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Unternehmen: Investmentbanker WiederAufgetaucht

von ULRICH GROOTHUIS

Die Superstars derBranche mussten inden vergangenen zweiJahren reichlich Federnlassen. Nun deutet sicheine Trendwende an. 

Irgendwann spürte Harry Daswani, dass es auch ihn treffen würde. Ständige Krisenmeldungen, Entlassungswellen, immer neue Skandale – das Image der einstigen Elitebranche war dahin. Zwischen 2001 und 2002 verließen weltweit mehr als 100 000 Mitarbeiter, größtenteils unfreiwillig, die Zunft der Investmentbanker. Auch der ehemalige Berater der Deutschen Bank musste gehen. Daswani ließ sich aber nicht unterkriegen. Er tauschte Computer und Börsenparkett gegen Rohrzange und Fliesen – und wurde selbstständiger Klempner beim britischen Serviceunternehmen Drain Doctor. Das Handwerk, so sein Kalkül, hat immer noch goldenen Boden. 

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Das war im vergangenen Jahr. Vom Traumjob zum Arbeitsamt und wieder zum Traumjob zurück: Zwar leiden die Investmentbanken noch immer unter den Nachbeben der Krisenjahre, doch seit Mitte dieses Jahres zeichnet sich eine Trendwende ab. Erste Signale sendet der Arbeitsmarkt. Die Großen der Branche suchen in Deutschland wieder verstärkt Nachwuchs. Nicht mehr 100 bis 200 Youngster pro Jahr und Unternehmen wie in der Boomphase zwischen 1999 und 2000. Aber mehr als in der darauf folgenden Krise, als die hiesigen Investmentbanken gerade einmal rund 50 bis 60 neue Stellen per anno ausschrieben. Jetzt rechnen Branchenkenner wie Claus-Peter Sommer mit einem Anstieg um 30 Prozent. „Der Daumen zeigt wieder nach oben“, bestätigt das Vorstandsmitglied des Kölner Personaldienstleisters Access. „Dieses Jahr dürften die führenden Investmentbanken insgesamt zwischen 250 bis 400 Neulinge einstellen.“ 

Geworben wird nicht nur in speziellen Recruiting-Workshops, angeklopft wird auch wieder intensiver an Hochschulen wie zum Beispiel in Mannheim und in Köln oder bei privaten Institutionen wie der European Business School oder der WHU in Vallendar. Bevorzugt werden dabei vor allem Wirtschaftswissenschaftler. Nur 20 Prozent der Gesuchten sind Quereinsteiger und haben eine Ausbildung als Naturwissenschaftler, Psychologe oder Jurist absolviert. 

Den sanften Rückenwind spüren auch Altgediente. Sahen sie sich während der Krise vom Arbeitsmarkt hoffnungslos abgeschrieben und versuchten in den Finanzabteilungen der Industrie Fuß zu fassen, so beträgt ihr Anteil an den Neueinstellungen jetzt wieder zwischen 15 und 20 Prozent, so Access-Vorstand Sommer. 

Der vorsichtige Optimismus hat einen Grund: Institute wie Goldman Sachs, Morgan Stanley oder J P Morgan sehen in Deutschland derzeit ein interessantes Wachstumsfeld. So rechnet John Jetter, Vorstandsvorsitzender von J P Morgan in Frankfurt und verantwortlich für das Investmentbanking in Deutschland und Österreich, in diesem Jahr mit einem Anstieg seines Geschäfts von rund 20 Prozent. Er ist sicher, „dass sich die derzeitigen Verhandlungen ab dem kommenden Jahr auch in einer steigenden Zahl von Börsenemissionen und Fusionen niederschlagen“. In seinem Haus gehen die Analysten sogar davon aus, dass der Markt in Europa schneller wachsen wird als in den Vereinigten Staaten. 

„Das Prinzip Hoffnung hat einen realistischen Nährboden“, glaubt auch Hans Jörg Schüttler, Vorstandsmitglied bei Morgan Stanley in Frankfurt. Er tippt hier zu Lande auf rund zehn Börsengänge im nächsten Jahr. Peanuts zwar im Vergleich zu den Spitzenjahren 1999 und 2000, als 175 beziehungsweise 142 Unternehmen die Börsenweihe erhielten. Doch für Investmentbanker und die, die es werden wollen, ist das ein Licht am Ende des Tunnels – es kann eigentlich nur besser werden. 

