerin, keiner sah Trump als Sieger. Eine Umfrage des „Wall Street Journal“ unter Unentschiedenen und Experten zeigte, dass Unentschlossene jedoch auch nach der Debatte nicht wesentlich zu dem einen oder den anderen Kandidaten hingezogen sein dürften.

Auch in Los Angeles waren einige Unentschlossene gekommen, um sich endlich eine Meinung zu bilden. Am Ende konnte sie aber keiner der Kandidaten überzeugen. Beim Duell sei es „beruhigend gewesen, dass Hillary besser vorbereitet war“, sagt Mark Biedlingmaier, Student der Umweltwissenschaften an der UCLA. Er wisse aber auch nach der Debatte nicht, für wen er stimmen soll. „Ich habe zu wenig Informationen“, sagt der 22-Jährige. Bei der letzten Wahl hatte er für die Demokraten gestimmt. Er sieht Vorteile bei beiden Kandidaten.

TV-Duelle in US-Präsidentschaftswahlkämpfen

  • 1960

    Demokrat John F. Kennedy gegen Republikaner Richard Nixon - die erste Präsidentschaftsdebatte, die live im Fernsehen übertragen wurde. Kennedy bestach durch Charme und ein sonnengebräuntes Äußeres. Nixon, der zuvor im Krankenhaus lag, wirkte dagegen unrasiert und so unsympathisch, dass er seine Chancen verspielte. Kennedy konnte die Wähler für sich gewinnen. Bis 1976 wagte sich kein Kandidat mehr an ein öffentliches Duell.

  • 1976

    Folgenreiches TV-Duell zwischen dem Demokraten Jimmy Carter und dem amtierenden Präsidenten Gerald Ford. Nach einer erfolgreichen ersten Debatte brachte sich Ford in eine unglücklich Lage. Er behauptete mitten in Zeiten des Kalten Krieges: „Es gibt keine Dominanz der Sowjetunion in Osteuropa, und unter einer Regierung Ford wird es auch keine geben.“ Ford verlor die Wahl.

  • 1980

    Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Jimmy Carter und dem Republikaner Ronald Reagan. Reagan, als erfahrener Schauspieler um einiges besser vor den Kameras, überzeugte die Zuschauer mit Witz und Charisma. Mit der Frage: „Geht es ihnen besser als vor vier Jahren?“, traf er vor allem mit Blick auf die Wirtschaftslage einen Nerv.

  • 1984

    Präsident Reagan sticht wortgewandt den Demokraten Walter Mondale aus. Der damals 73-Jährige, im Duell auf sein hohes Alter angesprochen, sagt: „Ich werde Altersfragen in dieser Kampagne nicht thematisieren. Ich werde die Jugend und Unerfahrenheit meines Opponenten nicht politisch ausschlachten.“ Reagan wurde wiedergewählt. Rund 67 Millionen Zuschauer verfolgten das Duell.

  • 1988

    Verhängnisvoll war eine Aussage des demokratischen Gouverneurs Michael Dukakis. Er sprach sich im TV-Duell gegen die Todesstrafe aus, selbst wenn seine Frau Opfer eines Gewaltverbrechens würde. Er verlor gegen den Republikaner George H. W. Bush.

  • 1992

    Erstmals war neben George H. W. Bush und dem Demokraten Bill Clinton auch ein dritter Kandidat dabei, Ross Perot. Präsident Bush wurde für seinen Auftritt kritisiert, da er ständig auf die Uhr schaute, während die anderen Kandidaten sprachen.

  • 1996

    Zwischen dem amtierenden Präsidenten Clinton und dem ehemaligen Senator aus Kansas, dem Republikaner Bob Dole, gab es zwei TV-Debatten. Clinton überzeugte in der Debatte souverän und behauptete sich als Präsident.

  • 2000

    Der demokratische Vizepräsident Al Gore konnte in den Debatten die Zuschauer nur wenig überzeugen. Er schüttelte den Kopf oder stöhnte hörbar auf, wenn George W. Bush zu Wort kam. Einige Medien kritisierten Gore als selbstgefällig.

  • 2004

    Für John Kerry wurde das TV-Duell zum Verhängnis. Das Thema Irak förderte bei Kerry größere Wissenslücken zu Tage. George W. Bush entschied die Wahl erneut für sich.

  • 2008

    Zwischen dem Republikaner John McCain und dem Demokraten Barack Obama gab es drei TV-Debatten. Obama wirkte souverän und kompetent.

  • 2012

    Präsident Barack Obama und der frühere Gouverneur aus Massachusetts, Mitt Romney, standen sich in drei hitzigen Debatten gegenüber. Mitt Romney zeigte jedoch Lücken, etwa seine Unkenntnis über die geografische Lage von Syrien, Irak und Iran. Obama präsentierte sich selbstbewusst.

Scott, blaues Shirt, blaue Shorts, ebenfalls ein junger Wähler, ist enttäuscht von dem Duell. „Nachdem ich diese Debatte angesehen habe, mag ich beide nicht besonders“, sagt er. „Ich denke, ich werde entweder für Gary Johnson oder gar nicht abstimmen.“ Johnson ist Kandidat der Libertären Partei. Beim Rennen um das Weiße Haus ist er zwar chancenlos, aber er könnte Clinton oder Trump wichtige Stimmen kosten.

Am Ende der Veranstaltung in Los Angeles debattieren einige Zuschauer noch heftig weiter. Alle Themen, die die USA derzeit bewegen, kommen auf den Tisch: Rassendiskriminierung, die Arbeitslosenquote, Immigration, China – Menschen schreien sich an oder schauen beleidigt in eine andere Richtung. Auch wenn sie den vielen Unentschlossenen vielleicht nicht geholfen hat, eines wird bei dieser Debatte deutlich: Die US-Amerikaner sind gespalten, nicht nur wenn es um den geeigneten Präsidentschaftskandidaten geht.

Quelle:  Handelsblatt Online
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