TV-Journalistin Katy Tur im Wahlkampf: Wenn Trumps Medienkritik persönlich wird

TV-Journalistin Katy Tur im Wahlkampf: Wenn Trumps Medienkritik persönlich wird

, aktualisiert 03. November 2016, 11:16 Uhr
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Eine von etlichen Journalistinnen, die von US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump schon persönlich scharf kritisiert wurden.

von Martin DowideitQuelle:Handelsblatt Online

Im Wahlkampf lässt Donald Trump in kaum einer Rede scharfe Kritik an den Medien aus. Journalisten seien unehrlich – und immer mal wieder schießt er sich auch auf einzelne Berichterstatter ein. Doch eine findet Rückhalt.

WashingtonGerade hat der republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump in einer Rede noch Barack Obama vorgeworfen, zu viel Wahlkampf für dessen Parteifreundin Hillary Clinton zu machen, da springt er zu einem neuen Thema: Medienschelte. „Katy, du berichtest nicht darüber. Dabei passiert hier etwas, Katy. Es passiert hier etwas, Katy“, ruft der 70-Jährige am Mittwoch bei einem Wahlkampfauftritt in Florida.

Wen Trump hier persönlich angreift, ist die TV-Journalistin Katy Tur. Sie arbeitet eigentlich als Auslandskorrespondentin in London für den Sender NBC News. Doch während des Wahlkampfs folgt sie dem Trump-Lager durch die USA – und ist Angriffe des Republikaners schon gewohnt. Während einer Pressekonferenz war Trump ihr schon einmal über den Mund gefahren: „Seien Sie ruhig, ich weiß, dass Sie [Hillary Clinton] retten wollen“, sagte er.

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Trumps wiederkehrender Vorwurf: Medien würden nicht berichten, wie groß die Massen sind, die zu seinen Wahlkampfveranstaltungen kommen. Kein Auftritt vergeht, in dem der Kandidat nicht selbst eine Zahl in den Raum wirft, wie viele Zuhörer in persönlich sprechen hören wollen. Von 4.000 war am Vortag in Wisconsin die Rede – und auch dort ereiferte er sich in weit fassender Medienschelte. Journalisten seien „die unehrlichsten Menschen der Welt“, so eine seiner Aussagen.

Noch härter als Tur hatte es die Fox-News-Moderatorin Megyn Kelly im Vorwahlkampf erwischt, als Trump ihre Gesprächsführung während einer Fernsehdebatte kritisierte. „Ihr ist das Blut aus den Augen gekommen und das Blut wo immer sonst noch herausgekommen.“ Dies wurde als Anspielung auf die Menstruation der Journalistin verstanden. Trump sagte später, er habe Kellys Nase gemeint.

Die Hartnäckigkeit Kellys und auch Turs hat jedoch viele Anhänger. Am Mittwoch machte sich viel Unterstützung für Tur in den sozialen Medien breit (#ImWithTur). Journalismus-Professor Jeff Jarvis sprach sich für eine Gehaltserhöhung der Journalistin aus, und auch viele andere priesen ihre Arbeit. Für Fox-News-Moderationsstar Kelly ist wohl sogar ein Jahressalär von mehr als 20 Millionen Dollar geboten worden, damit sie nach ihrem im Juli auslaufenden Vertrag bei Fox News bleibt.

Fox-News-Chef Rupert Murdoch hatte gesagt, er hoffe „sehr bald“ eine Einigung mit Kelly zu erzielen. Die schmutzige Kritik Trumps hatte ihr zu mehr Ruhm verholfen.


„Er braucht einen Sündenbock“

Auch auf anderer Ebene knöpft sich Trump gerne Medien vor und behauptet, sie berichteten einseitig zu Gunsten von Hillary Clinton. So hat er den mexikanischen Milliardär Carlos Slim angegriffen, der rund 17 Prozent an der „New York Times“ hält. Der größte Aktionär der Zeitung komme aus Mexiko und habe „Millionen an Dollar den Clintons und ihren Initiativen gezahlt“, so Trump. Kein Wunder also, dass die Zeitung kritisch mit Trump umgehe, dessen Plan eine Mauer an der Grenze zu Mexiko zu errichten ein Kernthema des Wahlkampfs ist. „Times“-Berichterstatter seien „Lobbyisten von Carlos Slim“. Sowohl Slim als auch die New York Times haben die Vorwürfe von sich gewiesen.

In den Reden Trumps fällt auch auf, dass er regelmäßig davon spricht, dass seine Zuhörer sicher von der einen oder anderen Entwicklung gelesen hätten oder dazu Fernsehberichte gesehen hätten. Wenn diese Berichte den Tenor Trumps treffen, zweifelt er die Redlichkeit der Berichterstattung nicht an.
Journalismus-Experten glauben eine Trendumkehr in der Berichterstattung in den USA mit der wachsenden öffentlichen Medienkritik zu erkennen. Hätten früher die „Er hat gesagt, sie hat gesagt“-Berichte überwogen – also bloße nachrichtliche Berichte über Aussagen von Politikern, sei jetzt das Fact-Checking integraler Bestandteil der Wahlkampfberichterstattung. Politik-Professor Brendan Nyhan von der Dartmouth University beobachtet „den folgenschwersten Wahlkampf für den politischen Journalismus“, berichtet CNN.

Die in ihrer journalistischen Ehre angegriffenen Reporter reagierten mit sehr kritischer Berichterstattung sowohl über Trump als auch über Clinton. Journalisten hätten sich in eine Art Boxer verwandelt, so Vivian Schiller, ehemalige Chefin des öffentlichen Rundfunksenders NPR.
Die von Trump angegriffene NBC-Reporterin Tur hat sich eigentlich ein dickes Fell zugelegt, da sich die Angriffe gegen sie wiederholen. „Er braucht einen Sündenbock“, sagte Tur in einem Interview im August. Ein Sündenbock solle Trump helfen, einen Rückstand in den Umfragen aufzuholen. „Sein Sündenbock sind die Medien.“

Doch am Dienstag schob sie auf dem Nachrichtensender MSNBC nach: Die Kritik an einzelnen Journalisten „bringt die Massen auf und das weckt bei vielen die Sorge um die Sicherheit von Journalisten.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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