arbeitsplatzgestaltung Planet adidas

Unternehmen: arbeitsplatzgestaltung Planet adidas

Der Sportgigant aus Herzogenaurach lockt mit seinem Campuskonzept Mitarbeiter aus 40 Nationen in die Provinz. 

Eine müde Brise schleppt sich an diesem Sommertag über den hügeligen Campus. Das trockene Gras zerbricht unter den Füßen. Verwaist liegen Basketball- und Tenniscourt da, im Sand des Beachvolleyballplatzes sind Spuren des Turniers vom Abend zuvor zu sehen. Ein Ruderboot dümpelt auf dem künstlichen See. Ein paar Leute in T-Shirt, Trainingsjacke und Jeans sitzen auf der Holzterrasse vor dem Restaurant und trinken den ersten Kaffee des Tages. Der Kaffeeduft vermischt sich mit einem Geruch, wie man ihn aus Pinienwäldern in Südfrankreich kennt, warm, nach Nadeln und Harz. 

Es riecht zweifellos nach Urlaub hier, im Hauptquartier der Adidas-Salomon AG, dem nach Nike zweitgrößten Sportkonzern der Welt. 6,5 Milliarden Euro Umsatz hat die Marke mit den drei Streifen im vergangenen Jahr erarbeitet, Tendenz steigend, fast 15 000 Mitarbeiter beschäftigt das Traditionshaus in 114 Tochterunternehmen weltweit – und seine neue Schaltzentrale in Herzogenaurach sieht so grün, entspannt und bescheiden aus wie ein Landschulheim mit größerem Sportangebot. Nur cooler. 

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Mit großer Konsequenz ist Adidas gerade dabei, sich seine eigene Welt zu bauen. Auf 115 Hektar soll in den kommenden zehn Jahren auf einem alten Militärgelände eine Musterlandschaft entstehen, mit der für 3000 Mitarbeiter geplanten Konzernzentrale „World of Sports“, einem Gewerbegebiet mit dem schicken neuen Fabrikverkauf, öffentlichen Grünflächen, einer internationalen Schule für die Kinder der Mitarbeiter – und einem Stadtviertel mit Häusern und Wohnungen für mehr als 2000 Menschen. 

Das alles im Grünen, mitten in der fränkischen Provinz, 25 Kilometer nördlich von Nürnberg, weit weg von jeder Metropole. Campus heißt das Zauberwort, mit dem Adidas aus der Not der Provinzlage eine Tugend macht. Der Konzern lockt internationale Kräfte mit einem Ambiente, das Mitarbeiter wie den Franzosen Norbert Teston, 31, schwärmen lassen: „Ich arbeite auf dem Land, das ist doch traumhaft. Allein schon der kurze Weg durchs Grüne in die Kantine ist sehr relaxing.“ Die Grenzen von Arbeit und Freizeit verschwimmen – so sehr, dass viele der bislang 750 Mitarbeiter auch am Wochenende zum Kicken und Baggern auf das Firmengelände kommen. 

Damit gehören die Herzogenauracher in Deutschland zu den Vorreitern für einen Trend, den Experten im Ausland schon seit längerem konstatieren und der hier zu Lande in Zeiten der Wirtschaftskrise ins Stocken geriet: das immer stärkere Zusammenwachsen von Arbeitswelt und Privatleben. 

„Gerade internationale Spitzenkräfte suchen sich verstärkt Unternehmen als Arbeitgeber aus, in denen es nicht so förmlich zugeht und die Hierarchien nicht so zementiert sind“, weiß Roland-Berger-Personalberater Frank Latzer. „Deutsche Vorstände unterschätzen noch immer den Einfluss, den eine positive Arbeitsatmosphäre gerade auch auf die Produktivität eines Unternehmens hat“ (siehe Kasten Seite 106). 