Die Branche, die gewohnt ist, mit Zyklen zu leben, hat aus dem überraschend tiefen Sturz gelernt. „Eine selbst auferlegte Bescheidenheit ist derzeit angesagt, gerade bei den Neueinsteigern“, beobachtet Manfred Siebenlist von der Düsseldorfer Personalberatung Siebenlist, Grey & Partner, „Statussymbole wie der Firmenwagen warten längst nicht mehr für jeden vor dem Bürogebäude. Solche Zugaben sind fast nur in den oberen Etagen üblich.“ Ausnahmen gibt es dennoch. Beispiel Deutsche Bank: Neueinsteiger bekommen mit Vertragsabschluss auch ihren fahrbaren Untersatz. 

Dafür sind die Ansprüche an den Nachwuchs gestiegen. Man will weg vom Image des überheblichen Zockertypen, der die Welt mit starrem Bonusblick und Dollar-pupillen anpeilt. „Angeberei und Protz sind passee, allerdings hat die Branche zu diesem Klischee ihren guten Teil selbst beigesteuert“, konstatiert Helmuth Uder, Deutsch- a land-Chef bei der Managementberatung Towers Perrin in Frankfurt. 

„Offenheit, Eigenständigkeit, Rückgrat und die Bereitschaft zur Ochsentour“, nennt Personalberater Andreas Stephan, Gründer und Partner der Stephan Unternehmensund Personalberatung in Bad Homburg, die neuen Ansprüche an den Nachwuchs. Wer in der Branche Fuß fassen will, muss fest mit 60 Wochenstunden rechnen, die Frischlinge sogar meist mit mehr. „Das hat schon mit einer gewissen Selbstkasteiung zu tun“, sagt Access-Vorstand Sommer. 

Auch ethisches Bewusstsein ist gefragt. „Jetzt, wo die Banken wegen des Arbeitsmarktes wählerischer sein können, achten sie besonders auf Tugenden wie Ehrlichkeit und soziale Integrationsfähigkeit“, bestätigt Sommer. Pluspunkte bei der Bewerbung sammelt deshalb ein Kandidat, wenn er neben seinem Studium zum Beispiel Engagement in Studentenorganisationen und sozialen Einrichtungen vorweisen kann. 

Leicht wird es den künftigen Investmentbankern nicht gemacht. So müssen bei J P Morgan die Anwärter einen zweitägigen Testparcour bestehen, bevor sie in die engere Auswahl kommen. Geprüft werden sie dabei von mindestens 15 gestandenen Bankern in Frankfurt und London – fließendes Englisch ist ein Muss. Zunehmend gefragt sind auf Grund der Internationalität des Geschäfts Spanisch- und Französischkenntnisse. Wer diese Sprachen beherrscht, rutscht auf der Liste der Auserwählten gleich mehrere Plätze nach oben. Auch die anderen Big Player legen diese Maßstäbe an. Überdurchschnittliche mathematische und analytische Fähigkeiten werden ohnehin vorausgesetzt. In persönlichen Interviews klopfen die Banker ab, ob ihre Kandidaten die Voraussetzungen für diesen Job mitbringen. Sie werden auch mit Fragen konfrontiert wie: „Was hat Ihnen Ihr Auslandsaufenthalt persönlich gebracht? Wie haben Sie sich dort integriert? Welche Kontakte haben Sie geknüpft, und pflegen Sie sie immer noch?“ 

Aus den Antworten machen sich die Personaler nicht nur ein Bild über die soziale Kompetenz, gleichzeitig testen sie die Teamfähigkeit ihrer Kandidaten. „Sie ist für uns wichtiger als der einzelne Star“, so J P Morgan-Mann Jetter. Für Towers-Perrin-Manager Uder ist das ein deutliches Zeichen, dass sich das Rollenprofil des Investmentbankers nach dem Hype gewandelt hat. „Umworben wird weniger der Einzelgänger und Spezialist, sondern der Generalist, der die gesamte Klaviatur in diesem Geschäft beherrscht.“ 

