Active International: Friedhof der Nikoläuse

Active International: Friedhof der Nikoläuse

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Schokoladen-Weihnachtsmänner

von Mario Brück

Das Unternehmen kauft Saisonware, Fanartikel, Flops oder Auslaufmodelle, die keiner mehr haben will.

Laut Kalender war noch Sommer. Und doch eroberten schon Mitte September Spekulatius, Lebkuchen und Schoko-Nikoläuse die Regale des Lebensmittelhandels. Und wie alle Jahre wieder wird sich das Naschwerk bis Weihnachten nicht verkaufen lassen – egal, ob es die Gänge bei Aldi und Rewe oder die Läger bei Süßwarenherstellern wie Lindt oder Lambertz verstopft. Wohin also mit Stollen und Zimtsternen, die niemand will?

Außer Christian Kirschbaum. Der Franke kauft solche Ladenhüter für Active International in Düsseldorf auf, die deutsche Niederlassung des gleichnamigen US-Unternehmens. Er zahlt dafür sogar in der Regel den vollen Buchwert, also den Wert, zu dem die verkauften Produkte beim Hersteller in der Bilanz stehen. Das Entgelt fließt jedoch nicht in bar, sondern in Form von Gutschriften, die die Firmen dann einlösen können – etwa, indem sie über Active Hotels und Dienstreisen buchen, Prospekte drucken lassen oder Werbekampagnen buchen. „Ausgaben, die unsere Kunden ohnehin haben“, sagt Kirschbaum. Active verramscht die eingekauften Ladenhüter über Handelsketten, Internet-Shops oder Ein-Euro-Klitschen im In- und Ausland. Das Modell rechnet sich, weil Active in seine Dienstleistungspartner investiert und deren Leistungen so zu günstigen Konditionen einkaufen kann.

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Corporate Trading nennt sich diese Art Tauschgeschäft Ladenhüter gegen Dienstleistung. Weit verbreitet ist es vor allem im angelsächsischen Raum. Mit einem Jahreserlös von rund 1,5 Milliarden Dollar ist Active International der weltweit führende Anbieter für Corporate-Trading-Lösungen. Seit der Gründung 1984 hat sich das Familienunternehmen zu einem Riesen entwickelt, der in elf Ländern mit insgesamt 600 Mitarbeitern 1500 Kunden betreut, darunter in den USA die Mehrheit der Fortune-500-Unternehmen.

Waren für 350 Milliarden Euro abgeschrieben

Kirschbaum ist ein Kuppler zwischen zwei Welten, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben – der Verwertung überschüssiger Ware und der Vermittlung verschiedener Dienstleistungen wie Werbezeiten bei Verlagshäusern oder TV-Vermarktern. Auch mehr als 800 Hotels arbeiten weltweit mit Active zusammen. Vereinfacht ausgedrückt: Kirschbaums Kunden bezahlen einen Teil ihrer Werbekampagnen für neue Produkte mit Altware.

Auch in Deutschland ist das Modell auf dem Vormarsch. Das Active-Büro in Düsseldorf wurde 1999 eröffnet und ist heute mit mehr als 100 Kunden aus Mittelstand und Großindustrie die Niederlassung mit den höchsten Wachstumsraten. Die Düsseldorfer verdoppelten ihren Umsatz in den vergangenen beiden Jahren auf 25 Millionen Euro, bis Ende 2012 sind sogar 50 Millionen Euro geplant.

Das Marktpotenzial ist gewaltig. In Deutschland werden jedes Jahr Waren und Werte in Höhe von mehr als 350 Milliarden Euro abgeschrieben. Die Gründe dafür sind so vielfältig wie die Warenwelt an sich: Saisonprodukte, die keine Saison mehr haben, Waren mit Mindesthaltbarkeitsdatum, wechselnde Modetrends, Überproduktionen, gefloppte Innovationen oder neue Technologien. „Es kann jedes Unternehmen treffen, dass sich unverkäufliche Ware im Lager stapelt oder zurückkommt, weil der Handel die Regale leerräumt“, sagt Kirschbaum. Damit drohen schmerzliche Abschreibungsverluste, die das Jahresergebnis belasten.

Abpfiff für die Vuvuzela

So führe die technische Evolution bei Unterhaltungselektronik zu Verschiebungen im Sortiment, sagt Kirschbaum. Absatzerfolgen von Smartphones, BluRay-Playern oder Digitalkameras stünden Einbrüche bei Navigationsgeräten, DVD-Rekordern oder Handys gegenüber. Von zehn neuen Produkten halte sich auf Dauer nur eines erfolgreich im Markt, heißt es beim Verband der Süßwarenindustrie – alles andere seien Ladenhüter. Und könnten irgendwann mal bei Kirschbaum landen.

So wie die berühmt-berüchtigte Nervtröte Vuvuzela, die nach der Fußball-WM rasch an Wert verlor. 600 000 Stück kaufte Kirschbaum einem Hersteller ab, die nun irgendwo im Ausland verramscht werden. Aber auch Parfüms, Textilien, Automobile, fast eine halbe Million Bücher, 50 Lkw-Ladungen mit Nahrungsmitteln oder 25 000 Telefone wurden von Active im vergangenen Jahr weitergereicht.

Wo die überschüssigen Nikoläuse und Zimtsterne im kommenden Jahr ihren Frieden finden, das wird Kirschbaum und seine 20 Mitarbeiter schon in den kommenden Wochen beschäftigen.

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