Dafür steht das Prinzip Campus, ganz nach dem Vorbild einer großzügig angelegten Universität. Adidas will die Uniatmosphäre auf die Arbeitswelt übertragen. Michel Perraudin, im Vorstand für Human Ressources verantwortlich: „Die Mitarbeiter sollen sich hier informell treffen und Sport treiben können, sie sollen sich hinsetzen können und Freundschaften schließen.“ 

Das stärkt das Teamgefühl und die Bindung an das Unternehmen, eine effektive Managementstrategie. Andreas Halin von der Personalberatung Spencer Stuart sieht das auch so: „Die Fokussierung der Mitarbeiter auf ihr Brand ist natürlich sehr nützlich für das Unternehmen. Da entsteht so etwas wie eine Corporate Family.“ 

Zur Familie gehört der baumlange Texaner Alex Briggs, 36, zwei Kinder, der 1998 zu Adidas stieß. Alex trägt heute zur Arbeit in der Abteilung Corporate Communications Trikot, Sportshorts und Turnschuhe – mittags um zwölf ist Basketball mit den Kollegen angesagt. Mitspieler hat er genug – mit mehr als 75 Männern und Frauen stellen die Amerikaner den größten Anteil der Adidas-Ausländer, gefolgt von Engländern und Franzosen. Sprachbarrieren gibt es für sie nicht, Konzernsprache auch in Herzogenaurach ist Englisch. 

„Das hat der Vorstand festgelegt, und daran halten sich alle“, sagt Perraudin, „wenn neun Deutsche und ein Chinese konferieren, wird von der ersten bis zur letzten Sekunde Englisch gesprochen.“ Ohnehin ist weltweit nur noch jeder zehnte Adidas-Mitarbeiter Deutscher. Das führt dazu, dass sich die Indonesierin Ernie Rustam, 30, die seit einem Jahr hier in der Schuhentwicklung arbeitet, auf der World of Sports vorkommt wie auf einem eigenen kleinen Planeten, der nur zufällig in der fränkischen Provinz geparkt ist: „Eigentlich habe ich gedacht, ich würde hier viele Deutsche kennen lernen und etwas über deutsche Kultur lernen, stattdessen habe ich jetzt Freunde aus Spanien, China, Schweden.“ Ein weiterer Vorteil des Campus-Prinzips: Neue Mitarbeiter werden schneller integriert. 

Noch gibt es bei Adidas zwei parallele Arbeitswelten. Während auf dem Campus Offenheit und Grün dominieren, herrscht unten, fünf Autominuten entfernt in der ehemaligen Firmenzentrale an der Adi-Dassler-Straße 1-2, noch die Vergangenheit: die Villa von Adi Dassler, dem Gründer, die erste kleine Fabrik, darum herum ein gesichtsloser, in Jahrzehnten gewucherter Bürokomplex, an der Fassade aufgelockert durch ein meterhohes Plakat mit dem Porträt des Bayern-Stars Michael Ballack. 800 Männer und Frauen arbeiten noch hier unten. Adidas Deutschland, ausgerechnet, hat hier seinen Sitz, die stärkste Fraktion am Standort Herzogenaurach. 

Als es 1998 darum ging, welche Abteilungen auf das Gelände der Kaserne ziehen, zeichneten sich die Deutschen durch das größte Beharrungsvermögen aus. Sie scheuten das Neue. Sie blieben, wo sie waren. Hinauf zogen im Frühjahr darauf die Abteilungen Global Operations, Design und Marketing. Heute, sagt Perraudin, der wie der gesamte Vorstand hierhin gezogen ist, können sich die unten in den Hintern beißen, weil es hier oben so schön ist. 

Bis spätestens in zehn Jahren will Perraudin alle Abteilungen auf dem Campus angesiedelt haben. Im Januar hat Adidas bereits sämtliche alten Gebäude unten an einen Nürnberger Investor verkauft. Ganz ohne Sentimentalitäten – wenn in einigen Jahren der jetzt gültige Mietvertrag ausläuft, trennt sich Adidas auch von seiner Keimzelle, der Dassler-Villa, wo im Eingang ein Öl-porträt von Adi Dassler hängt. a 

Oben zelebriert der Konzern eine Politik der offenen Türen. Wer auf der World of Sports ankommt und an den drei Dutzend kleinen Wassersäulen und den fünf Fahnen vorbei über eine kleine Holzbrücke zum einstöckigen Empfangsgebäude geht, kann dem Vorstand bei der Arbeit zusehen: neben dem Schweizer Perraudin drei Deutschen, einem Kanadier, einem US-Amerikaner und einem Neuseeländer. Direkt oberhalb des weitläufigen Empfangsbereichs mit seinen alten Turnhallendielen und den Markierungen, die an Handball- und Basketballfelder erinnern, liegt die Vorstandsetage. 

