Überholspur für Fußgänger: Bewegt Euch! Schneller!

Überholspur für Fußgänger: Bewegt Euch! Schneller!

, aktualisiert 04. Oktober 2016, 12:49 Uhr
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Menschenmassen sind für viele Engländer das Schlimmste. Überholspuren für Fußgänger sollen Abhilfe schaffen.

von Katharina SlodczykQuelle:Handelsblatt Online

Man darf weder telefonieren noch Pokémon suchen: London testet eine Überholspur für Schnellgeher. Die hat eine Minimalgeschwindigkeit. Wenn zu langsam geht, zieht sich den Zorn seiner Mitbürger auf. Eine Weltgeschichte.

LondonDie Liste der Verbote war lang: Selfies waren nicht erlaubt, ebenso wenig wie das Schreiben von Kurznachrichten, die Suche nach Pokémon, der Einsatz von Tretrollern und das Herumtrödeln. Obendrauf kam noch eine ganz klare Vorgabe, was zu tun ist: schnell gehen, mindestens drei Meilen die Stunde, umgerechnet also etwa fünf km/h.

Das waren die Vorschriften bei einem Experiment an dem Londoner Bahnhof Waterloo – einem der wohl verkehrsreichsten Bahnhöfe in der britischen Hauptstadt. Zwei Tage lang testete eine Versicherung dort eine Überholspur für Schnellgeher.

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Bummelnde Kinder, Rentner mit Rollator, staunende Touristen, Dauertelefonierer und andere menschliche Hindernisse mit Zeit und Muße waren dort nicht erwünscht und wurden von allen getrennt, die möglichst schnell und hindernisfrei zu ihrem Ziel kommen wollten. Rote Pfeile wiesen ihnen den Weg. Mitarbeiter der Versicherung in roten Overalls halfen dabei und erklärten das Prinzip.

Grundsätzlich ist die Idee der Überholspur für Fußgänger nicht neu, sie wird seit mehr als zehn Jahren auf der Insel diskutiert. Seit gut einem Jahr hat das Projekt in Großbritannien aber etwas mehr Rückenwind bekommen. Liverpool hat die zweispurigen Gehwege bereits Ende 2015 getestet und die Menschen haben es für gut befunden.

In London ist immer wieder davon die Rede, vor allem in der Einkaufsmeile Oxford Street in der Vorweihnachtszeit die Schleicher von den Schnellgehern zu trennen und so deren Zeit und Nerven zu schonen. Denn nichts ist schlimmer als trödelnde Fußgänger, hat zumindest jeder zweite Brite in einer Umfrage erklärt. Ein Viertel der Befragten geht noch weiter und sagt, es könne ihnen geradezu den Tag verderben, sich durch Menschenmassen drängen zu müssen. Das sei der wohl übelste Teil des Tages.

Das Experiment am Bahnhof Waterloo stellt aber noch nicht alle Schnellgeher zufrieden: „Es geht in die richtige Richtung, aber etliche Menschen halten sich nicht an die Minimalgeschwindigkeit“, kritisiert ein Londoner, der einfach nur auf dem schnellsten Weg zu seinem Job bei einer Anwaltskanzlei kommen will.

Ein anderer sieht eine andere Lösung: „Es scheint mir in solchen Fällen fast besser zu sein, die andere Spur zu nehmen, weil sich derzeit zu viele auf der Schnellgeher-Spur drängeln.“ Ein weiterer Nutzer hat eine ganz andere Verbesserungsidee: „Man müsse schmerzhafte Strafen festlegen für diejenigen, die die Überholspur nutzen, dafür aber zu langsam sind – und natürlich Geschwindigkeitskontrollen.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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