Datenskandal Operation Goldesel: Kontonummern von 21 Millionen Bürgern illegal im Umlauf
08.12.2008 21 Kommentare 2 (89) Legende- Druckversion
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Kontoauszug unter der Lupe: Kunden werden durch das Abbuchen von Kleinstbeträgen geprellt
dpa
Stuttgart, Stadtteil Bad Cannstatt. Die Firma Glöckle ist ein sogenannter Lotterie-Einnehmer – das ist ein staatlich bestelltes, aber privatwirtschaftlich geführtes Unternehmen, das im Auftrag von Lottogesellschaften wie etwa SKL-Lose im großen Stil unter die Leute bringt – besser: brachte. Denn seit Anfang 2008 gilt der neue Glücksspielstaatsvertrag, und der untersagt die Werbung für Glücksspiel im Internet und per Telefon komplett. Bis Ende des vergangenen Jahres waren die Lottoanbieter eine der aktivsten Branche beim Telefonvertrieb. Zurzeit haben sich die Schwaben auf den Vertrieb von SKL-Losen spezialisiert.
Glöckle, das ergibt der Hinweis auf der CD der WirtschaftsWoche, ist ein großer Player im undurchsichtigen Gestrüpp aus Auftraggebern, Mittelsmännern und Callcentern. Von hier aus verlieren sich die Spuren allem Anschein nach entwendeter Personendaten und Kontonummern bis in die Schweiz. Auf unser Drängen hin steht Geschäftsführer Manfred Neff Rede und Antwort in der Firmenzentrale, einem zweigeschossigen Flachdachbau mit Ziegelfassade und großen Alufenstern.
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Subunternehmer erhalten Provision zwischen 50 und 100 Euro
Bei der Vorlage der Datei mit dem Namen Glöckle versichert Neff: „Diese Daten stammen auf keinen Fall von uns.“ Denn sobald Glöckle einen Kunden gewinne, würden dessen Daten an keinen Vertriebspartner mehr weitergegeben. Dennoch räumt Neff ein, mit Hewing und Mistakidis zusammengearbeitet zu haben; mit Letzterem nur kurz. Im Laufe dieses Jahres hätten sich mehrere Glöckle-Kunden über auffällige Anrufer einiger Callcenter beschwert, die über ihre Bankdaten verfügten. Daraufhin habe er Hewing zur Rede gestellt. Dessen Antwort: Ein früherer Mitarbeiter habe Daten veruntreut und sich damit abgesetzt. Gegen diesen Mitarbeiter wäre Strafanzeige erstattet worden.
Konfrontiert mit der Frage, wie Glöckle denn sichergestellt habe, dass frühere Vertriebspartner wie Hewing keine Kopien von Glöckle-Kundendaten ziehen konnten beziehungsweise diese Daten wirklich gelöscht hätten, antwortet Neff: „Formell wurde bei jeder Vertragsbeendigung auch nochmals auf die Plicht zur Datenlöschung hingewiesen. Leider gibt es darüber hinaus keine Möglichkeit, eine eventuelle kriminelle Energie in den Griff zu bekommen.“
Hier hat Frank Wiener* (* Name geändert) sein Büro, irgendwo zwischen dem Steakhaus Maredo und der Sandwichbude Subway. Wiener bezeichnet sich selbst als „Pooler“. Pooler, so heißen im Branchenjargon Leute, die für Unternehmen wie die Deutsche Telekom oder die Süddeutsche Klassenlotterie zusätzliche Callcenter-Kapazitäten buchen, wenn diese große Vertriebsoffensiven planen. Im Moment sucht Wiener Callcenter für Gewinnspiel-Verkäufer, TV-Kabelgesellschaften und Billigstromanbieter. Die Kundendaten stellt Wiener seinen Subunternehmern meist kostenlos zur Verfügung. Die Agenten müssen die Listen nur noch abtelefonieren – bei Vertragsabschluss bekommen sie eine Provision zwischen 50 und 100 Euro.
Daten kursieren in Deutschland seit Jahren
Auch Wiener ist eines der möglichen Lecks, durch das Kundendaten und -kontonummern unkontrolliert in Umlauf gelangen können. Er zeigt sich wenig überrascht, dass ein Teil der Daten auf der CD der WirtschaftsWoche seine Signatur trägt. „Solche Dateien kursieren in Deutschland seit Jahren“, sagt er. Fast täglich bekomme er dubiose Angebote. Schlecht verdienende Callcenter-Agenten oder Teamleiter seien neidisch auf ihre Chefs, kopierten die Daten und eröffneten andernorts ein eigenes Callcenter. „Das Geschäft wollen viele selber machen“, sagt Wiener. Die Investitionen seien gering: „Ein Telefon, ein Stuhl und ein Tisch reichen aus, um ein Callcenter zu gründen.“
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