20 Jahre Mauerfall: Reise in die Heimat des Trabant - Seite 3

20 Jahre Mauerfall: Reise in die Heimat des Trabant

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Helga und Wolfgang Eschke, Inhaber einer Seidenmanufaktur Quelle: Andreas Chudowski
Helga und Wolfgang Eschke, Inhaber einer Seidenmanufaktur Quelle: Andreas Chudowski

„Die ostdeutschen Angestellten, die damals die Betriebe übernommen haben, kamen aus einem völlig anderen Wertesystem“, sagt Ulrich Vellguth, ein zugezogener Westdeutscher, der von 1996 bis 2006 das Firmenkundengeschäft der Commerzbank in Zwickau leitete. „Ohne Management-Know-how und ohne Eigenkapital, woher sollte das auch kommen?“ Vellguth bewundert die Pioniere der Nachwendezeit: „Die sind ein hohes Risiko eingegangen, ihre Betriebe haben sie oft über Fördermittel und Kredite finanziert.“

Immerhin: Anders als heute gab es Kapital. Kühlanlagenbauer Kehle etwa erhielt Fördergelder von der Deutschen Beteiligungs-Gesellschaft, lokale Banken gewährten Kredite. Kehle investierte zunächst elf Millionen D-Mark.

Mit dem Geld spezialisierte und internationalisierte der neue Chef das Unternehmen, das inzwischen unter dem Namen Ilka-Zell Isoliertechnik firmiert. Er konzentrierte sich auf die Herstellung von Kühlzellen, die er an Kunden aus nahezu allen Branchen liefert. So züchten Max-Planck-Institute etwa in Zellen von Ilka-Zell Pflanzen zu Versuchszwecken. Autokonzerne testen in den Kühlkammern aus Zwickau bei minus 30 Grad neue Antriebe und Bremsen. Für die Pharma- und Solarindustrie liefert Kehle keimfreie Reinräume. „Kühlzellen brauchen sie für alles, was frisch bleiben muss: Lebensmittel, Blumen, Leichen“, sagt Kehle.

Folgen der Krise spürbar

Doch es ging nicht nur aufwärts – drei Jahre nach der Neugründung drohte der Betrieb im wahrsten Sinne des Wortes unterzugehen. Direkt neben der Werkshalle fließt die Zwickauer Mulde. Aus dem idyllischen Gewässer war ein reißender Strom geworden. Es war 2002, das Jahr des großen Oder-Hochwassers, als Gerhard Schröder in Gummistiefeln durch überflutete ostdeutsche Städte und Dörfer watete und so seine Kanzlerschaft rettete.

Kehle verteidigte die Werkshalle mit Sandsäcken und Holzlatten. Die Halle blieb trocken, doch Kehle saß am Ende auf einem Schaden in Höhe von 250 000 Euro. Aber der Flut folgte eine Welle der Solidarität. „Vergessen Sie die letzte Rechnung“, hörte Kehle oft von Zulieferern, wenn er vom Hochwasser und den Schäden an seinem Betrieb erzählte. In den vergangenen Jahren hat Kehle noch einmal 3,5 Millionen Euro investiert. In der Werkshalle, die 2002 fast untergegangen wäre, stehen nun moderne Blechbearbeitungsmaschinen von Trumpf.

Allerdings spürt auch Ilka-Zell die Folgen der Krise. Im ersten Halbjahr 2009 schrieb sein Unternehmen leichte Verluste, sagt Kehle. Der Umsatz im Gesamtjahr soll bei etwa zehn Millionen Euro stagnieren. Einige befristete Arbeitsverträge konnte er deshalb nicht verlängern, von der Stammbelegschaft jedoch hat er noch niemanden entlassen. Er setzt auf potente Kunden wie die Pharmaindustrie: „Dort gibt es keine Krise.“ Zugute kommt Kehle heute, dass er seine Risiken aufgeteilt hat: Kühlkammern aus Zwickau kommen auch in China und Angola zum Einsatz. Damit ist Ilka-Zell typisch für eine Vielzahl von Unternehmen rund um die ehemalige Hauptstadt des Trabants. In der Region gibt es viele Unternehmer, die ihr Geschäft frühzeitig internationalisiert haben.

Exporte in den Himalaja

Die G.U.B. Umwelttechnik etwa, nach der Wende ein winziger Zwei-Mann-Betrieb, hat heute 170 Mitarbeiter, weil das Unternehmen über die Landesgrenzen hinausgegangen ist: G.U.B. – das Kürzel steht für Geotechnik Umwelttechnik Bautechnik – liefert in die entlegensten Winkel, selbst in den Himalaja und die Mongolei, wo G.U.B. etwa einen Bergbaubetrieb in Umweltfragen berät.