Dieser Trend prägt zunehmend auch die Ausbildung. „Es wird mehr Wert auf Rotation gelegt, um den zukünftigen Analysten einen komplexen Einblick in das Geschäft zu vermitteln“, betont Manager Schüttler. „Die einzelnen Bereiche lassen sich nicht mehr so eng voneinander trennen wie noch vor Jahren“, erklärt Caroline Hippchen, Associate bei Morgan Stanley, „sie werden immer enger miteinander verzahnt. Deshalb ist es wichtig, dass Einsteiger die Chance nutzen und sich in den einzelnen Abteilungen das nötige Know-how aneignen.“ Um sich den ersten Schliff zu holen, geht es zunächst auf einen vierwöchigen Trainingskurs, danach werden sie durch Abteilungen geschleust, die sich mit den Facetten des Investmentbankings wie Fusionen, Joint Ventures oder Aktienemissionen beschäftigen. 

Den Traum von einer Blitzkarriere können sich Einsteiger heute allerdings abschminken: Erst drei Jahre Analyst, dann – bei entsprechenden Leistungen – Associate und wenn’s rund läuft schließlich Vice President mit eigener Budgetverantwortung ist zum Beispiel die normale Laufbahn eines Investmentbankers bei Morgan Stanley. 

An Anziehungskraft hat das Metier dennoch nichts verloren. Im Gegenteil: Der Ansturm ist groß. Allein bei der Deutschen Bank bewarben sich in diesem Jahr für den Investmentbanking-Workshop „Buy Hard II“ rund 300 europäische Hochschulabsolventen. Das Ticket für den Bewerbungstest bekamen allerdings nur 25. Gleichzeitig starteten die Deutsch-Banker ein Praktikantenprogramm für Junioranalysten. Gesiebt wurde auch hier. Von 200 Bewerbern kamen 14 Kandidaten durch. 

Roy Bachmann hat den Sprung ins Investmentlager geschafft. Für den 26-Jährigen ist der Job bei der Deutschen Bank „eine echte Herausforderung, der Druck ist groß“, gibt er zu. Dass er viel arbeiten muss, ist für ihn selbstverständlich, ebenso wie der Konkurrenzdruck aus anderen Banken. „Das macht ja auch Spaß.“ 

„Die Kombination aus Stress und Spaß hat aber auch einen guten Preis“, sagt Anja Buckard, Senior-Beraterin bei MZ Consulting in Frankfurt. „Die Einstiegsgehälter sind immer noch höher als in anderen Bankenbereichen oder bei Steuerberatungen und Wirtschaftsprüfern.“ Nach einer aktuellen Gehaltsstudie der Managementberatung Kienbaum Consultants International in Gummersbach liegen die Jahressalärs im Schnitt zwischen 50 000 und 65 000 Euro. „Branchenführer zahlen sogar 80 000 bis 100 000 Euro“, weiß Berater Stephan. Dafür wird an den Boni gespart. Die machen bei Anfängern allenfalls 20 Prozent des Fixums aus. 

Ein Gehaltsgefälle gibt es nach wie vor zwischen Frankfurt und London. Für Youngster, die ihren Job auf der Insel antreten, legen Investmentbanken beim Fixum noch einmal 10 Prozent drauf, und auch die Boni liegen um 20 Prozent höher als in der Mainmetropole. Den Zuschlag zahlen die Banken allerdings bereitwillig, denn die Lebenshaltungskosten sind an der Themse wesentlich höher. 

„London hat trotz der üblichen Zulagen an Zugkraft verloren“, glaubt Berater Stephan, „die extreme Entlassungswelle dort hat dazu geführt, dass von den deutschen Bewerbern der überwiegende Teil den Bankenplatz Frankfurt bevorzugt.“ 

Einen hat das Desaster an der Themse nicht gestört – Ex-Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff. Als Quereinsteiger aus der Medienbranche tauschte er die eher biedere Carl-Bertelsmann-Straße im ostwestfälischen Gütersloh gegen die Grosvenor Street im eleganten Mayfair-Quartier in London. Seit dem 24. Juni ist der 50-Jährige Partner des renommierten Investmentunternehmens Investcorp und verantwortlich für das Europa-Geschäft. 

ulrich groothuis 

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