Umgang mit Tieren: Von Heuchlern und besseren Menschen

Umgang mit Tieren: Von Heuchlern und besseren Menschen

, aktualisiert 11. Februar 2017, 16:35 Uhr
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Eher die Ausnahme.

von Thorsten GierschQuelle:Handelsblatt Online

Richard David Precht, Peter Wohlleben, Matthias Wolfschmidt oder die ZDF-Doku Terra X: Selten wurde so viel über Tiere nachgedacht. Die Wahrheit ist: Da ist viel Heuchelei dabei. Ein Kommentar über unseren größten Makel.

DüsseldorfMillionen Zuschauer ergötzten sich an den vergangenen sechs Sonntagen um 19.30 Uhr an der ZDF-Dokumentationen „Eine Erde – viele Welten“. Dort wurden Bilder gezeigt, die es so noch nicht gab. Selten hat es so viel Spaß gemacht, sich Tiere anzuschauen. Aber es wurden eben nicht nur „viele Welten“ vorgestellt, sondern vor allem „verherrlichte Welten“. Ein Treppenwitz: Teilweise wurde an Orten gedreht, die es so inzwischen nicht mehr gibt - ohne dass die Macher ein Wort über den Raubbau an der Umwelt verloren. Das Schlimme ist, dass dies womöglich sogar noch das kleinere Übel ist im Vergleich zur sonst üblichen Zeigefingermoral.

Der Zuschauer soll offenbar nicht verstört werden. Die abträgliche Wirkung von zu viel Realität im Hinblick auf die Quotenentwicklung ist allseits bekannt. So ist es vermutlich auch kein Wunder, dass sich Peter Wohllebens Buch „Das Seelenleben der Tiere“ besser verkauft als „Tiere Denken“ von Richard David Precht. Förster vor Philosoph, obwohl das Buch des Letzteren ungefähr 13 Klassen besser ist.

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Sehen wir das Positive: Seit dem Hype um das famose Buch „Tiere essen“ von David Safran Foer  wurde nicht mehr so viel über Tiere geschrieben. Und noch nie wurden TV-Dokumentationen mit so einem Aufwand betrieben. Und es ist wahrlich nicht so, dass der Leser daraus nicht klare Schlüsse ziehen kann. Peter Wohlleben erklärt, wie ähnlich sich Mensch und Tier sind. Der Förster erklärt sich zum „Dolmetscher“, der das Verhalten der Tiere übersetzt. Er macht deutlich, bis zu welchem Grad sie ähnlich empfinden wie wir und warum sie eben keine “Sachen” sind. Das hilft und ist ein wertvoller Beitrag.

Richard David Precht erklärt unter anderem, wo die Gemeinsamkeiten enden: „In der gegenwärtigen Moral und Rechtsordnung ist der Unterschied zwischen Schimpanse und Mensch größer als jeder zwischen Schimpanse und Blattlaus.“ Was de facto bedeute: Der Schimpanse hat keine Rechte. Für den Philosophen gibt es zwei Kategorien von Tieren: „Die eine glaubt, dass es zwei Kategorien von Tieren gibt, und die andere hat darunter zu leiden.“

Seine Kulturgeschichte des Mensch-Tier-Verhältnisses zeigt: Was wir im wahrsten Sinne des Wortes als gottgegeben hinnehmen, ist eine Mischung aus Zufall und ökonomischen Interessen einer lang vergangenen Epoche: Warum spielt das Tierwohl im Christentum keine Rolle? Weil den ersten Christen Viehzüchter ein Groll waren. Warum sind den Hindu Rinder heilig? Weil Rinder im damaligen Machtkampf der Religionen eine entscheidende Rolle spielten. Warum gelten Schweine bei Muslimen und Juden als unrein? Weil die Schafhirten Grund genug sind, die Schweinezucht aus wirtschaftlichen Gründen zu bekämpfen.

So geriet eine Spirale in Gang, gegen die bis heute keine Vernunft ankommt. Aus handfesten Motiven wurden Idiome. Im Laufe der Jahrhunderte konnten sich die Tierethiker nie durchsetzen - egal ob sie Albert Schweitzer, Schopenhauer oder Nietzsche hießen. Richard David Precht listet sie und ihre Argumente sorgfältig auf. Ihre Theorien mögen Lücken haben und der Philosoph seziert die argumentativen Schwächen der heutigen Tierschützer. Dennoch wird dem Leser klar: Wir Menschen haben absolut keine moralische Rechtfertigung dafür, dass wir uns beim Umgang mit den Tieren so weit von einem vertretbaren Mittelweg entfernt haben.


Was der Mensch nicht beherrscht

Seit 10.000 Jahren züchten Menschen Nutztiere. Seit dem Mittelalter gibt es mehr Nutztiere als wildlebende. Seit 40 Jahren gibt es eine Tierschutzbewegung – in Deutschland seit Ende der 80er-Jahre. Seitdem steht im Tierschutzgesetz etwas von „Mitgeschöpflichkeit“. Seitdem wächst die Massentierhaltung stetig an. In diesem Jahr nahm sich die Politik des Themas naturgemäß rund um die Grüne Woche an: Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) stellte ein staatliches Label vor, das gelinde gesagt nicht nur von Tierschützern kritisiert wurde.

Mit dem Label soll Fleisch von Tieren gekennzeichnet werden können, deren Haltungsbedingungen über dem gesetzlichen Standard liegen. Den Plänen des Ministeriums zufolge soll das Label mehrere Stufen umfassen: je höher die Stufe, desto besser die Haltungsbedingungen der Tiere.

Ein Kritikpunkt ist, dass die Teilnahme für „Fleisch-Hersteller“ nicht verpflichtend ist: In einem Land, wo selbst unangekündigtes Kontrollieren in Mastställen bedeutet, dass man 24 Stunden vorher ankündigt, dass ein Kontrolleur kommt, überzeugen freiwillige Label vermutlich nicht jeden Verbraucher. Da kommen dem - gut informierten aber bisweilen polemisierenden - Philosophen Richard David Precht bessere Ideen: Er fordert nicht zuletzt, dass Tierschutz als Staatsziel ins Grundgesetz gehöre, schließlich sei die bisherige Auslegung des Tierschutzgesetzes kurz gesagt eine Schande und “der blinde Fleck der deutschen Justiz”.

Noch detaillierter beschreibt Matthias Wolfschmidt, wie der Weg hin zu mehr Tierwohl gehen kann. Der stellvertretende Geschäftsführer von Foodwatch hat in seinem Buch „Das Schweine-System“ (S. Fischer Verlag) erklärt, wie krank unsere Nutztiere sind - aber auch das System dahinter.

Wer das liest, bekommt eine Ahnung davon, warum zu viel Ehrlichkeit in TV-Dokumentationen auf die Quote in etwa so tödlich wirkt wie die Axt im Schlachthaus: Ein besseres System ist nicht durch den einen großen Wurf möglich, sondern durch einen Prozess der kleine Schritte. Diese sind im Detail schwer nachzuvollziehen für den Verbraucher, aber zwingend nötig. Am Anfang steht mehr Ehrlichkeit und weniger Heuchelei. Solange gilt das Urteil von Richard David Precht: „Der Mensch beherrscht den Planeten, aber offensichtlich nicht sich selbst.“

Zum Weiterlesen:
Peter Wohlleben
Das Seelenleben der Tiere
Ludwig Verlag, 239 Seiten

Richard David Precht
Tiere Denken
Goldman Verlag, 507 Seiten

Quelle:  Handelsblatt Online
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