Agrarfrost: Der Kartoffelkönig aus Aldrup

07. Dezember 2010
Agrarfrost-Inhaber Eike Stöver Quelle: Stefan Kröger für WirtschaftsWocheBild vergrößern
Agrarfrost-Inhaber Eike Stöver Quelle: Stefan Kröger für WirtschaftsWoche
von Mario Brück

Eike Stöver ist Deutschlands Herr der Knollen. Keiner produziert so viel Pommes und Puffer wie der verschwiegene Familienunternehmer aus dem niedersächsischen Nest Aldrup.

Aldrup ist keine Stadt, auch kein Dorf. Aldrup ist eine Bauernschaft. Kaum ein Dutzend verstreuter Höfe und Häuser, kaum mehr als zwei Dutzend Einwohner – alles ein paar Kilometer außerhalb von Wildeshausen, einer Kleinstadt im niedersächsischen Landkreis Oldenburg. Das Land hier ist so platt wie ein Kartoffelpuffer, nichts versperrt die Sicht auf ein paar orange getünchte Fabrik- und Lagerhallen, auf abgeerntete schier endlose Mais- und Kartoffelfelder.

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Aldrup, keine Stadt, kein Dorf, aber Deutschlands Pommes-Frites-Metropole. Und mittendrin Eike Stöver, mit Frau und zwei Kindern zu Hause auf einem der Höfe – und Deutschlands ungekrönter Kartoffelkönig.

Kein anderer schält und schnipselt, blanchiert und frittiert in Deutschland mehr Kartoffeln. Mit seinen Pommes frites, Kroketten, Rösti, Puffern, Kartoffeltaschen und Chips ist der 38-Jährige sogar einer der führenden Hersteller Europas. 300.000 Tonnen Kartoffeln – so viel wie 60.000 afrikanische Elefanten wiegen oder 12.000 Traktoranhänger fassen – werden am Stammsitz in Aldrup und 150.000 Tonnen in Werk 2 in Oschersleben bei Magdeburg verarbeitet. Stöver beschäftigt mehr als 500 Mitarbeiter und exportiert rechnerisch vier von zehn der verarbeiteten Erdknollen. Größter Einzelabnehmer ist der Burger-Konzern McDonald’s. Insgesamt kommt der Niedersachse im Jahr auf 250 Millionen Euro Umsatz.

Rewe, Aldi, Lidl, Netto, Edeka: Agrarfrost beliefert alle

Bekannt ist Stöver in Deutschland trotz solcher Zahlen nicht. Denn zwei von drei seiner Kartoffelspeisen landen in Packungen, die Fantasiemarken von Handelskonzernen tragen – von Rewe über Aldi und Lidl bis zu Edeka und Netto. Auch die Tiefkühllieferanten Bofrost und Eismann beliefert Stöver. Nur jede dritte Tüte kommt unter der Marke Agarfrost, wie Stövers Unternehmen heißt, in die Läden.

Mehrere Jahre lang versuchte die WirtschaftsWoche, den Vater und Firmengründer Reinhold Stöver zu treffen. Erst Sohn Eike, der seit dem Jahr 2007 das Zepter führt, gewährte jetzt erstmals einem überregionalen Medium einen Blick ins Unternehmen und hinter die Kulissen.

8.30 Uhr in Aldrup. Es schüttet wie aus Eimern an diesem Novembertag. Junior Stöver steigt in seinen schwarzen Audi Q5 und rauscht in Richtung Firma. Gerade mal drei Minuten dauert die Fahrt vorbei an den Äckern. Dann hält er auf dem reservierten Parkplatz vor dem Bürogebäude, hastet zur Rückseite des Fahrzeugs, öffnet den Kofferraum, schiebt die kniehohen Gummistiefel beiseite und schnappt sich seine schwarze Outdoorjacke.

Kartoffeln erfreuen sich wachsender Beliebtheit

"Moin Thomas", begrüßt Stöver seinen Werksleiter Thomas Modigell. "Moin Eik", antwortet der. Eik statt Eike, so nennen langjährige Mitarbeiter ihren Chef.

Agrarfrost ist Marktführer bei tiefgekühlten Lebensmitteln aus Kartoffeln – ein Beilagensortiment, das sich in Deutschland wachsender Beliebtheit erfreut. Zwischen 1999 und 2009 stieg der Absatz tiefgekühlter Fritten und sonstiger Kartoffelabkömmlinge im Lebensmittelhandel von 165.000 Tonnen auf mehr als 220.000 Tonnen, ein Plus von 35 Prozent. Im Schnitt futtern die Deutschen pro Jahr und Kopf gut 60 Kilogramm Kartoffeln. Mehr als die Hälfte davon kommt industriell verwandelt auf den Teller, vor allem als Pommes frites.

Irgendwie muss Eike Stövers Vater Reinhold diesen Boom geahnt haben. Anfang der Sechzigerjahre, er hatte gerade mit 23 Jahren den elterlichen Bauernhof mit 43 Hektar Land und ein paar Milchkühen übernommen, reist der Jungbauer in die USA. Eigentlich möchte er sich dort über den Anbau von Kartoffeln informieren. Doch beim Anblick von Burgern und French fries, wie Fritten auf amerikanisch heißen, spürt er sofort: Pommes, das ist das kommende Ding.

1967 startet Stöver sen. mit fünf Mitarbeitern die Produktion: in einer Diele des elterlichen Bauernhauses und mit einer gebrauchten Pommes-frites-Maschine mit einer Stundenleistung von 300 Kilogramm. Schon im Gründungsjahr produziert er 600 Tonnen und setzt damit umgerechnet rund 100.000 Euro um.

Stöver jun. steht im weißen Kittel und mit blauem Haarnetz dort, wo damals das Bauernhaus mit dem archaischen Kartoffelschnitzer stand und wo jetzt die fertige Ware nur so vom Band flitzt: 32 Kartons mit fünf Beuteln à 2,5 Kilogramm – pro Minute. Auf dem Karton steht M wie McDonald’s. Die weltgrößte Fast-Food-Kette ist Stövers größter Einzelkunde.

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Kommentare | 2Alle Kommentare
  • 06.09.2012, 18:23 UhrAnonymus

    Egal wie - wer so einen Betrieb aus dem Boden stampft muss mehr einsetzen als als das Handgelenk..dazu gehören auch die Ellenogen.
    Sicherlich kann man über den Firmengründer schimpfen bis zum geht-nicht-mehr, aber eine solche Leistung muss erst mal einer nachmachen!

  • 09.08.2011, 20:09 Uhrkarzwortel

    Kartoffelacker hat Reinhold Stöver doch genug, gekauft für ein Ei und ein butterbrot bei der Treuhand in der ehemaligen DDR. Als Kreisvorsitzender der CDU war der Deal sicher nicht sehr schwierig. Jetzt wissen wir auch wo ein Teil der Schulden unseres Staates gelandet sind. Gratuliere ReinholdS

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