Umstrittener Staudamm in Laos: Wie eine tonnenschwere Bombe

Umstrittener Staudamm in Laos: Wie eine tonnenschwere Bombe

, aktualisiert 14. August 2016, 10:50 Uhr
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Während der Fang eines Tages vor über einem Jahrzehnt rund zehn Kilogramm auf die Waage brachte, sind es heute bestenfalls ein bis zwei.

Quelle:Handelsblatt Online

Am Mekong, einem der längsten Flüsse der Erde, entstehen immer mehr Wasserkraftwerke. Umweltschützer warnen vor dramatischen Folgen. Ungeachtet dessen treibt Laos den Bau eines weiteren Staudamms voran.

Chiang KhongVom Fischfang können die Menschen in Chiang Khong im Norden Thailands kaum noch leben. Während der Fang eines Tages vor über einem Jahrzehnt rund zehn Kilogramm auf die Waage brachte, sind es heute bestenfalls ein bis zwei. Grund sind die Staudämme entlang des Mekongs, insbesondere in China. Nun treibt Laos den Bau seines zweiten Staudamms voran – ungeachtet der Bitten seiner Nachbarn und der Kritik von Umweltschützern.

Der Mekong durchquert sechs Länder in Südostasien, von Tibet bis ins Südchinesische Meer. Er ist mit rund 4800 Kilometern einer der längsten Flüsse der Erde und Lebensader einer ganzen Region. Der Don-Sahong-Damm entsteht an einem Nebenarm des Mekongs im Süden von Laos, weniger als zwei Kilometer von der Grenze zu Kambodscha entfernt, in einer Region, die berühmt ist für ihre spektakulären Wasserfälle und tiefen Becken. Hier leben unter anderem die bedrohten Irawadi-Delfine.

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Der Don-Sahong-Damm schwebe „wie eine tonnenschwere Bombe“ über ihm, sagt Phoy Vanna, der in Kambodscha Touristen mit seinem Boot herumfährt. Er hat Angst um seine Zukunft und um die seiner zehn Kinder. Deshalb hat sich der Familienvater dem Protest hunderter kambodschanischer Dorfbewohner gegen das Projekt angeschlossen. „Noch haben wir Arbeit, wir können davon leben, dass die Touristen hierher kommen“, sagt er.

Ein Großteil des Stroms soll exportiert werden

Doch Kambodscha und die anderen betroffenen Staaten können den Bau des Staudamms nicht stoppen. Laos muss als Mitglied der Mekong-Flusskommission zwar seine Nachbarn anhören, ist aber nicht auf deren Zustimmung angewiesen. Vergangenes Jahr baten Thailand, Kambodscha und Vietnam um einen zeitlichen Aufschub, damit die möglichen Auswirkungen des Projekts untersucht werden könnten. Daraufhin ließ Laos seine Nachbarn wissen, man sei erfreut, dass die Konsultationen nun abgeschlossen seien.

Kritiker geben zu bedenken, die Leistung des künftigen Kraftwerks – nur 256 Megawatt – stehe in keinem Verhältnis zu den potenziellen Folgen für das sensible Ökosystem. Laos dagegen erklärt, das Projekt sei notwendig, um die Entwicklung im Süden des Landes voranzutreiben. Ein Großteil des Stroms, den die in Laos geplanten neun Wasserkraftwerke produzieren, soll den Plänen zufolge allerdings nach Thailand und Vietnam exportiert werden.

Der Don-Sahong-Staudamm könnte insbesondere die Wanderung von Fischschwärmen behindern, die dann nicht mehr flussaufwärts schwimmen können – was an den anderen Nebenarmen wegen Wasserfällen oder Stromschnellen nicht möglich ist. Die Regierung hält Umweltschützern entgegen, für die Fische würden Alternativrouten geschaffen, indem man etwa einen Zulauf vertiefe und Stromschnellen mittels Sprengungen beseitige.


Schon jetzt sind die Folgen unübersehbar

Der zuständige malaysische Projektentwickler Mega First hat eine Studie zur Wirksamkeit der Ausgleichsmaßnahmen in Auftrag gegeben, deren Ergebnisse aber erst lange nach dem Bau des Staudamms vorliegen dürften. Die laotische Regierung erklärt, die Fischerei werde durch diese Maßnahmen geschützt. Doch Experten sind skeptisch.

„Wir wissen nicht, worauf die Behauptung basiert, dass alles in Ordnung sei. Das ist inakzeptabel angesichts dessen, was auf dem Spiel steht“, sagt der amerikanische Geographie-Professor Ian Baird, der sich mit der Fischerei am Mekong befasst. „Wenn die Maßnahmen nicht greifen, ist es zu spät, um den Schaden rückgängig zu machen, und die ganze Region wird die Folgen für Ernährungssicherheit und Artenvielfalt zu spüren bekommen.“

Mit Don Sahong setzt Laos einen Weg fort, den es schon fünf Jahre zuvor eingeschlagen hatte, und zwar mit dem Xayaburi-Staudamm im Norden des Landes. Und das nächste Projekt ist offenbar bereits an der Grenze zu Thailand in Vorbereitung, wie Fotos eines Umweltaktivisten zeigen.

Die Reisproduktion könnte drastisch zurückgehen

Studien weisen auf die verheerenden Auswirkungen hin, die sich aus der Gesamtheit aller Staudämme entlang des Flusses ergeben. Erst kürzlich kam die von Vietnam beauftragte dänische Beratungsfirma DHI zu dem Schluss, dass die Reisproduktion im Mekong-Delta drastisch zurückgehen wird, weil die Dämme den nährstoffreichen Schlamm zurückhalten.

Allein in Vietnam müssen Fischerei und Landwirtschaft demnach mit jährlichen Einbußen von mehr als 760 Millionen Dollar (840 Millionen Euro) rechnen, in Kambodscha belaufen sich die prognostizierten Verluste auf rund 450 Millionen Dollar. Die Einkünfte der direkt betroffenen Menschen würden sich etwa halbieren.

Schon jetzt sind die Folgen der chinesischen Staudämme unübersehbar. Chiang Khong in Thailand, wo einst Hunderte von Fischerbooten auf dem Fluss unterwegs waren, ist heute in erster Linie ein Reisestopp für Rucksacktouristen auf ihrem Weg nach Laos.

Durch die chinesischen Dämme habe sich der Pegel des Flusses verändert und die Fische könnten nicht mehr wie gewohnt wandern und sich fortpflanzen, klagt Somdet Tanatunyakul. Einige Arten seien bereits ganz verschwunden. „Ich bin Fischer“, sagt der der 60-Jährige, „aber ich habe das Gefühl, ich muss eine Konserve kaufen, um Fisch zu essen.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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