Der verglaste Riegel verbindet zwei alte Kasernenbauten, die Adidas komplett entkernen und sanieren ließ. Wie zwei große liegende „E“ strecken die 1936 von der Wehrmacht als Luftwaffenschule errichteten schlichten Gebäude, in denen von 1945 bis 1992 eine US-Artillerieeinheit untergebracht war, ihre Flügel in das weitläufige Gelände. Balkone und begrünte Terrassen ließ der Konzern anlegen. Wer will, kann auch in einem der vier Innenhöfe arbeiten. 

Wegen der Konkurrenz zu den anderen Großen des Sport- und Modegeschäfts muss Adidas Mitarbeitern etwas Besonderes bieten. Gerade nach dem Beschluss, in der Provinz zu bleiben, den der Vorstand 1997 fällte. Statt Herzogenaurach hätte es auch München sein können. Oder Frankfurt. Oder gar Rom, Paris, selbst Standorte in den USA waren im Gespräch. Adidas entschied sich gegen die Metropolen und für die Provinz. Das Unternehmen wollte in einer Phase, als es wieder aufwärts ging, nicht riskieren, Mitarbeiter und wertvolles Wissen zu verlieren. Zudem liegt das Gehaltsniveau für einfachere Tätigkeiten in der Provinz deutlich niedriger als in den Großstädten. 

Der Umbau der Kaserne war aber zudem auch die billigere und schnellere Variante. Rund 15 Millionen Euro, so Perraudin, habe Adidas durch den Verzicht auf einen Neubau gespart: „In Phase eins haben wir etwa 35 Millionen Euro investiert. Und das für mehr als 750 Arbeitsplätze. Verglichen mit den Kosten für einen Neubau, ist das günstig.“ Der Umzug in die Kaserne fand bereits 14 Monate nach Baubeginn statt. Hilfreich war dabei, dass die Stadt Herzogenaurach mit zehn Prozent an der gemeinsamen Grundstücksgesellschaft beteiligt ist. 

Die Zeit drängte, denn Adidas platzte damals aus allen Nähten. Nach drei Jahren des Siechtums unter dem schillernden Franzosen Bernard Tapie kam Adidas Mitte der Neunzigerjahre unter dessen Landsmann Robert Louis-Dreyfus wieder in die Gänge und ging 1997 mit dem französischen Sportunternehmen Salomon zusammen. Der Erfolg kehrte zurück nach Herzogenaurach. Und mit dem Erfolg kamen die Mitarbeiter: „Wir sind regelrecht explodiert“, sagt Perraudin, „success breeds success.“ 

Im Schnitt stellte Adidas seit 1993 pro Jahr 100 Leute ein, allein in Herzogenaurach. Arbeiteten hier 1993 knapp 700 Leute, sind es heute fast 1800. Das senkte den Altersschnitt auf vergleichsweise niedrige 33 Jahre, im Schnitt hält es Mitarbeiter sechs Jahre bei Adidas. Die Fluktuation liegt bei fünf Prozent. Berater Halin: „Das ist gerade für die Konsumgüterbranche ein sehr guter Wert und ein Indiz dafür, dass die Kultur des Unternehmens stimmt.“ 

Auch für Perraudin ist das ein Erfolg des Arbeitskonzepts mit Wohlfühlfaktor: „Hier zu arbeiten hat eine ganz eigene Atmosphäre, ein Ambiente, eine Befriedigung, eine Lust. Aber nur weil es hier schön ist, heißt das ja nicht, dass die Leute weniger hart arbeiten.“ Der Campus kommt bei ausländischen Kräften an: Stammten vor zehn Jahren nur „weit unter 100“ Mitarbeiter aus dem Ausland, sind es heute mehr als 380, davon 50 in Führungspositionen. 

Designerin Ernie zieht an der Zigarette und schaut von dem kleinen Balkon, der von der Teeküche ihrer Abteilung abgeht, Richtung Teich. Der Planet, auf dem Ernie lebt, heißt nicht mehr „Herzogenaurach“, sondern schlicht „Hörtsoh“. Für Berater wie Frank Latzer ist klar – dem Prinzip „Hörtsoh“ gehört die Zukunft, das Provinzprojekt könnte zur Blaupause für andere werden: „Adidas könnte mit seinem innovativen Konzept zu einem Vorbild für Unternehmen werden, in denen Teamgeist gefragt ist, sei es in der Softwareentwicklung oder in der Automobilbranche.“ 

Peter Steinkirchner 

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