Unis fürchten Brexit: Ein Rückschlag für die Wissenschaft

Unis fürchten Brexit: Ein Rückschlag für die Wissenschaft

, aktualisiert 23. Juni 2016, 12:29 Uhr
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Die britischen Universitäten würden unter einem Brexit erheblich leiden.

von Martin Wocher und Diana FröhlichQuelle:Handelsblatt Online

Sollte sich Großbritannien von der EU abwenden, drohen europäischen Studierenden höhere Studiengebühren. Die britischen Universitäten müssen sich zudem auf rückläufige Forschungsgelder einrichten.

Manchester, LondonEs ist Tag der offenen Tür an der Manchester Metropolitan University: Künftige Studenten, häufig in Begleitung ihrer Eltern, säumen die Tische voll mit Informationsmaterial. Die Wahl der Universität ist für die 16- und 17-Jährigen eine der wichtigsten Entscheidungen in ihrem jungen Leben. Schließlich geht es nicht nur um die künftige Berufswahl, es geht auch viel Geld. Gut 9000 britische Pfund, mehr als 11.000 Euro kostet so ein durchschnittliches Studienjahr hier in Manchester. Da kommt einiges zusammen, wenn man drei oder vier Jahre an der Uni weilt. Auch für die Manchester Metropolitan ist ein solcher Informationstag für die angehende Studenten wichtig: Die Studiengebühren sind ein zentraler Bestandteil des Budgets, das in diesem Fall 270 Millionen Pfund beträgt.

„Wir haben kein Problem, junge Menschen für die Uni zu gewinnen“, sagt der Vize-Kanzler und eigentliche Verwaltungschef der Uni, der französische Professor Jean-Noel Ezingeard. „Die Zahl der Bewerber liegt fünf Mal so hoch.“ Die Manchester Metropolitan ist eine von drei Universitäten in der Stadt und mit 37.000 Studenten und auch gleich eine der größten des Landes. Rund zehn Prozent von ihnen kommen aus dem Ausland, die Hälfte aus Ländern der EU.

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Die Lebenshaltungskosten sind deutlich geringer als in London, die Freiheit größer, das Vergnügen auch: In der Stadt gibt es unzählige Cafés, Pubs und andere Treffpunkte für junge Leute. Die rund 100.000 Studenten prägen das äußere Erscheinungsbild der alten Industriestadt, die sich längst zu einem modernen Dienstleistungsstandort entwickelt hat.

Doch dieser Aufwärtstrend ist bedroht, sollte sich das Land an diesem Donnerstag wirklich für den Austritt aus der EU entscheiden. „Studenten aus der EU müssten dann deutlich höhere Studiengebühren zahlen“, sagt Ezingeard. Das Niveau würde sich dem angleichen, was Studenten aus Indien, Afrika oder Asien schon jetzt zu berappen haben: ein Aufschlag von rund 4000 Pfund. Die meisten würden sich das zweimal überlegen, ob sie dann noch in Großbritannien studieren wollen, fürchtet der Vize-Kanzler. Das sieht sein Kollege in London ähnlich: Ein Brexit könnte die Studenten aus der EU verschrecken, glaubt Michael Arthur, Kanzler des University College London (UCL). „Im Falle des Falles gehe ich davon aus, dass die Zahl der Studenten für ein, zwei Jahre sinken wird, bis klar ist, was sich für den Einzelnen wirklich ändern wird.“


Drittmittel könnten deutlich sinken

Und noch eine Hürde droht: Derzeit können deutsche oder französische Studenten genau so wie ihre britischen Kommilitonen Stipendien und eine Streckung der Rückzahlung der Gebühren auf bis zu 30 Jahre beantragen. Nach einem Brexit würde das wegfallen. Großbritannien lebt gut von ausländischen Schülern und Studenten, die sich eine gute Ausbildung in dem Land versprechen und dafür bereit sind, auch kräftig zu zahlen. Die Unis profitieren, indem sie das Geld in die Ausstattung stecken und mit guten Gehältern Wissenschaftler aus aller Welt anlocken. Das Ezingeard als Franzose eine so wichtige Funktion in einer britischen Uni besetzt, ist kein Zufall: Der zweite Vize-Kanzler kommt aus Polen.

Ezingeard fürchtet aber nicht nur den finanziellen Verlust, er sieht die ganze internationale Kultur seiner Universität gefährdet. „Die Mischung ist wichtig“, sagt er. „Hier lernen britische Studenten schon während des Studiums mit Menschen aus anderen Ländern zusammenzuarbeiten. Es geht um solche sozialen Fähigkeiten wie die Akzeptanz von Vielfalt und Verständnis für andere Kulturen.“ Auch Arthur fürchtet um das Image des Hochschulstandorts London. Eine internationale Institution wie seine stehe für Weltoffenheit, gemeinsame Lehre, Vielfalt und Offenheit. Engstirnigkeit habe da keinen Platz.

Doch auch die Universität als Wirtschaftsunternehmen müsste sich in einem Brexit-Szenario gewaltig umstellen. „Die größte Gefahr ist, dass wir keinen Zugang mehr zu den EU-Forschungsgeldern bekommen“, sagt Ezingeard. Weitere Millionen kommen derzeit noch von europäischen oder amerikanischen Unternehmen, die in einem solchen Szenario ebenfalls auf der Kippe stünden. Damit wäre gut die Hälfte der aus der Wirtschaft angeworbenen Drittmittel gefährdet. Die klinische Erprobung von Medikamenten würde vielleicht nicht mehr hier stattfinden, fürchtet er - mit Folgen für den Forschungsstandort Großbritannien. An so etwas wie eine Rezession nach dem Austritt mag der Franzose gar nicht erst denken. „Vielleicht können wir das irgendwann kompensieren, aber es wird sehr lange dauern“, fürchtet er.

Quelle:  Handelsblatt Online
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