Union-Investment-Stratege: „Dem Euro droht bei einem Brexit Ungemach“

Union-Investment-Stratege: „Dem Euro droht bei einem Brexit Ungemach“

, aktualisiert 27. April 2016, 15:50 Uhr
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Die Gefahr des britischen EU-Austritts scheint im Pfundkurs zwar schon weitgehend eingepreist. Dem Euro drohen hingegen Schwierigkeiten.

von Matthias StreitQuelle:Handelsblatt Online

Frank Engels leitet das Rentenfondsmanagement bei Union Investment. Mit dem Handelsblatt sprach er über das, was ein möglicher EU-Austritt Großbritanniens für Währungen bedeutet und wer von Niedrigzinsen profitiert.

Frankfurt am MainFrank Engels ist ein Kenner der globalen Märkte. Als Leiter des Rentefondsmanagements bei der Union Investment Privatfonds zeichnet er maßgeblich für die Portfolios verantwortlich. Zudem setzt er als Mitglied des „Union Investment Committee“ die Grundpfeiler für die taktischer Steuerung der Fonds seines Unternehmens. Dabei behält er immer auch die internationalen Devisenmärkte im Blick.

Weltweit unterbieten sich derzeit die Zentralbanken mit Zinssenkungen, die USA verlangsamt zugleich seine Zinswende, das Pfund wirkt durch den Brexit unberechenbar. Stehen uns volatile Zeiten bei den Währungen bevor?

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Bei Währungen haben wir in den vergangenen Monaten bereits durchaus starke Schwankungen gesehen, speziell im Block der G10-Währungen, also der wichtigsten wie dem Dollar, Yen, Pfund und Euro.

Was aufgrund der lockeren Geldpolitik der großen Zentralbanken aber kaum ein Zufall sein dürfte.
Auslöser sind in den vergangenen Jahren und Monaten ohne Zweifel sehr häufig die Zentralbankentscheidungen. Zwar sind die Währungsabwertungen nicht der Fokus der Zentralbanken, sondern die Geldwertstabilität. Aber: Die Währungen sind in der Regel nachgelagerte Variablen, die häufig hohe Kursausschläge zeigen.

Wenn plötzlich alle Währungen nachgeben, scheinen diese Variablen nicht mehr ganz so nebensächlich zu sein.
Es schien schon so, dass die Schwächung der Währungen, egal ob nun in Japan oder Europa, ein gewollter Nebeneffekt der Geldpolitik war. Das hatte in der jüngeren Vergangenheit allerdings nur sehr mäßigen Erfolg. Seitdem Japan seinen Leitzins Ende Januar in den Negativbereich gedrückt hat, wertete der Yen rund sechs Prozent auf.

Auch der Euro legte nach Draghis Senkung des Einlagenzinses auf minus 0,4 Prozent gegenüber dem Dollar kräftig zu – von 1,10 auf 1,13 Euro. Die Rechnung: Leitzins runter, Währung schwächen geht offenbar nicht mehr auf.
Zumindest funktioniert dieser Zusammenhang umso weniger, je öfter er Anwendung findet. Dass der Euro über die vergangenen Wochen speziell gegen den US-Dollar im Wert gestiegen ist, liegt allerdings nicht nur an der Politik der EZB. Da spielt auch die Entscheidung der US-Notenbank eine große Rolle, im März keine Leitzinserhöhung durchzuführen und ihren Leitzins wohl auch nicht wie angekündigt viermal im laufenden Jahr zu steigern. Wir reden in diesem Falle also eher über eine Dollarschwäche als Konsequenz einer vorsichtigeren Zinspolitik der US Notenbank.


Fondsgesellschaft mit einem weinenden Auge

Steht die Welt vor einem neuen Abwertungswettlauf?
Nein, das glaube ich nicht. Im Gegenteil: Wir bei Union Investment glauben eher, dass der große Abwertungswettlauf bereits hinter uns liegt und sich die großen Zentralbanken der Welt seit dem G20-Gipfel von Schanghai zumindest informell in Währungsfragen abstimmen. Zudem gibt es gerade sowohl für die EZB als auch die japanische Notenbank kaum noch Spielräume beim Zins nach unten. Eine große Unwägbarkeit bleibt für den Euro jedoch…

… der Brexit.
Genau. Die Gefahr des britischen EU-Austritts scheint im Pfundkurs zwar schon weitgehend eingepreist. Ein Pfund kostet heute nur noch 1,29 Euro. Anfang des Jahres waren es noch sechs Cent mehr – für eine große Währung schon ein ziemlich großer Unterschied. Das ist sozusagen die geopolitische Risikoprämie, die das Pfund für die Austrittsmöglichkeit zahlt. Dem Euro droht hingegen im Falle eines Brexit noch einiges Ungemach.

Soll heißen?
Dass der Euro dann deutlich abwerten kann. Wir hören von vielen institutionellen Investoren, nicht zuletzt aus dem asiatischen Raum, dass Sie dann zunehmend aus Investments im Euro-Raum aussteigen würden. So würden es vermutlich auch Staatsfonds, wie etwa der norwegische, tun. Sie befürchten einen Ansteckungseffekt. Wenn die Briten aus der EU austreten, könnten sich die Katalonier in Spanien sagen: Was die können, können wir doch auch!

Für wie wahrscheinlich halten Sie den Brexit?
Wir haben dafür kein eigenes Forschungsteam, sondern orientieren uns an den gängigen Umfragen.

Lange lagen Befürworter und Gegner Kopf an Kopf. Ein Austritt ist durchaus möglich. Sie leiten bei Union Investment das Rentenfondsmanagement. Wie sichern Sie sich gegen das Risiko ab?
Zunächst einmal erfolgt mit 89,4 Prozent der Großteil unserer Rentenanlagen in Euro. Dort, wo Währungsrisiken zugelassen oder gewünscht sind, reduzieren wir unser Exposure zum englischen Pfund und zum Euro.

Große Banken wie Goldman Sachs oder auch die Deutsche Bank sehen noch in diesem Jahr den Euro auf Paritätsniveau zum Dollar. Ein Dollar koste dann also einen Euro.
Sollte nicht der Brexit dazwischenkommen, halte ich das für übertrieben. Für wahrscheinlicher schätze ich einen Kurs von 1,12 Euro – also leicht unter dem heutigen Niveau.

Wer profitiert denn von den vielen Abwertungen?
Die bestperformende Währungsklasse nach dem japanischen Yen ist die Gruppe der Schwellenländer-Währungen, zu der etwa die türkische Lira, brasilianische Real oder der russische Rubel gehören. Diese Währungen stiegen im Schnitt um vier bis sechs Prozent – was auch an der Erholung der Rohstoffpreise und dem relativ schwachen US Dollar liegt. Die Opfer der Niedrigzinspolitik und der schwachen Währungen waren hingegen eher die Industrienationen.

Die Leitzinsen der EZB, Bank of Japan und der Fed sind alle nicht weit vom Nullniveau entfernt oder liegen gar darunter. Wie lang wird uns der Niedrigzins noch begleiten?
Ich befürchte, dass es gerade im Euroraum noch ein paar Jahre anhalten wird. Das jüngste Programm der EZB, das unter anderem die Kreditvergabe ankurbeln soll, ist zumindest schon einmal bis 2020 ausgelegt. Viel eher kommen wir von den niedrigen Zinsen wohl nicht weg. Das sehen wir als Fondsgesellschaft natürlich eher mit einem weinenden Auge.

Herr Engels, vielen Dank für das Gespräch!

Quelle:  Handelsblatt Online
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