Kreativer Wettbewerb Der Schwulen-Faktor
20.02.2007 Jetzt kommentieren! 0 (0) Legende- Druckversion
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Im Wettbewerb um kreative Köpfe entdecken Großstädte eine neue Zielgruppe – die Schwulen. Wie Homosexuelle eine Metropole prägen – und welche Rolle sie für die Wirtschaft spielen.
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Paris Critikopoulos (l.) und Jürgen Bergmann in einer Diskothek in Königsbrunn als Prinz Paris der Erste und Prinzessin Jaqueline der Erste vom Carnevals Club Königsbrunn (CCK) auf. Der CCK hat nach eigenem Bekunden das erste schwule Prinzenpaar in Bayern inthronisiert und tritt mit zwei Prinzen auf, Foto: dpa
Sten Kuth hat verdammt schlechte Laune. Der Kölner Choreograf, ein massiger Typ mit Glatze und rot-blondem Bart, erklärt gerade 18 Männern in schlabbrigen Shirts zum dritten Mal eine neue Schrittfolge. Immer wieder kommen die Jungs aus dem Takt. „Mehr Spannung!“, brüllt Kuth in die Turnhalle im Belgischen Viertel von Köln. „Mit rechts beginnen! Das ist doch nicht so schwer!“
Offenbar doch. Kuth ist Profi, seine Schüler, die Rosa Funken, sind es definitiv nicht. Der Ingenieur Roland, der Medizintechniker Wolfgang oder der Fliesenleger Peter zählen zu den Wegbereitern der homosexuellen Karnevalsbewegung in Köln. In diesem Jahr feiern die schwulen Jecken ihr Elfjähriges, eine wichtige Zahl im Karneval. Bis zum großen Festball muss alles sitzen. Dann tauschen die Funken die Shirts gegen hautenge Kostüme, reiten auf Steckenpferdchen und tragen anstelle eines Funkenmariechens ihr „Omariechen“, den Vereinsältesten, durch den Saal.
Und niemand wird an den schrillen Auftritten Anstoß nehmen. Im Gegenteil: Immer häufiger laden traditionelle Karnevalsgesellschaften die Rosa Funken zu ihren Sitzungen ein. Kürzlich haben die Schwulen mit Tommy Engel, dem ehemaligen Frontmann der „Bläck Fööss“, und den Roten Funken, Kölns ältestem Traditionscorps, einen Videoclip aufgenommen. Selbst beim Rosenmontagszug liefen die Rosa Funken schon als Gäste mit. „Vor elf Jahren“, sagt das Omariechen Wolfgang, „wäre das undenkbar gewesen.“
Die Rosa Funken und ihre schwul-lesbischen Mitstreiter schicken sich an, die letzte Kölner Bastion der Bürgerlichkeit, den organisierten Karneval, zu stürmen. An anderen Orten, in den Straßen, Kneipen und Bars sind händchenhaltende Männer seit Jahren akzeptierte Normalität. Einige Gegenden, etwa das Viertel rund um die Ehrenstraße und den Rudolfplatz, sind fest in schwuler Hand. Schätzungsweise 100.000 Schwule und Lesben leben in Köln. Relativ zur Einwohnerzahl gibt es nirgendwo in Deutschland mehr Homosexuelle.
Die starke Gay-Präsenz ist ein Kompliment an die Stadt, ein Beweis von Offenheit und Toleranz. Und ein entscheidender Wirtschaftsfaktor: Gäbe es so etwas wie eine ökonomische Theorie der Homosexualität, müsste sie nicht nur die Kaufkraft der Schwulen erfassen, ihre Trendsetter-Funktion analysieren, mit der sie ganze Viertel umkrempeln und Konsumgewohnheiten vorwegnehmen. Eine solche Theorie müsste die Schwulen als Standortfaktor begreifen, als Barometer für die immer wichtiger werdende Liberalität der städtischen Gesellschaft.
Denn der souveräne Umgang mit dem Anderssein hilft Städten wie Köln, im Wettstreit der Metropolen um kluge Köpfe und High-Tech-Unternehmen zu bestehen. Das zumindest folgert der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Richard Florida. Er hat zusammen mit dem Demografie-Forscher Gary Gates herausgefunden, dass an führenden Technologie-Standorten wie San Francisco, Seattle oder Austin auffällig viele Schwule, Ausländer und andere Minderheiten leben. Seine Erklärung: Ein Klima von Offenheit und Toleranz lockt nicht nur Schwule, sondern auch Querdenker, Computerfreaks und andere Kreativarbeiter in die Stadt (siehe Interview).
Um genau diese Menschen geht es: Forscher, Programmierer, Künstler, Medienmenschen, Architekten, Ingenieure oder Designer sollen das postindustrielle Loch mit Ideen und Innovationen stopfen. Florida nennt sie „Creative Class“. Schon jetzt stellt diese Gruppe laut Florida in den Vereinigten Staaten 38 Millionen Mitglieder und damit 30 Prozent der arbeitenden Bevölkerung.
Die besten Kreativen können sich die Jobs aussuchen. Sie bevorzugen ein stimulierendes Umfeld mit schicken Bars, vitaler Kunst- und Kulturszene und attraktivem Sportangebot, typische Merkmale von Schwulenhochburgen. „Diese Talente“, beobachtet der US-Soziologe Richard Lloyd, „wollen wie Touristen in ihrer eigenen Stadt leben.“ Mittelständler in der Provinz klagen schon jetzt, dass sie kaum noch Ingenieure verpflichten können. Die zieht es in urbanen Zentren.
Köln, im Büro des Wirtschaftsdezernenten Norbert Walter-Borjans im 14. Stock der Stadtverwaltung. Von hier oben hat man einen grandiosen Blick auf den Dom und die Stadt. Der Dezernent erfreut sich momentan mehr an den vielen Baukränen. Rund um sein Büro im rechtsrheinischen Deutz wird geplant, gebuddelt und gebaggert, was das Zeug hält. Hinter dem Schreibtisch sieht man die neuen Hallen der KölnMesse, in den entkernten alten Messehallen wird künftig RTL residieren. Wenige Hundert Meter entfernt baut Lufthansa eine neue Hauptverwaltung. „Es tut sich was in Köln“, sagt Walter-Borjans.
Besonders stolz ist er auf den Rheinauhafen, ein zwei Kilometer langes Gelände zwischen der Severins- und der Südbrücke. Mit diesem architektonisch ambitionierten Projekt wollen die Kölner ihren Anspruch als Medien- und Kreativstandort untermauern. Wo früher Hafenarbeiter Frachtkähne löschten, werden bald High-Tech-Unternehmen neue Produkte entwickeln und vermarkten.
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