Adidas-Chef Herbert Hainer im Interview: "Schlechtes Gewissen? Wieso?"

Adidas-Chef Herbert Hainer im Interview: "Schlechtes Gewissen? Wieso?"

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Hainer, 54, bayrischer Metzgerssohn und studierter Betriebswirt, startete seine Managerkarriere bei dem US-Markenartikler Procter & Gamble („Pampers“). Seit 1987 ist er bei Adidas, arbeitete dort zunächst als Verkaufsmanager. 2001 wurde er Vorstandschef. Sein größter Coup war die Übernahme des US-Konkurrenten Reebok. Hainer ist zudem stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender des FC Bayern München.

Adidas-Chef Herbert Hainer über Tibet, Angela Merkels Fernbleiben von den Olympischen Spielen, den Erzkonkurrenten Nike – und weshalb er weniger in China fertigen lässt.

WirtschaftsWoche: Herr Hainer, am 8. August starten die Olympischen Spiele mit der Eröffnungsfeier. Sie werden dabei sein, Bundeskanzlerin Merkel hat abgesagt. Haben Sie Verständnis für die Abwesenheit der Regierungschefin?

Hainer: Ich würde an ihrer Stelle hingehen. Ich denke, dass es sich für die großen Staatsmänner und -frauen anschickt, zu den Olympischen Spielen zu gehen. Das ist eines der größten Sportereignisse der Welt und zugleich ein Fest der Völkerverständigung.

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Völkerverständigung? Davon war beim Tibet-Konflikt nicht viel zu merken.

Sport ist Sport, und Politik ist Politik. Die Politik oder die UN müssen den Tibet-Konflikt lösen. Den Streit um Tibet gibt es seit fünf Jahrzehnten. Natürlich nutzen nun interessierte Gruppen die Olympischen Spiele, um Aufmerksamkeit zu gewinnen. Das ist auch legitim. Aber man sollte diesen Konflikt nicht auf dem Rücken der Sportler oder Sponsoren austragen

Adidas ist ein wichtiger Sponsor und hat 70 Millionen Euro für die Nutzung der Spiele zu Werbezwecken gezahlt. Haben Sie ein schlechtes Gewissen, weil Sie den chinesischen Diktatoren damit helfen, sich in der Weltöffentlichkeit blendend darzustellen?

Schlechtes Gewissen? Wieso? Die Spiele werden dazu beitragen, dass sich China mehr und mehr nach außen öffnet. Sie können doch nicht erwarten, dass ein Volk von 1,3 Milliarden Menschen, von denen 500 Millionen nicht genug zu essen haben, sich auf Knopfdruck von einer Diktatur in eine Demokratie verwandelt. Und außerdem: Schauen Sie sich doch mal in den westlichen Demokratien um. Was da passiert, ist doch auch nicht alles richtig. Denken Sie an die Todesstrafe in den USA oder das amerikanische Gefangenenlager Guantanamo auf Kuba.

So richtig Vorfreude auf die Olympischen Spiele will nicht aufkommen. Es wird über Tibet, Menschenrechte und über Umweltverschmutzung in China diskutiert. Die Segelwettbewerbe in Qingdao sind von der Algenpest bedroht, der Adidas-Top-Athlet Haile Gebrselassie will wegen Smog nicht beim Marathon starten. Glauben Sie im Ernst, dass die Spiele eine Werbung für den Sport – und damit auch für Adidas – werden?

Also, auch ein Haile Gebrselassie kann sich mal irren. Zudem startet er ja über die 10.000 Meter. Ich sage Ihnen: Wir haben Mitarbeiter, die seit zehn Jahren in Peking arbeiten. Die machen auch Sport und erfreuen sich guter Gesundheit. Ich kenne das auch alles schon: 2003, ein Jahr vor den Spielen von Athen, haben auch alle geglaubt, dass die nie fertig werden, dass es ein Verkehrschaos gibt, dass keiner mehr atmen kann. Am Ende hat alles funktioniert, und wir haben klasse Spiele gesehen. Wir müssen endlich aufhören, das Glas immer nur halb leer zu sehen. In ganz Asien beispielsweise herrscht große Vorfreude auf Olympia.

Die Spiele werden zudem von Dopingvorwürfen und -verdächtigungen überschattet sein.

Es wird weniger Dopingfälle als bei den Olympischen Spielen in Athen geben. Die Athleten sind sensibler geworden, die Messinstrumente genauer, die Dopingfahnder besser.

Was haben Sie denn von den 70 Millionen Euro, die Sie für die Nutzung der Spiele bezahlen?

Das lässt sich auf den Euro genau nicht sagen. Es wird, anders als bei Fußball-Events, zum Beispiel weniger kurzfristige Mehreinnahmen geben. Die Leute rennen ja nicht in die Shops und kaufen sich Olympia-Spezialschuhe. Deshalb setzen wir auf die langfristigen Effekte. Wir dürfen seit vier Jahren mit dem Pekinger Olympia-Logo werben und sind mittlerweile die am schnellsten wachsende Sportartikelmarke im Milliardenmarkt China. Wir konnten in den vergangenen Jahren alle zwölf Monate um über 50 Prozent in China zulegen. Auch dieses Jahr werden wir wieder um 50 Prozent wachsen.

