Twitter-Debatte: Der AfD-Fan von der Sparkasse

Twitter-Debatte: Der AfD-Fan von der Sparkasse

, aktualisiert 05. Januar 2017, 19:19 Uhr
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Der SPD-Politiker wird für seinen Sparkassen-Tweet heftig kritisiert.

von Elisabeth AtzlerQuelle:Handelsblatt Online

Ein Sparkassenangestellter greift den SPD-Politiker Christopher Lauer über seinen Firmenaccount an – daraufhin stellt ihn Lauer öffentlich bloß. Es folgen ein Shitstorm und Morddrohungen. Der Angestellte wurde beurlaubt.

Frankfurt Angefangen hat alles am 1. Januar. Der frühere Piratenpolitiker Christopher Lauer kritisierte die Kölner Polizei wegen deren Bezeichnung „Nafris“ für Menschen aus Nordafrika. „Ich halte diesen Begriff für in hohem Maße entmenschlichend“, sagte er der Nachrichtenagentur dpa.

Die Kölner Polizei verwende die Abkürzung eigentlich intern für Straftäter aus Nordafrika. „Wenn die nun in der Silvesternacht hunderte Menschen so bezeichnen, ist das eine pauschale Verurteilung einer ganzen Bevölkerungsgruppe nur nach dem Aussehen“, so Lauer weiter, der Vorsitzender der Piraten-Partei in Berlin war und zur SPD übertrat.

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Mit seiner Kritik an der Verwendung des Begriffs „Nafri“ stieß Lauer seinerseits dennoch auf heftige Kritik, die über den Kurznachrichtendienst Twitter oder per E-Mail bei ihm aufschlug. Eine E-Mail veröffentlichte Lauer am Montag. Sie stammte von einem Angestellten der Kreissparkasse Groß-Gerau, der Lauer über seinen Firmenaccount geschrieben hatte – in giftigem Ton.

„Vielen Dank für Ihre Aussage gegenüber dem Verhalten unserer Polizei an Silvester in Köln und den Begriff Nafri“, so der Sparkassenangestellte. Er und sein Bekanntenkreis seien sich jetzt endgültig sicher, bei der nächsten Bundestagswahl, „die einzig wahre Partei zu wählen, nämlich die AfD“. „Die SPD war einmal und versinkt hoffentlich in der Bedeutungslosigkeit“, so der Sparkassenmitarbeiter. Unter seiner E-Mail prangt ein Sparkassenclaim.

Lauer versah den Screenshot der E-Mail mit der Bemerkung – wobei er den Namen des Angestellten, der auch in der E-Mail auftaucht, nennt und ein Foto von ihm zeigt: „Herr X. von der Kreissparkasse Großgerau wählt dieses Jahr AfD! Wisst ihr bescheid!“

In einem zweiten Tweet richtete sich Lauer, der 35.000 Follower bei Twitter hat, an den Deutschen Sparkassen- und Giroverband (DSGV): „Ist das eine offizielle Wahlempfehlung oder wie soll ich diese Mail über Firmenadresse verstehen?“

Seit diesen Twitter-Posts sieht sich Lauer einem Shitstorm gegenüber, der sich noch immer nicht gelegt hat. Allein am Donnerstagnachmittag gab es binnen zwei Stunden mehr als 200 Twitter-Kommentare dazu. Zuletzt kamen Kommentare im Minutentakt. Insgesamt dürfte es zu dem Thema inzwischen mehrere hundert Kommentare geben. Die meisten richten sich gegen Lauer. Einige Twitter-Nutzer werfen ihm vor, er habe den Sparkassenangestellten „denunziert“.

Viele davon attackieren ihn scharf, oftmals hasserfüllt und mit Ausdrücken unterhalb der Gürtellinie. „Da hat der Denunziant Lauer wohl was verloren. Der schaut jetzt hinter sich wenn er auf die Strasse geht“, schreibt ein Twitter-User.


Sparkassen-Mitarbeiter wurde beurlaubt

Oder: „Du Bauer hast keinerlei Mehrheit bei iwas. Muss dein Leben beschissen sein.“ Auch Drohungen sind dabei: „Ich finde es Klasse, dass Christopher Lauer hier sogar seine Handy-Nummer veröffentlicht!“, schreibt jemand anders über Twitter. Lauer berichtet, er habe bereits seit dem dpa-Interview anonyme Anrufe, Hass-E-Mails und Morddrohungen bekommen.

Zudem kursiert auf Twitter, dass die Sparkasse den Angestellten freigestellt habe. Das schrieb laut „WAZ“ auch die Tochter des Mitarbeiters über Twitter: „Ich hoffe, Sie sind jetzt stolz, dass mein Vater vorerst freigestellt ist.“

Tatsächlich aber teilte die Kreissparkasse Groß-Gerau mit, sie habe sich mit ihrem Mitarbeiter einvernehmlich darauf geeinigt, ihm „ein paar Tage Urlaub zu gewähren“. Der Grund sei der Schutz der Person und Zeit für die Klärung der Angelegenheit.

Die Sparkasse verweist darauf, dass es ihren Mitarbeitern untersagt sei, „dienstliche Accounts für parteipolitische Mitteilungen jedweder Art zu nutzen“. Diese Vorgabe dürfte für viele der rund 400 deutschen Sparkassen gelten.

Lauer, der in der SPD derzeit keinen Posten besetzt, verteidigte die Veröffentlichung mit Verweis darauf, dass die Sparkasse eine Anstalt des öffentlichen Rechts und deshalb zur Neutralität verpflichtet sei. „Es ist von öffentlichem Interesse, wenn ein Sparkassenmitarbeiter sich von seinem Dienst-Account auf diese Weise äußert. Seine E-Mail betrifft die Sozial- und nicht die Privatsphäre“, findet Lauer.

Der Sparkassenmitarbeiter wollte sich zu dem Fall am Donnerstag nicht äußern. Die Tochter und eine Enkelin schreiben, so die „WAZ“, von einem Spießrutenlauf, dem auch der Rest der Familie ausgesetzt sei. Darüber habe sich Lauer wohl auch keine Gedanken gemacht.

Die Kölner Polizei hatte am Samstagabend getwittert: „Am HBF werden derzeit mehrere Hundert Nafris überprüft.“ Polizeipräsident Jürgen Mathies sagte später, der Begriff „Nafri“ hätte besser nicht nach außen verwendet werden sollen. Eine Häufung von Straftaten von Personen aus dem nordafrikanischen Raum lasse sich aber nicht bestreiten, und dafür müsse dann polizeiintern auch ein Begriff gefunden werden.

Während die Verwendung des Begriffs „Nafri“ von etlichen Seiten stark kritisiert wurde, gab es für den Einsatz der Kölner Polizei in der Neujahrsnacht viel Rückendeckung. Die Polizei kesselte mehrere hundert Nordafrikaner ein, prüfte deren Papiere und hinderte sie daran, den Bahnhofsbereich zu verlassen. Im Vorjahr war es zu massenhaften Übergriffen auf Frauen und Belästigungen sowie Diebstählen gekommen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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