Umweltgifte an ehemaligen US-Basen: Giftige Hinterlassenschaft

Umweltgifte an ehemaligen US-Basen: Giftige Hinterlassenschaft

, aktualisiert 13. März 2017, 08:37 Uhr
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Die Gemeinde Portsmouth installierte im vergangenen Jahr eine Anlage, mit dem PFC aus dem Wasser zweier Brunnen gefiltert werden kann.

Quelle:Handelsblatt Online

Gefährliches Erbe: Löschschaum hat das Grundwasser im Gebiet mehrerer ehemaliger US-Militärbasen verseucht. Die Belastungen liegen teils weit über den Grenzwerten. In den betroffenen Gemeinden sind die Menschen besorgt.

PortsmouthDer Pease International Tradeport im US-Staat New Hampshire könnte ein Paradebeispiel dafür sein, was man aus einem ehemaligen Luftwaffenstützpunkt machen kann. Ein Flughafen, Hunderte Geschäfte und Betriebe sowie mehrere Kindertagesstätten gibt es dort in der Hafenstadt Portsmouth.

Doch viele, die dort arbeiten oder ihre Kinder untergebracht haben, sind mittlerweile beunruhigt. Der Grund: Das Trinkwasser ist verseucht mit Perfluorcarbonen (PFCs), Rückstände aus dem Löschschaum, der auf den Militärbasen eingesetzt wurde.

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Perfluorcarbone finden sich in zahlreichen Alltagsprodukten wie antihaftbeschichteten Pfannen oder fleckabweisendem Teppichen. In kleinen Dosierungen sind sie deswegen bei den meisten Menschen nachzuweisen. Studien an Tieren haben diese Stoffe mit niedrigerem Geburtsgewicht, Schilddrüsenproblemen oder sogar Krebs in Verbindung gebracht, wie die US-Umweltbehörde EPA erklärt.

Bislang ist nicht gesichert, inwieweit sich diese Probleme auch bei Menschen zeigen. Doch diese Unsicherheit beunruhigt die Eltern in Pease, bei deren Kindern erhöhte Spuren von PFCs im Blut gefunden wurden. Andrea Amico, Alayna Davis und Michelle Dalton haben deswegen 2015 eine Bürgerrechtsgruppe gegründet.

Fieberschübe und Infektionen

Die drei Frauen sagen, es sei schwer, Ärzte zu finden, die die Testergebnisse interpretieren könnten. Keine von ihnen kann definitiv sagen, dass die Werte sich in gesundheitlichen Problemen ihrer Kinder äußern. Doch sie sind besorgt, ob die häufigen Fieberschübe und Infektionen im Zusammenhang mit den Chemikalien stehen.

„Mein Sohn sieht wie ein normaler vier Jahre alter Junge aus. Er ist aktiv. Er mag all das, was jeder Vierjährige mag“, sagt Dalton. „Doch in ihm sieht es anders aus. Sein Körper befindet sich in einem ständigen Kampf.“

Beunruhigend sei auch, dass die Chemikalien über Jahre im Körper bleiben könnten. „Meine Sorge ist, dass ihre langfristige Gesundheit beeinträchtigt wird durch die signifikante Belastung, der sie als kleine Kinder ausgesetzt waren“, sagt Amico. Ihre beiden Kinder besuchen eine Tagesstätte in Pease. Bei beiden wurden erhöhte PFC-Werte nachgewiesen.

Nach einer Warnung der EPA im vergangenen Jahr hat die US-Luftwaffe 190 Stützpunkte auf eine Verunreinigung durch den Löschschaum untersucht. An 20 Standorten wird das Wasser derzeit behandelt oder sogar von anderswo Wasser geliefert – darunter auch Pease. Zudem ersetzt die Luftwaffe gerade den bisherigen Löschschaum durch andere Sorten.


Doppelt so hohe Werte wie in anderen Regionen

Seit 2015 haben die Gesundheitsbehörden in New Hampshire das Blut von mehr als 1500 Menschen untersucht, darunter 366 Kinder. Alle arbeiteten oder lebten in Pease oder gingen dort in den Kindergarten. Alle Getesteten hatten höhere Werte der drei PFC-Sorten PFOA, PFOS und PFHxS als Menschen aus einer Vergleichsstudie aus dem Jahr 2012.

Zudem fand man heraus, dass die Werte der Kinder teilweise doppelt so hoch waren wie bei einer Studie aus Texas. Der Sohn von Dalton hatte sogar vier Mal so hohe Werte.

Man habe in New Hampshire versucht, das Thema Belastung so zu behandeln, dass die Menschen nicht unnötig beunruhigt würden, sagt der Epidemiologe des Staates, Benjamin Chan. Dies sei jedoch eine große Herausforderung angesichts der Tatsache, dass man noch so wenig wisse.

„Nur weil bei jemandem diese Chemikalien im Blut gefunden wurden, bedeutet das nicht, dass diese Chemikalien im Zusammenhang mit vergangenen, gegenwärtigen oder zukünftigen Gesundheitsproblemen stehen“, sagt er. Es gebe die Nachfrage nach Beobachtungen über einen längeren Zeitraum. „Leider ist die Wissenschaft nicht in der Lage, das einfach zu beantworten.“

Philippe Grandjean, Professor für Umweltmedizin an der Universität Harvard, sagt, es bestehe Grund zur Besorgnis. In einer im Jahr 2012 im „Journal of the American Medical Association“ veröffentlichten Studie fand er gemeinsam mit dänischen Wissenschaftlern heraus, dass es einen Zusammenhang zwischen PFC-Belastung und einer niedrigeren Reaktion des Immunsystems auf Impfstoffe gibt.

Möglicher Zusammenhang mit Krebs

Andere Studien des C8 Science Panels ergaben zudem Zusammenhänge mit verschiedenen Krebsarten. „Als wir begannen, uns die negativen Folgen anzusehen, haben wir mehr und mehr davon gefunden“, sagt Grandjean. Untersucht hatten er und sein Team 500 Kinder auf den Färöern.

In Pease wurde mittlerweile ein Brunnen geschlossen, in dessen Wasser eine PFOS-Belastung nachgewiesen worden war, die mehr als das 30-Fache über dem empfohlenen Grenzwert der EPA lag. Die Gemeinde Portsmouth installierte im vergangenen Jahr eine Anlage, mit dem PFC in zwei anderen Brunnen aus dem Wasser gefiltert werden kann. Die Luftwaffe entwickelt ein System zur Behandlung des Grundwassers, das im November einsatzfähig sein soll.

Doch Amico und anderen Familien in Pease ist das nicht genug. Sie fordern von den Bundesbehörden die Finanzierung einer Langzeit-Gesundheitsstudie. Außerdem soll ein medizinisches Beobachtungsprogramm geschaffen werden.

Quelle:  Handelsblatt Online
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