Ein anderes Zwickauer Unternehmen, Rudert Edelstahltechnik, stattet Hotels in Hongkong, Macau und Dubai mit hochwertigen Warmwasserspeichern aus. Geschäftsführer Stephan Rudert freut sich über eine „gute Auftragslage“. Seit der Wende hat sich das Unternehmen mit heute 15 Millionen Euro Jahresumsatz und 90 Mitarbeitern auf Behälter und Wärmeaustauscher aus Edelstahl spezialisiert. Rudert führt den Familienbetrieb weiter. Der Sohn erinnert sich noch, dass der Vater immer auf Achse war, um in den damaligen Staatsbetrieben Bleche zuzuschneiden – eigene Maschinen besaßen die Ruderts zu DDR-Zeiten nicht.

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Treibt es die einen erfolgreich hinaus in die Welt, haben sich Helga Eschke und ihr Mann Wolfgang mit ihrem Familienbetrieb in einer Nische eingerichtet. Eschke Seidenmanufaktur steht auf dem Firmenschild im Örtchen Crimmitschau bei Zwickau. Die Eschkes – Wolfgang ist 65 Jahre alt, Helga 59 – beschäftigen gerade eine Handvoll Mitarbeiter, denn ihre Arbeit ist speziell: Das Mini-Unternehmen rekonstruiert historische Seidentapeten und ist damit nahezu einmalig in Deutschland. Wenn der Wanddekor in Schloss Sanssouci oder im Schloss Schwetzingen kaum noch zu gebrauchen ist, ist das ein Fall für Eschkes.

5 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 06.11.2009, 22:07 UhrZwar sichtbare Mauer fällt,

    unsichtbare Mauer bleibt! Warum braucht man soviel STASi?

  • 06.11.2009, 18:50 UhrSiggi40

    „Viele Jahre arbeitete er beim Hersteller Sachsenring in der Fahrzeugentwicklung“.
    Sachsenring: Sickergrube für Fördermittelbetrug. FAZ 02.06.2004.
    Geklüngel, Vetterleswirtschaft, Korruption, betrug, bestechung, bilanzfälschung .....na da bringt er ja die besten Voraussetzungen mit, um einen betrieb in Sachsen aufzubauen .... bis, ja bis ... na wat nu .... die Fördermittel alle sind. Was denn sonst.

  • 06.11.2009, 18:18 UhrSiggi40

    Gerschewski möchte etwas aufbauen. Den modernen Trabant 2.0.
    Wenn ich noch daran denke, welchen Zirkus die Presse um den Cargolifter machte, der mit 38 Millionen Steuergeldern floppte. Von den 78 Millionen baukosten der Halle wurden gerade mal 17,5 Mio. durch den Verkauf erzielt.
    Dass der Trabant 2.0 auf der Messe viele Neugierige anzog ist nachzuvollziehen. Dieses Phänomen kenne ich aus eigener Erfahrung, wenn auf einer Automesse ein NSU TTS ausgestellt ist. Jeder, der solch ein Fahrzeug mal besaß wird durch solch einen Anblick in die gute alte Zeit gebeamt. Mit allen schönen Erinnerungen. Doch einen Trabant 2.0 produzieren und verkaufen – da hätte ich dem Cargolifter mehr Chancen eingeräumt. Ein weiterer Flop am Horizont der Vernichtung von Steuergeldern.
    Findige Unternehmer kommen immer noch aus bW. Aber sie würden nie jemanden finden, der aus rationalen Gründen solch ein Projekt angehen würde, geschweige denn, die erforderlichen Mittel von jemanden bekäme. Ein Traum, ein schöner Traum – Erinnerungen an die gute alte Zeit. Nicht mehr und nicht weniger.
    Mit MZ haben wir doch genau das selbe Problem. Auf jeder Messe wurde die 1000er vorgestellt, überall wurde publik gemacht, günstige 125-er zu produzieren, mit einfacher Technik. Die Jungs haben immer noch nicht mitbekommen, dass "günstig" in China, Taiwan und indien produziert wird. Alles andere sind Träumereien.

    ich würde keinen einzigen Euro in diesen Traum investieren. Zwischen Traum und Wirklichkeit scheiden sich die Geister bei Fehlinvestitionen in der DDR. Da gehört a bissl mehr dazu.

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