Nike in China überholen

Wo steht Adidas damit jetzt in China?

Als Unternehmen mit den Marken Adidas, Reebok und TaylorMade-adidas Golf machen wir in diesem Jahr mehr als eine Milliarde Dollar Umsatz in China. Am Ende dieses Jahres wird die Marke Adidas dann auch die Marke Nike in China überholt haben. Wir sind also auf dem besten Wege, unser Ziel, 2010 als Konzern mehr als eine Milliarde Euro Umsatz in China zu machen, zu erreichen.

Wie lange wollen Sie das durchhalten?

Natürlich geht das nicht immer so weiter, dass wir Wachstumsraten von 50 Prozent haben, weil die Basis immer größer wird. Ich bin aber überzeugt, dass wir definitiv die nächsten fünf bis zehn Jahre in China zweistellig wachsen werden.

Sie lassen in China, wie andere Hersteller auch, von billigen Arbeitskräften Schuhe und Shirts herstellen. So produzieren in China 265 Fabriken für Adidas und beschäftigen in der Hochsaison 300.000 Mitarbeiter. Über Ihre Zulieferbetriebe im Bezirk Fuzhou heißt es, dort würden Hungerlöhne bezahlt und die Mitarbeiter zu unbezahlten Überstunden gezwungen.

Wir haben solche Vorwürfe untersucht und keine Beweise finden können, dass Arbeiter unterbezahlt worden wären. Wir wissen aber, dass Überstunden zeitweise nicht erfasst wurden. Das ist ein allgemeines Problem in der chinesischen Fertigungsindustrie. Wir sind bestrebt, übermäßige Arbeitsstunden etwa durch effizientere Produktionsabläufe zu vermeiden. Ich denke, dass wir auf dem richtigen Weg sind: Wir kriegen dauernd Auszeichnungen für unsere vorbildliche Sozialarbeit, wir sind in unserer Industrie wegweisend. Wir lassen uns auch von unabhängigen Nichtregierungs-Organisationen kontrollieren. Ich kann allerdings nicht für jeden Betrieb die Hand ins Feuer legen. Ich garantiere Ihnen aber: 99 Prozent der Fabrikanten, die in China für uns arbeiten, halten sich an unsere Standards.

Das wäre phänomenal. Könnte das daran liegen, dass Sie die Arbeitsbedingungen vielfach durch eigene oder von Adidas bezahlte Leute statt ausschließlich durch neutrale Organisationen kontrollieren lassen?

Wir haben, das ist richtig, überall eigene Leute...

...die ständig jede der 265 Fabriken, die für Adidas arbeiten, inspizieren?

Manchmal betreuen unsere Inspektoren auch mehrere Fabriken. Wenn ich genau wüsste, welche Fabriken sich nicht an unsere Vorgaben halten, würde ich da natürlich jemand hinschicken.

Die internationale Organisation Clean Clothes Campaign bezweifelt die Wirksamkeit dieser Kontrollen, weil die Kontrolleure im Auftrag von Adidas tätig sind.

Wir lassen selbstverständlich unabhängige Organisationen in unsere Fabriken, übrigens auch Journalisten. Erst neulich war ein Kollege der WirtschaftsWoche vor Ort.

Wir haben doch ein ganz anderes Problem. Wir sind in den vergangenen fünf Jahren sehr schnell gewachsen und haben permanent neue Fabriken aufgemacht. Da sind wir oft nicht hinterhergekommen. Und unsere Produzenten lassen neuerdings auch in Vietnam, Laos und Kambodscha fertigen.

500 Euro für einen Laufschuh von Adidas "made in Germany"

Ist Ihnen China jetzt zu teuer geworden?

Die Löhne, die ja von der Regierung festgelegt werden, sind allmählich zu hoch. In China werden derzeit 50 Prozent unserer Schuhe gefertigt. Das wird prozentual zurückgehen. Wir haben bereits mit einem Lieferanten die ersten Fabriken in Indien aufgemacht. Länder wie Laos, Kambod-scha und Vietnam sind hinzugekommen. Auch in europäische Schwellenländer, in die GUS-Staaten und Osteuropa, wird Produktion zurückkommen.

Mal angenommen, Sie würden auch in Deutschland produzieren...

...Moment! Wir sind der einzige Sportartikel-Hersteller, der noch in Deutschland produziert. Im fränkischen Scheinfeld stellen wir pro Jahr 450.000 Paar Schuhe her, unsere Fußball-Modelle „Coppa Mundial“ und „World Cup“ sowie Spezialschuhe.

Das ist doch verschwindend wenig. Was würde etwa ein Laufschuh im Laden kosten, wenn Sie ihn in Deutschland produzieren ließen?

500 Euro.

Ginge das nicht billiger, wenn Sie Ihre gigantischen Marketing- und Werbeausgaben verringern würden?

Wie sollen wir den Schuh dann verkaufen? Wenn Sie nicht werben, können Sie bald die Schuhe im Büro stapeln. Das wäre der erste Schritt in den sicheren Ruin.

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